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Meister Sporting Lissabon : Rückkehr in den Olymp

  • -Aktualisiert am

Endlich wieder portugiesischer Meister: Sporting feiert Bild: AFP

Drei Jahre nach dem Tiefpunkt der 115-jährigen Vereinsgeschichte wird Sporting Lissabon wieder portugiesischer Fußballmeister – zum ersten Mal seit fast zwanzig Jahren.

          3 Min.

          Als Sporting Clube de Portugal zum bis dato letzten Mal portugiesischer Fußballmeister wurde, war Nuno Mendes noch ein Fötus im Bauch seiner Mutter. Inzwischen, im Alter von 18 Jahren, hat sich der Linksverteidiger zu einer Schlüsselfigur beim Lissabonner Traditionsverein entwickelt: körperlich robust, sehr schnell, technisch versiert und zweikampfstark – kaum ein anderer junger portugiesischer Spieler passt in dem zurzeit in Europa beliebten 3-4-3-System so gut auf die linke Außenbahn wie Mendes.

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          Nicht umsonst haben sich die großen europäischen Fußballklubs seinen Namen auf die Wunschliste geschrieben. Und in der portugiesischen Nationalmannschaft ist Mendes bereits ein würdiger Vertreter für den verletzungsanfälligen Raphael Guerreiro von Borussia Dortmund.

          Der Aufstieg von Nuno Mendes ist gleichzeitig auch das Erfolgsgeheimnis von Sporting in der laufenden Saison. Der Verein, der in der Vergangenheit so große Fußballer wie Luís Figo oder Cristiano Ronaldo hervorbrachte, hat sich auf seine Stärken besonnen: Fünf Stammspieler aus der jetzigen Meistermannschaft kommen aus der eigenen Jugend. Sportings Kaderschmiede gilt als eine der besten Fußballschulen Europas. Doch in den vergangenen Jahren hatte vor allem der Erzrivale Benfica Lissabon talentierte Spieler wie João Félix (Atlético Madrid), Renato Sanches (OSC Lille), Bernardo Silva oder Rúben Dias (beide Manchester City) hervorgebracht.

          Ein Coach ohne Trainerlizenz

          Kurioserweise begann der Aufbau von Sportings neuer Erfolgsmannschaft ausgerechnet mit dem Verkauf eines der besten portugiesischen Fußballer: Im Januar 2020 wechselte Bruno Fernandes für 55 Millionen Euro Ablöse zu Manchester United. Das Geld investierte Sporting-Präsident Federico Varandas jedoch zunächst nicht in neue Spieler, sondern in die Verpflichtung eines der größten Trainertalente der vergangenen Jahre: Rúben Amorim, ehemals Mittelfeldspieler bei Benfica und in der Selecção, kam im März 2020 für 10 Millionen Euro nach Lissabon.

          Amorim hatte bei Sporting Braga zunächst das Nachwuchsteam betreut und im Dezember 2019 mit einem 7:1-Auswärtssieg sein fulminantes Debüt als Cheftrainer in der ersten Liga gegeben. Er setzte auf ein offensiv ausgerichtetes 3-4-3-System, das bis dahin in Portugal kaum gespielt wurde. Nach gerade einmal 13 Spielen löste Sporting Ruben Amorim aus seinem Vertrag mit Braga heraus und bezahlte eine Rekordablöse an den nordportugiesischen Verein – und das für einen bis dato vollkommen unerfahrenen Coach ohne Trainerlizenz.

          Das Risikoinvestment zahlte sich trotzdem aus. In den vergangenen 14 Monaten hat Amorim bei Sporting ein Team geformt, das sich durch große Stabilität in der Defensive und ein variationsreiches Flügelspiel auszeichnet. Bis zum vorentscheidenden 1:0-Sieg gegen Boavista Porto am vergangenen Dienstag hatte Sporting in der Saison 2020/21 keine Niederlage und in 32 Spielen gerade einmal 15 Gegentreffer zu Buche stehen.

          Das lag auch am Kapitän: Der uruguayische Nationalspieler Sebastián Coates hat als zentraler Innenverteidiger in der Dreierabwehrkette eine fast fehlerfreie Saison gespielt. Ohne seine fünf Ligatore hätte Sporting den 19. Meistertitel der Vereinsgeschichte nicht vorzeitig einfahren können. Coates strahlt in der jungen Sporting-Mannschaft Ruhe aus und hat in schwierigen Momenten sein Team zusammengehalten.

          Für Coates dürfte der Gewinn der Meisterschaft einen ganz besonderen Beigeschmack haben. Denn der 30-jährige ist der einzig verbliebene Spieler aus einem Team, das vor drei Jahren den vorläufigen Tiefpunkt in der 115-jährigen Vereinsgeschichte erlebte. Im Mai 2018 stürmten 40 Hooligans aus dem Sporting-Fanclub Juventude Leonina das Trainingsgelände vor den Toren Lissabons, drangen mit Eisenstangen bewaffnet in die Kabine ein und verprügelten die Spieler. Der damalige Sporting-Präsident stand im Verdacht, die Attacke eigenständig befohlen zu haben. Die Mannschaft verlor den Trainer und ihre wichtigsten Spieler, die teilweise ablösefrei ins Ausland wechselten. Und erst nach einem zähen internen Machtkampf konnte sich der junge Militärarzt Federico Varandas an der Vereinsspitze durchsetzen.

          Die Meisterfeier ließen sich die Sporting-Fans nicht nehmen. Zehntausende verfolgten vor dem Stadion das entscheidende Ligaspiel, viele ohne Maske und ohne Sicherheitsabstände.
          Die Meisterfeier ließen sich die Sporting-Fans nicht nehmen. Zehntausende verfolgten vor dem Stadion das entscheidende Ligaspiel, viele ohne Maske und ohne Sicherheitsabstände. : Bild: dpa

          Spieler wie Bruno Fernandes, die auch nach der verheerenden Attacke bei Sporting blieben, erzählten, dass sie bei den Heimspielen häufig mit einem mulmigen Gefühl im Bauch aufliefen. Schließlich stand ein Teil der gewalttätigen Anhänger weiter im Fanblock des Alvalade-Stadions. Vor diesem Hintergrund scheint es fast kein Zufall zu sein, dass Sporting ausgerechnet in der Saison, die ganz im Schatten der Covid-19-Pandemie stand, wieder portugiesischer Meister geworden ist. Aus der Startelf von Sporting wissen schließlich nur drei Spieler, was es heißt, vor eigenem Publikum zu spielen.

          Die Meisterfeier ließen sich die Sporting-Fans trotzdem nicht nehmen. Zehntausende verfolgten vor dem Stadion das entscheidende Ligaspiel, viele ohne Maske und ohne Sicherheitsabstände. Zwischenzeitlich kam es zu Ausschreitungen zwischen der Polizei und gewaltbereiten Fans. Doch die überwiegende Mehrheit feierte bis spät in die frühen Morgenstunden in den Lissabonner Straßen die Rückkehr Sportings in den portugiesischen Fußballolymp.

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