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Fußball in Südamerika : Durch die Klub-WM zurück auf die Weltkarte

  • -Aktualisiert am

2018 hat Real Madrid die Klub-WM gewonnen. Bild: Reuters

Die Klub-WM ist die einzige Möglichkeit für südamerikanische Traditionsvereine, sich mit den Weltbesten aus Europa zu messen. Bei der Erweiterung der Klub-WM auf 24 Mannschaften wittern Vereine wie Flamengo ihre Chance.

          Mittwoch Nachmittag in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá: Es ist Champions-League-Zeit, und als der FC Bayern den FC Liverpool empfängt, füllen sich die Restaurants und Cafés im Ausgehviertel Parque 93. Das Duell der beiden europäischen Topklubs elektrisiert auch rund 10.000 Flugkilometer entfernt die Fußballfans. Die europäische Champions League ist die „Benchmark“, wie der damalige Fifa-Präsident Joseph Blatter einmal sagte, als er gefragt wurde, warum Brasiliens Topstar Neymar keine Chance habe, bei der Weltfußballer-Wahl an den großen Platzhirschen Cristiano Ronaldo und Lionel Messi vorbeizukommen.

          Neymar spielte damals beim FC Santos und hatte gerade dem Confed Cup 2013 seinen Stempel aufgedrückt, war zweimal zu Südamerikas Fußballer des Jahres gewählt worden. Brasiliens Journalisten verzweifelten an der europäischen Marktmacht, die Neymar einfach noch nicht akzeptieren wollte. Es folgte sein Wechsel zum FC Barcelona. Danach wurde er zum Weltstar.

          Die europäische Champions League ist das Maß aller Dinge im globalen Vereinsfußball. Sie absorbiert die Topstars der Welt, die Aufmerksamkeit, die Milliarden der TV-Verträge und der Werbung und erdrückt damit alle anderen sportlichen Vereinswettbewerbe auf diesem Planeten. Sie ist das Zentralgestirn des weltweiten Fußball-Business. Mit dem Aufstieg der Champions League erfolgte parallel der Bedeutungsverlust des südamerikanischen Vereinsfußballs. Jener Region, die qualitativ noch am ehesten in der Lage ist, der Champions League die Stirn zu bieten, aber inzwischen zu einer reinen Zuliefererregion abgesunken ist.

          Einzige Chance, sich zu messen

          Einmal im Jahr darf sich der Sieger der Copa Libertadores, der südamerikanischen Champions League, mit dem europäischen Kontinental-Champion bei der Klub-WM messen. Wenn er es denn überhaupt ins Finale der Klub-WM schafft. In den letzten zehn Jahren kam der Sieger neunmal aus Europa, nur die Corinthians aus São Paulo unter dem aktuellen brasilianischen Nationaltrainer Tite schafften es 2012, die Phalanx der Europäer zu durchbrechen. In den Jahren davor, als die Schere noch nicht so weit auseinandergegangen war, gab es auch immer mal wieder Sieger aus Südamerika. Während die Klub-WM aus Europa eher müde belächelt wird, gilt der Wettbewerb aus südamerikanischer Sicht als die einzige Chance, sich mit den Weltmarktführern zu messen. Für einen einzigen Klub wohlgemerkt.

          Die Einführung einer neuen, von sieben auf 24 Mannschaften erweiterten Klub-WM wäre für die südamerikanischen Traditionsvereine eine Chance, auf die Weltkarte des Fußballs zurückzugelangen. Mannschaften wie die Corinthians aus São Paulo, Flamengo aus Rio de Janeiro, die Boca Juniors und River Plate aus Buenos Aires oder die Millonarios aus Bogotá – in den frühen fünfziger Jahren die beste Vereinsmannschaft der Welt, ehe Real Madrid ihnen Alfredo di Stefano wegkaufte und der kometenhafte Aufstieg der Königlichen begann – brächten zwar keine Scheichs oder russischen Oligarchen als Investoren mit, dafür aber viel Tradition und Geschichte.

          Die Europäer reagieren bislang mit neokolonialem Spott auf die Pläne. Manchester City gegen Hekari United oder Barcelona gegen Mamelodi Sundowns wolle niemand sehen, heißt es in manchen Zeitungskommentaren. Das ist die Perspektive in einem Teil der Welt, in dem Milch und Honig fließen und die auf Kosten der anderen Weltregionen lebt. Aus Sicht einer kontinentalen Liga, deren sportliche Qualität und ökonomische Potenz daher rührt, dass sie sich aus den Kolonien des Weltfußballs bedienen kann. Europas Champions League ist deswegen so überragend, weil dort auch die besten Spieler aus Südamerika und Afrika spielen. Weltstars kommen – Cristiano Ronaldo und Kylian Mbappé einmal ausgenommen – aus Ägypten, Senegal, Brasilien, Argentinien, Uruguay. Nur einmal angenommen, Spieler wie Messi, Neymar, Mané oder Salah würden immer noch in ihren Heimatklubs spielen: Wären die Duelle mit den Klubs aus Afrika oder Südamerika dann immer noch so uninteressant?

          Verglichen mit der Politik, kommt der Begriff des Isolationismus dieser Haltung am nächsten, beschreibt er doch das Bestreben einer Macht, ihr außenpolitisches Wirken auf bestimmte Gebiete der Welt zu beschränken und Bündnisverpflichtungen zu vermeiden. Europa und seine Geldmaschinen wollen unter sich bleiben, sich abschotten. Der Rest der Welt hat – so sieht man das in Südamerika – seine besten Fachkräfte abzuliefern und die Liga durch Pay-TV-Verträge mitzufinanzieren.

          Es gibt viele Gründe, diese neue Klub-WM mit 24 Mannschaften zu kritisieren. Dass dahinter knallharte Machtinteressen des Fifa-Bosses Gianni Infantino stecken zum Beispiel. Dass die Pläne dafür in Hinterzimmern ausgeheckt wurden ebenso. Trotzdem hat dieser Wettbewerb eine Chance verdient, wenn er aus sportlicher und globaler Perspektive betrachtet wird. Denn eine Klub-WM mit Mannschaften aus allen Erdteilen wäre das, was eine Sportart eigentlich ausmacht: ein sportlicher Wettbewerb und die Chance für die Klubs aus nichteuropäischen Weltregionen, zumindest für eine kurze Zeit einmal in den Fokus der Weltöffentlichkeit zurückzukehren. Ein Viertelfinale Bayern gegen die Boca Juniors, Flamengo gegen Liverpool oder Corinthians gegen Juventus würde die Fans durchaus interessieren. Und es würde ein Stück weit die Begradigung einer Entwicklung bedeuten, die bislang nur Europa als Sieger und den Rest der Welt als Verlierer kennt.

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