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Fußball-Kommentar : Abpfiff bei Rassismus

Kevin-Prince Boateng und Mario Balotelli: Warum? Bild: REUTERS

Wenn Schiedsrichter nicht schützen, sind die Spieler zum Handeln gezwungen. Der Kampf von Boateng, Balotelli und Co. hat gerade erst begonnen.

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          Als Mario Balotelli noch für Manchester City spielte - wohin er auch wegen rassistischer Anfeindungen in Italien gewechselt war, wenn nicht gar geflüchtet -, zog er im Stadion sein Trikot über den Kopf, und darunter kam ein T-Shirt zum Vorschein mit der Aufschrift: „Why always me?“ Warum immer ich? Warum immer Balotelli?

          Diese Frage, die der italienische Stürmer ghanaischer Abstammung seit seinen ersten Tagen im Profifußball mit sich herum trägt, stellt sich seit dem vergangenen Wochenende aufs Neue. Diesmal waren es Anhänger des AS Rom, seit Jahren bekannt für rassistische und antisemitische Parolen, die Balotelli beleidigten - und der Serie A zeigten, dass sie auch wenige Monate nach dem Protest von Kevin-Prince Boateng und des AC Mailand noch immer kein Mittel gegen den Rassismus aus der Kurve gefunden hat.

          Der Schiedsrichter unterbrach die Partie in Mailand zwar für einige Minuten, aber dann wurde weitergespielt, als ob nichts geschehen wäre. Warum nur? Auch Joseph Blatter hat sich diese Frage gestellt und darauf am Montag eine deutliche Antwort gegeben. „Entweder es wird weitergespielt, oder es wird ganz abgebrochen. Es darf nicht vorkommen, dass ein 22 Jahre alter Spieler mit rassistischen Gesängen beleidigt wird. Leider geschieht in Italien so etwas immer noch“, teilte der Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes mit. „Man muss das Problem Rassismus nicht nur mit Worten, sondern mit Taten bekämpfen.“

          Was nutzt eine Task Force?

          Im italienischen Fußball, so die Botschaft des vorletzten Spieltags, ist diese entschlossene Haltung der Fifa-Spitze aber noch längst nicht im Liga-Alltag angekommen. Geldstrafen hat es zuletzt nach rassistischen Schmähungen zwar gegeben, aber als eine empfindliche Strafe wurden die Sanktionen kaum empfunden. Im aktuellen Fall hat man es bei der Anhängerschaft des AS Rom zudem mit Wiederholungstätern zu tun, die seit Jahren rechtsradikales und rassistisches Gedankengut verbreiten. Dass ein Teil dieser Anhänger selbst einen erfolgreichen italienischen Nationalspieler wie Balotelli wegen seiner Hautfarbe beleidigt, kann nur den verwundern, der nicht weiß, dass die Rassisten auf den Rängen des AS Rom vor zwei Jahren auch einen farbigen Spieler des eigenen Klubs verunglimpften.

          Erst im März hatte der Weltverband eine Task Force in seinem neuen Kampf gegen Rassismus gegründet. Boateng hatte kurz zuvor nach Beleidigungen in einem Testspiel mit seinen Kollegen vom AC Mailand das Feld verlassen und so den ersten Spielabbruch einer Profimannschaft wegen rassistischer Beleidigungen herbeigeführt. Die wichtigste Lehre aus diesem Vorfall sollte der Schutz der Spieler und des Spiels sein - durch den Schiedsrichter. Darin lag auch ein Versprechen. Der Fußball wollte so auch willkürliche Spielabbrüche durch Spieler verhindern, die sich in diesen Momenten nicht mehr anders zu helfen wissen. Boateng, Balotelli und Co. aber werden so weiter alleine gelassen. Ihr Kampf ist noch lange nicht gewonnen, er hat gerade erst begonnen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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