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Fußball-Kommentar : Terry in der Tiger-Woods-Falle

Verfehlung nach innen: John Terry Bild: REUTERS

Die Affäre des englischen Nationalspielers John Terry ist noch heikler als die des Golfers Tiger Woods: Sie bringt Sprengkraft in die Auswahl von Fabio Capello. Denn Ehebrüche bekannter Sportler sind keine reine Privatsache mehr.

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          Die letzten Tage der Transferperiode, die am Montag endete, stehen meist im Zeichen hektischer Spielerwechsel. In Englands Fußball dominierte diesmal etwas anders: ein Partnerwechsel. John Terry, Kapitän der Nationalelf, hatte bis Freitag vor Gericht versucht, die Veröffentlichung seiner Affäre mit der Freundin von Wayne Bridge, bis 2009 Kollege bei Chelsea und bis heute auch im Nationalteam, und einer angeblich von Terry bezahlten Abtreibung zu verhindern.

          Womit Formel-1-Boss Max Mosley noch Erfolg hatte, nämlich die Presse zum Schweigen über seinen erotischen Umgang zu bringen, ist Terry nicht gelungen. Ein Richter mit dem schönen Namen Tugendhat entschied, dass es Terry bei seiner Klage nicht so sehr um den Schutz der Privatsphäre, sondern der Sponsoreneinnahmen gehe.

          Die übliche Mischung aus Voyeurismus und Scheinmoral

          Ehebrüche bekannter Sportler sind keine reine Privatsache mehr, weil sie neben ihrer Leistung auch ein Image verkaufen. Es ist die Tiger-Woods-Falle. Anders als bei dem Golfer ist der Seitensprung des Fußballers zusätzlich heikel, weil er einen Kollegen betrifft, der wie er wohl zum WM-Aufgebot gehören wird. Solche Frauengeschichten bergen Sprengkraft in Männerteams. Sie gefährden den Zusammenhalt in einem Maße, dass oft einer gehen muss. Auch in der Bundesliga gab es schon manche Transfers von Spielern, die man sportlich nicht verstand, die dann aber hinter vorgehaltener Hand durch vorangegangene Transfers im Privatleben plausibel (aber inoffiziell) erklärt wurden.

          Wayne Bridge, Terrys ehemaliger Kollege bei Chelsea, spielt bei Manchester City
          Wayne Bridge, Terrys ehemaliger Kollege bei Chelsea, spielt bei Manchester City : Bild: picture-alliance/ dpa

          Terry zeigte sich unbeeindruckt und köpfte das 2:1-Siegtor in Burnley. Doch das Familienheim war leer. Mrs. Terry war mit den Zwillingen nach Dubai verreist. Sie soll von Scheidung sprechen. Bei solchen Berichten herrscht in England nun die übliche Mischung aus Voyeurismus und Scheinmoral. Die Vertreter jener Blätter, die durchs Schlüsselloch spähen, geben sich als Vertreter der Aufklärung. Sie reden von „nationalem Interesse“, von der Frage, ob der Kapitän der Nationalelf diskreditiert und die WM-Chance gefährdet sei. Der Sportminister sprang auf den Zug auf und stellte Terrys Führungsrolle in Frage.

          Die Gruppenpsychologie des Fußballs

          Das ist scheinheilig, denn schon seit vielen Jahren ist bekannt, dass Terry vielleicht als Spieler, aber nicht als Mensch zum Vorbild taugt. Einer, der amerikanische Touristen am Tag nach dem 11. September betrunken verhöhnte, der auf Behindertenplätzen parkte, mit Kollegen um viel Geld zockte und für private Führungen über das Gelände des Klubs (ohne dessen Wissen) die Hand aufhielt, taugt kaum als moralische Instanz. Dafür bedurfte es gar nicht mehr der Affäre mit der Frau des anderen.

          Doch erst dieser Bruch des Kodex unter Kollegen hat ihn bei Mitspielern diskreditiert. Schon sollen mehrere Nationalspieler dafür sein, Terry als Kapitän abzusetzen oder gar ganz aus dem Boot zu werfen. Denn der Fußball mit seiner Gruppenpsychologie der (friedlichen) Kampferfahrung gehorcht auch einer militärischen Moral. Sie besagt: Wer Verfehlungen nach außen begeht, wird gestützt – wer sie nach innen begeht, gegen die eigenen Leute, wird gestürzt.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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