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Fußball : Italiens rückwärtsgewandte Fußballkrieger

  • -Aktualisiert am

Agent provocateur: Paolo Di Canio Bild: REUTERS

Kaum eine Stadt ist so fußballverrückt wie Rom, aber nirgendwo sonst flammt diese Leidenschaft mit ähnlich brutaler Gewalt auf. Beim AS Rom kam es zu Ausschreitungen, beim Lokalrivalen Lazio zu rassistischen Sprechchören.

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          Kaum eine Stadt in Europa ist so fußballverrückt wie Rom, aber nirgendwo sonst flammt diese Leidenschaft mit ähnlich brutaler Gewalt auf. Inzwischen scheinen zahllose Römer ihre genetische Vorliebe für Gladiatorenkämpfe auf den Fußball übertragen zu haben.

          Die Bilanz der vergangenen Monate ist niederschmetternd: Der AS Rom machte in der Champions League Schlagzeilen mit Ausschreitungen und einem blutigen Münzenwurf gegen Schiedsrichter Anders Frisk - es gab ein Zuschauerverbot für den Rest des Wettbewerbs, und der Club schied unrühmlich aus dem europäischen Fußball aus. Stadtkonkurrent Lazio Rom ereilte nach rassistischen Sprechchören beim Ausscheiden aus dem Uefa-Pokal dasselbe Schicksal: Heimspielsperre.

          Nebelbomben und Schulden

          Seither tun die Tifosi von Italiens Hauptstadt alles, um ihren schlechten Ruf zu untermauern. Schon im Frühjahr 2004 war bei einer Skandalpartie das städtische Derby abgebrochen worden, nachdem die Ultras beider Seiten das Feld zu stürmen drohten und die Spieler bedrohten.

          In dieser Woche nun verhängte Italiens eigentlich sehr langmütiger Fußball-Verband gegen den AS Rom die sechste Platzsperre der Saison, weil die Fans beim 5:1-Auswärtssieg im Pokal in Siena Spiel und Fernsehübertragung mit Nebelbomben für über eine Stunde lahmgelegt hatten. Die Antwort frustrierter Raucher auf das neue Zigarettenverbot in öffentlichen Räumen? Wie so oft muß Rom nun auf neutralem Boden und unter Ausschluß des Publikums spielen, und wie in der Champions League fallen Einnahmen in Millionenhöhe weg.

          Faschistengruß

          Dabei ächzt der AS Rom ohnehin schon unter einem gewaltigen Schuldenberg. Vereinschef Franco Sensi konnte den Konkurs nur durch Notverkäufe von Spielern und Immobilien abwenden, doch dümpelt der einstige Meister mit einer zynischen Truppe unregelmäßig bezahlter Profis nur mehr im Mittelfeld der Serie A.

          Ebenso erging es dem ehemaligen Meister Lazio Rom, dessen Eigner, der Finanzjongleur Cragnotti, Konkurs ging und zwischenzeitlich in Hausarrest mußte. Nur mit Hilfe der gleichnamigen Region Lazio und einem Bankenkonsortium konnte der Verein überleben, machte aber vor zwei Wochen sogleich wieder unrühmliche Schlagzeilen, als Kapitän Paolo di Canio ein Tor vor der Fankurve mit dem Faschistengruß feierte.

          Tausende Rechtsradikale

          Diese Entgleisung war kein Zufall. In den Fanklubs der Hauptstadt vermutet die Polizei einen Kern von tausenden Rechtsradikaler, die den einstigen Duce Mussolini verherrlichen. Bei Lazio Rom kontrollieren diese Fans, die sich zum Teil nach der Faschistenhymne „Giovinezza“ (Jugend) nennen, sogar den Verkauf der weißblauen Fan-Artikel.

          Wenn schon ein Politiker wie Regierungschef Berlusconi Mussolinis Untaten entschuldigt und sein Stellvertreter Fini mitsamt den Chefs der Region Latium aus der faschistischen Nachfolgepartei „Alleanza Nazionale“ stammt, lockert dies die letzten Hemmungen der römischen Fans, die sich in rührigen Lokalradios als neofaschistische Elite feiern.

          Moral auf den Hund gekommen

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