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Fußball in Spanien : Zidane soll Real Madrid aus dem Abseits holen

Zinedine Zidane soll Real Madrid neuen Glanz geben - diesmal als Sportdirektor Bild: dpa

Real Madrid braucht mal wieder einen Neuanfang. Doch umworbene Spieler und Trainer sagen ab, Cristiano Ronaldo schmollt, und Mourinho giftet zum Abschied. Nun soll ein ehemaliger Welt- und Europameister helfen.

          Das Foto zeigt sechzehn Männer deutlich vorgerückten Alters in Geschäftsanzügen im konservativ-spanischen Look, manche mit mehr, andere mit weniger Bauch. In der Mitte, der Präsident: Florentino Pérez, 66 Jahre alt, Boss des Bauriesen ACS. Frauen gehören ebenso wenig in diese Riege wie jüngere Leute. Am Tag, als Pérez seine vierte Amtszeit bei Real Madrid antritt, zeigt das offizielle Gruppenbild dieselben Köpfe, dieselben Nasen wie vor vier Jahren.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Neu ist auch sonst nichts, was der frische und alte Präsident verkündet. Wirtschaftlich erlebe der Verein „den Augenblick maximaler Stärke in seiner Geschichte“. Das ist geschickt formuliert, weil das Sportliche darin nicht vorkommt. Auf diesem Feld nämlich gibt es nicht viel zu vermelden. Um es zu bilanzieren: In vier Jahren hat der Klub einen einzigen Ligatitel, eine Copa del Rey und einen spanischen Supercup geholt. Dreimal in Folge dagegen war im Halbfinale der Champions League Endstation, bezeichnenderweise gegen Teams, die mit ihrem modernen Offensivstil Aufsehen erregt haben.

          Es ist nicht ohne Komik, wie beharrlich Pérez von der „Décima“ spricht, dem ersehnten zehnten Champions-League-Titel. Viele werfen dem Präsidenten vor, er habe den Trainer, der den achten und neunten Pott holte, Vicente del Bosque, 2003 ohne ersichtlichen Grund gefeuert. Der Architekt des Barça-Erfolgs wiederum, Pep Guardiola, tritt demnächst die Nachfolge des grandiosen Jupp Heynckes an und unterstreicht damit nur, dass Real beim Kampf um die Herrschaft im internationalen Spitzenfußball nicht mehr mitredet.

          Denn in der dünnen Luft der Champions-League-Sieger geht es nicht um Angeberei und noch nicht einmal darum, wer mit Marketing das meiste Geld verdient. Sondern um das Fußballmodell der Zukunft. Was lässt sich da anderes sagen als: Das Projekt Pérez-Mourinho ist gescheitert? In seinem vorläufig letzten Fernsehinterview in Spanien brach der Portugiese, der inzwischen wieder beim FC Chelsea angeheuert hat, das Diskretionsabkommen mit Real und widersprach den Worten seines ehemaligen Vorgesetzten. Er gehe nicht, weil er den Druck nicht mehr ausgehalten habe, so Mourinho, im Gegenteil, Druck empfinde er als normal. „Ich kam nach Madrid, weil ich dachte, meine Karriere ergäbe keinen Sinn, wenn ich nicht bei diesem Monster von Verein gearbeitet hätte, positiv verstanden. Ich gehe sehr stolz.“ Sein Abschied jedoch sei „besser für alle“.

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          Nicht, dass diese diplomatische Formel jemals bindend für ihn gewesen wäre. Am Ende demontierte „The Special One“ seinen Kapitän und Stammtorwart Iker Casillas, der seit Januar diesen Jahres kein Match für Real mehr bestritten hat. Auch für Cristiano Ronaldo hatte Mourinho noch einen Giftpfeil parat. „Er hat drei phantastische Saisons mit mir gehabt“, begann der Coach. Doch der Stürmer habe taktische Anweisungen nur ungern befolgt. Cristiano glaube offenbar, er wisse schon alles.

          Das portugiesische Blatt „A Bola“ berichtete unterdessen, Cristiano Ronaldo gedenke nicht, seinen Vertrag bei Real über 2015 hinaus zu verlängern. Für die Fans wäre das eine Katastrophe, denn CR7 war die einzige Garantie für Reals Nähe zur Spitzenklasse. Die spanische Sportzeitung „As“ schrieb von „Verhandlungen in der Sackgasse“. Es heißt, der Stürmer fühle sich vom Präsidenten nicht gut behandelt. Manchester United, Ronaldos früherer Klub, soll wieder Interesse angemeldet haben.

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          Routiniert steckt Florentino Pérez nach einer Saison ohne Titel alle Nackenschläge weg. Die Verpflichtung des brasilianischen Stürmers Neymar etwa, der lieber zur Konkurrenz nach Barcelona wollte und dort am Montag eine triumphale Präsentation erlebte, ging ihm ebenso daneben wie der Kauf des athletischen Gareth Bale von Tottenham Hotspur. Noch nicht einmal der neue Coach ist gefunden, denn Paris Saint-Germain ziert sich, Carlo Ancelotti freizugeben. Mit unendlicher Höflichkeit spielte Jupp Heynckes bei seiner Abschiedspressekonferenz auf Pérez’ Versuche an, ihn wieder nach Spanien zu locken, er widerstand aber.

          So bleibt den Fans im Augenblick nur ein einziger Hoffnungsschimmer. Der ehemalige Real-Star Zinédine Zidane, Schütze des Siegtors gegen Bayer Leverkusen im Champions-League-Finale 2002, soll abermals Sportdirektor werden. Ein Platz im Organigramm des Klubs wurde dem dreimaligen französischen Weltfußballer des Jahres schon einmal in der Ära Mourinho zugesagt, doch das dürfte kaum mehr als eine PR-Maßnahme gewesen sein. Nach kaum einem Jahr verschwand Zidane wieder von der Bildfläche.

          Realität: Nach einer Saison ohne Titel fühlt sich Ronaldo unverstanden

          Später hieß es, der Vierzigjährige fungiere als Berater ohne Honorar; der Kauf des französischen Innenverteidigers Raphaël Varane, der im Frühjahr den gesetzten Pepe verdrängte, gehe auf Zidane zurück. Ob Pérez den legendären Fußballer jetzt vorschickt, weil er noch niemanden anders präsentieren kann, oder ob der ehemalige Teamkamerad von Raúl, Beckham und Figo im Klub wirklich etwas zu sagen haben wird, ist offen. Der Präsident begnügt sich damit, seinen Stareinkauf des Jahres 2001 als Siegertypen und „madridista“ zu preisen. Auf die Frage der Zeitung „El Mundo“, ob Zidane denn nicht auch als neuer Real-Coach denkbar wäre, antwortete der Präsident: „Könnte sein.“

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