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Fußball-Kommentar : Ewig gestriger Calcio

Großes Talent, große Probleme: Mario Balotelli wird immer wieder rassistisch beleidigt in Italien Bild: REUTERS

Im italienischen Fußball gibt es viele Missstände. Nun musste Mario Balotelli eine Geldstrafe zahlen - weil er sagte, er sei „angewidert“ von den Fans, die ihn wieder einmal rassistisch beleidigten. Die Krakeeler und deren Verein indes entgingen einer Strafe.

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          Für die Anstößigkeiten im italienischen Fußball und seinen moralischen Stand gibt es keine Tabelle. Aber seit vielen Jahren lässt sich an ungezählten Missständen ablesen, wie aus dem einst bezaubernden und bewunderten Fußball-Land, das 1990 die Welt empfing, innerhalb einer Generation ein europäisches Schmuddelkind ersten Ranges wurde.

          Zerfallende und kaum mehr zu füllende Stadien, rechte Krakeeler und Randalierer sowie machtbesessene Ultras haben über Jahre zu einem Verlust an Ansehen und Leichtigkeit beigetragen, dem weder Vereine noch der Verband Einhalt gebieten konnten und mochten. An jedem Spieltag sind halbleere Arenen und rassistische Ausfälle das Ergebnis eines vielfach hoffnungslos veralteten Calcios der Patriarchen, den die Medien im Berlusconi-Land dennoch immer weiter glänzen lassen wollen.

          In dieser Woche hat ein Urteil der nationalen Liga wieder gezeigt, dass in der hermetischen italienischen Fußballwelt andere Maßstäbe gelten als in Europa. Der schon vielfach rassistisch beleidigte Junioren-Nationalspieler Mario Balotelli ist zu einer Geldstrafe von 7500 Euro verurteilt worden, weil er nach dem 1:0 seines Klubs Inter Mailand in Verona sagte, dass er von den Fans „angewidert“ sei. Der in Ghana geborene Stürmer war wieder einmal Ziel und Opfer rassistischer Schmähungen geworden.

          „Wenn du Millionär bist und für Milan spielst, bist du etwas weniger Neger“

          Chievo Verona jedoch entging einer Strafe. Das ist weder mit den Vorgaben noch dem Geist der Europäischen Fußball-Union im Kampf gegen den Rassismus vereinbar. Die Sanktionsmöglichkeiten reichen von Geldstrafen über Punktabzug bis zu Spielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit – das hat es nach anderen Beleidigungen gegen Balotelli schon gegeben.

          Doch von der Konsequenz, mit der etwa der englische Verband und weithin auch der Deutsche Fußball-Bund ihre Spieler vor rassistischen Angriffen schützen, ist der Calcio noch immer weit entfernt. „Wenn du Millionär bist und für Milan spielst, bist du etwas weniger Neger“, sagte schon der Niederländer Ruud Gullit über die Zustände vor zwanzig Jahren.

          Vielleicht könnte diese bittere Wahrheit auch bald für Balotelli gelten – falls er Italien bei der WM vertreten darf. Mit seinen 19 Jahren ist der treffsichere und oft ungezügelte Stürmer eines der größten Talente des Landes. Aber Balotelli spaltet Italien wie kein anderer Profi – nach dem im Stadion immer wieder Geschmähten wurde schon eine Schule benannt. Nationaltrainer Lippi aber hat ihn bisher nicht eingeladen. Die Zeit ist vielleicht noch nicht reif.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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