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Fußball-Kommentar : Das Eigentor

Dieselbe Szene im WM-Finale 2014 - Ein Blick auf die Uhr genügt: „Goal“ Bild: AP

Keine Torlinientechnik, kein Tor. So einfach und schrecklich kann Fußball für Verlierer sein. Doch noch schlimmer ist: ein- und dieselbe Szene wird in Deutschland anders als in Europa und der Welt beurteilt.

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          WM-Finale 2014, Rio de Janeiro. Es läuft die 65. Spielminute. Deutschland drängt. Es ist die beste Phase der Mannschaft. Plötzlich fliegt der Ball durch den Fünfmeterraum. Mats Hummels erkennt die Chance. Aber er steht schlecht. Er ist zu nah vor das Tor gelaufen, ein, zwei Schritte. Aber er will diesen Ball unbedingt erwischen. Er verdreht seinen Körper und springt flach nach hinten ab, um den Ball in Hüfthöhe zu erreichen. Seine Beine fliegen schon in Richtung Tor, Körper und Kopf zwingt er in die entgegengesetzte Richtung, dem Ball entgegen. Hummels erwischt ihn mit der Schläfe. Der Ball fliegt in Richtung Tor. Dante erkennt die Gefahr. Er läuft zurück. Mit dem rechten Fuß auf der Torlinie stehend, drischt er den Ball mit dem anderen weg. Hummels jubelt. Er hat gesehen, dass der Ball hinter der Linie war. Der Schiedsrichter schaut auf seine Armbanduhr. Goal steht drauf. Er zeigt zum Anstoßpunkt. Jetzt steht es fest: 1:0 für Deutschland gegen Brasilien. Noch 25 Minuten zu spielen. Das ist der Sieg.

          So könnten Hummels und Deutschland in zwei Monaten Weltmeister werden. Mit Torlinientechnik. Für den DFB-Pokal reichte Hummels regulärer Treffer am Samstagabend allerdings nicht. Keine Torlinientechnik, kein Tor. So einfach und schrecklich kann Fußball für Verlierer sein. So ist eben der Fußball, kann man da sagen. Aber fast nur noch in Deutschland, muss man mittlerweile hinzufügen.

          In der Seins-Frage des Fußballs – Tor oder nicht Tor – sind seit Jahren alle Argumente ausgetauscht. Und selbst wenn zwischen Himmel und Torlinie mehr passen sollte, als Tortechniker je erkennen können, ist es ein Ärgernis, wenn mittlerweile ein- und dieselbe Szene in Deutschland ganz anders als in Europa und der Welt beurteilt wird. Von der Einheit des Fußballs, die so gerne von den Funktionären beschworen wird, kann im entscheidenden Augenblick des Spiels jedenfalls keine Rede mehr sein. Der Internationale Fußball-Verband (Fifa) vertraut bei seinen Wettbewerben auf die Kamera-Torlinientechnik Goalcontrol, die Europäische Fußball-Union (Uefa) schickt in der Champions und Europa League von Wladiwostok bis Lissabon zusätzliche Torrichter auf die Reise, während der Deutsche Fußball-Bund von der C-Klasse bis zum Saisonhöhepunkt eines in rund 200 Ländern übertragenen Weltklasseduells zwischen Bayern und Dortmund auf den Regelungen des 19. Jahrhunderts mit einem Schieds- und zwei Linienrichtern beharrt. Soviel Ignoranz war nie auf deutschen Fußballplätzen.

          Und weil dieser eine Moment, der im Fußball alles verändern kann, in Berlin nicht zählte, sind die Verhältnisse hierzulande wieder fest gefügt. Die Bayern siegten verdient und alle Dortmunder Träume verbleiben im Irrealis. Gewinner halten sich mit solchen Momenten, an denen sich das sportliche Schicksal zu ihren Gunsten wendet, ohnehin nicht lange auf, weder die Engländer bei der WM 1966 noch die Deutschen 2012 – oder nun die Double-Bayern 2014. Gerecht war der Fußball bekanntlich nie. Aber wenigstens war er lange überall gleichermaßen ungerecht. Doch selbst dieser Trost ist in Deutschland für die Verlierer verflogen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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