https://www.faz.net/-gtl-pjmw

Fußball-Jahreschronik : Das Leben des David

Typisch für 2004: Streit mit dem Schiedsrichter Bild: REUTERS

Er ist der spektakulärste Elfmeterverschießer, der sportlichste Hemdenverkäufer und der fleißigste Doku-Soap-Stofflieferant der Welt. Hinter David Beckham liegen zwölf harte Monate.

          7 Min.

          Vor einem Jahr stand an dieser Stelle "Das Leben des Diego", die abenteuerliche Jahreschronik des unvergleichlichen Maradona. Inzwischen steht der kugelige Argentinier aber längst im Schatten eines anderen: des spektakulärsten Elfmeterverschießers, sportlichsten Hemdenverkäufers und fleißigsten Doku-Soap-Stofflieferanten der Welt. Hier seine wahre Geschichte, der etwas andere Jahresrückblick: Das Leben des David.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Januar: Dichtung

          In Deutschland erscheint "Mein Leben" von David Beckham - eine Übersetzung aus dem Englischen, in dem es inzwischen fast zwei Dutzend Bücher über Beckham gibt. Die literarische Welt ist gespalten, das "Deutsche Handwerkblatt" immerhin preist den Autobiographen: "Er trifft nicht nur Papierkörbe, sondern auch den Zahn der Zeit." Letzterer nagt allerdings: Real Madrid verliert die Tabellenführung. Der blasse Beckham verdient sich den Beinamen "Der Unsichtbare".

          Februar: Dschungel

          Katie Price, in Deutschland als "Boxenluder" neben Ralf Schumacher bekanntgeworden und seitdem operativ weiter expandiert, palavert in der englischen Version der "Dschungelshow" ("Ich bin ein Star, holt mich hier raus") von einer angeblichen Affäre mit Beckham. Der Fußballstar, der allein in Madrid lebt - Frau und Kinder wohnen noch in England -, läßt seinen jeder Frauenaffäre unverdächtigen Freund Elton John dementieren: "David ist viel zu gut für Katie."

          März: Frisur sitzt

          Im Hinspiel im eisigen München ist Beckham glimpflich davongekommen: In seiner besten Szene fand er den verlorenen Zopfgummi im Gras wieder, und dank Kahns Krabbler beim Kullerfreistoß holte Real gegen die besseren Bayern ein 1:1. Das Rückspiel in Madrid gewinnen sie sogar. Es wird Reals einziger Sieg gegen einen von Europas Topklubs im Jahr 2004 bleiben.

          April: Frauen reden

          Fette Beute für den Boulevard: Rebecca Loos, Beckhams "persönliche Assistentin", stößt sich mit den Enthüllungen über ihre angebliche Affäre mit dem Ballstar gesund. Die Dame verkauft ihren "Sex-SMS"- Schriftverkehr mit Beckham und plaudert in TV-Interviews. Victoria Beckham sitzt sauer in "Beckingham Palace", dem Familienanwesen in Nordengland, und nennt die Rivalin eine "dumme Kuh".

          Als der saftige Medienstoff ausgeht, legen andere mit angeblichen Beckham-Bettgeschichten nach: die Pastorentochter Sarah, die Anwaltstochter Celina, schließlich die Visagistin Danielle, die mindestens zwei ihrer "Schönheitsbehandlungen" des Fußballers über das geschäftlich übliche Maß hinaus vertieft haben will.

          Mai: Weltraumschrott

          Das "Time Magazine" führt unter den hundert "einflußreichsten lebenden Personen" nur zwei Deutsche auf, Joschka Fischer und Jürgen Habermas. Mit dabei, einflußreicher als Kanzler Schröder also: David Beckham. Wo sieht man diesen Einfluß? Zum Beispiel bei den Modenschauen in Paris und Mailand, deren Kreationen der Aura des "Metrosexuellen" nachspüren.

          Hinter diesem Begriff verbirgt sich nicht das Thema Erotik im öffentlichen Nahverkehr, sondern ein Trend, den angeblich Beckham macht, dem aber eigentlich nur Beckham folgt: der männliche Metropolist, der wechselnde Frisuren, teure Wäsche und Nagellack trägt, ohne schwul zu sein.

          Wo endet Beckhams Einfluß? Auf dem Fußballplatz. Real beendet die Saison mit fünf Niederlagen nacheinander, Negativrekord in 75 Jahren, und ohne Titel. Beckham fällt nur einmal auf. Er fliegt in Murcia vom Platz, und das nur wegen Lernfähigkeit: Nach einem Jahr Spanisch-Lektionen gelingt es ihm, den Linienrichter so zu beschimpfen, daß der es versteht: als "hijo de puta" (Hurensohn). "Dieses Madrid ist Unfähigkeit in Potenz", schreibt "Marca" über die Landung der "Galaktischen": "Es bleiben nur noch Trümmer."

          Juni: Raketenschuß

          In seinem Buch "Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell" erinnert Klaus Theweleit daran, wie England die große WM-Chance 2002 verspielte: indem Beckham bei Führung gegen Brasilien ein Tackling mädchenhaft mied. Ronaldinho nahm sich den Ball, Brasilien traf, England verlor, und der deutsche Gesellschaftstheoretiker fand darin eine "Szene schuldloser Schuld", in der das "heroische Element des Fußballs" als "tragischer Hauch" über den Platz wehte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Historischer Altbau oder doch die Hochhauswohnung? Was sich die Deutschen leisten können, hängt nicht nur von der Region ab, sondern kann auch je nach Stadtviertel stark variieren.

          F.A.Z. exklusiv : So teuer ist Wohnen in Deutschland

          Eine Bude in München oder doch lieber das große Traumhaus in Thüringen? Der F.A.Z. liegen exklusiv Zahlen vor, die belegen, wie groß die Preisunterschiede zwischen Städten, Regionen und sogar Stadtteilen tatsächlich sind.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.