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Fußball-Kommentar : Die freie Auswahl

Neuer liegt den Bayern nur in diese Szene zu Füßen Bild: dapd

Pfiffe vom Bayern-Volk? Egal. Einer wie Neuer kann sich seinen Klub aussuchen - und seine Fans.

          2 Min.

          Zur direkten Demokratie taugt der Fußball nicht. Vereine müssen das Volk zwar bei Laune halten, dürfen ihnen aber keinen Einfluss auf Entscheidungen geben, sonst wird aus Professionalismus Populismus. Bei einem Klub wie dem FC Bayern, der seine Anhänger seit Jahrzehnten mit Erfolgen und guten Spielern verwöhnt, müssen die Verantwortlichen Agitation an der Basis normalerweise auch nicht befürchten. Nun aber versucht ein großer Teil der organisierten Fans, mit den geplanten Attacken gegen Manuel Neuer in die Personalpolitik einzugreifen.

          „Koan Neuer“, so empfing es den Nationaltorwart von Schalke 04, den der FC Bayern umwirbt, tausendfach auf DIN-A-3-Papier zum Pokalhalbfinale (siehe auch: Bayern-Fans gegen Neuer: Pöbeleien, Pfiffe, Proteste - und eine Entschuldigung und DFB-Pokal: Schalke 04 klaut Bayern das DFB-Pokalfinale). Aus den Kehlen kam noch deutlich Unfreundlicheres, und jede seiner Aktionen begleitete ein Pfeifkonzert. Der Tiefpunkt war erreicht, als Neuer nach einem überharten Einsteigen von Arjen Robben behandelt werden musste – und die Zuschauer in der Südkurve, laut Stadionsprecher „Herz und Seele unseres Vereins“, hinter seinem Tor „Zugabe“ skandierten.

          Vermutlich liegt dieses Verhalten in einem Plagiat begründet. Die Geste von Oliver Kahn, der nach dem dramatischen Gewinn der Meisterschaft 2001 im Fernduell mit Schalke die Eckfahne herausgerissen und wie eine Trophäe geschwenkt hatte, kopierte Neuer nach dem Schalker Sieg in München 2009 – und machte sich damit bei vielen Fans zur unerwünschten Person.

          Des Volkes Wille: Auch Bayern verurteilen Plagiate
          Des Volkes Wille: Auch Bayern verurteilen Plagiate : Bild: dpa

          Auf dem Weltmarkt

          Das brachte Karl-Heinz Rummenigge nun in die Bredouille, Boden zurückzuerobern im Kampf um den vielleicht bald weltbesten Torwart, dabei aber die Fans nicht gegen die Klubführung aufzubringen. „Der Junge hat überhaupt nichts gemacht, das ist nicht in Ordnung“, sagte der Vorstandschef, der sich „im Namen des FC Bayern“ bei Neuer entschuldigte. Der reagierte im Spiel höchst professionell auf den Empfang, nämlich fehlerlos, antwortete danach aber spürbar kühl auf die Frage, ob ihm das nicht die Lust nehme, für solch einen Verein zu spielen: „Ich habe ja nie gesagt, dass ich für diesen Verein spielen will.“

          Nach dem seit langem erwarteten und nun offiziellen Markteintritt von Manchester United ins Ringen um Neuer ist das Fan-Verhalten vom Mittwoch ein Rückschlag für die Personalplaner des FC Bayern, die im defensiven Dreieck von Torwart und Innenverteidigern endlich eine Weltklasselösung brauchen.

          Die Zeiten, in denen der Klub als Stärkster in der Bundesliga-Nahrungskette nach Belieben die besten deutschen Profis bekam, sind vorbei, seit der Erfolg des Nationalteams sie auch in Spanien und England interessant gemacht hat. Ein junger Top-Spieler hat, um auf der großen Bühne präsent zu sein, nicht nur die Option Bayern. Er ist längst nicht mehr auf dem deutschen, er ist auf dem Weltmarkt. Einer wie Neuer kann sich seinen Klub aussuchen. Und seine Fans.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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