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Fußball in Kolumbien : Berauscht von Superman

  • -Aktualisiert am

Vollgas Richtung Weltmeisterschaft: Stürmerstar Falcao und seine Teamkollegen halten fest zusammen Bild: dapd

Der kolumbianische Fußball erlebt ein Hoch - mit einer Generation von Spielern, die gut ausgebildet ist und klare Zukunftspläne hat. Die Mannschaft marschiert geführt von Stürmer Falcao und ihrem Helden Rodriguez der WM entgegen.

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          Selbst der große alte Mann des kolumbianischen Fußballs spendete minutenlang Applaus: Der nicht nur wegen seiner Lockenpracht, sondern auch wegen seiner genialen Pässe weltweit verehrte Spielmacher Carlos Valderrama war nach Barranquilla gekommen, um sich persönlich von der Qualität zu überzeugen, die seine Erben auf dem grünen Rasen abliefern. Nach 90 Minuten gegen Paraguay hatte „El Pibe“ sein Urteil gefällt, erhob sich von seinem Platz und huldigte seinen Nachfolgern. Kolumbiens neue Fußballgeneration marschiert mit Volldampf in Richtung Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien.

          Es wäre die erste WM-Teilnahme seit 1998 in Frankreich. Damals war Valderrama noch selbst dabei, genau wie 1990 in Italien und 1994 in den Vereinigten Staaten - damals wurde Kolumbiens Eigentorschütze Andres Escobar nach der Rückkehr in seine Heimatstadt Medellín von einem Auftragsmörder aus bis heute nicht vollständig geklärten Motiven hingerichtet. Es war die Epoche, in der die Fußball-Welt mehr über die Ausflüge von Torwart-Clown René Higuita amüsiert lächelte, als dass sie den kolumbianischen Fußball wirklich ernst nahm.

          Die Begeisterung im Land ist riesig

          All das soll bald der Vergangenheit angehören. Die neuen Helden heißen Radamel Falcao García oder James Rodriguez. „Wir sind auf einem guten Weg, wenngleich wir noch nichts erreicht haben. Tatsache ist aber, dass wir das Potential haben, unseren Traum zu verwirklichen“, sagt Mittelfeldspieler Elkin Soto vom FSV Mainz 05. Er zählt derzeit nur zu den Ergänzungsspielern, auch für Stürmer Adriàn Ramos von Hertha BSC Berlin ist kein Platz. Das spricht für die Klasse des aktuellen kolumbianischen Kaders.

          Die Begeisterung in dem nach internationalen Erfolgen lechzenden Land ist riesig. Für das jüngste WM-Qualifikationsspiel gegen das Tabellenschlusslicht Paraguay, das die Kolumbianer dank zweier Zaubertore von Falcao 2:0 gewannen, waren alle 41.000 Tickets innerhalb von nur 25 Minuten verkauft. Ein neuer Rekord in der Geschichte des kolumbianischen Verbandes. Kolumbiens Fußball 2012 hat auf dem Spielfeld zwei prägende Gesichter: Stürmerstar Falcao von Atlètico Madrid streitet sich mit derzeit sechs Treffern auf Augenhöhe mit Argentiniens „Weltfußballer“ Lionel Messi um die Krone des Topstürmers der „Eliminatorias 2014“.

          Und eben Jungstar James Rodriguez vom FC Porto. Der Spielgestalter mit der Nummer 10 hat das Zeug zum kommenden neuen Superstar des Kontinents. Wie lange der 21 Jahre alte Mittelfeldspieler noch in Portugal bleiben wird, ist nur eine Frage der Zeit. Manchester United hat ein Auge auf den Youngster geworfen, wenngleich der Chefstratege andere Zukunftspläne hat: „Real Madrid. Natürlich spielt auch der FC Barcelona wunderbaren Fußball, aber die spanische Liga ist das, was mich am meisten in Europa anzieht. Und dort Real Madrid“, sagt der Mann aus Cucuta ganz unbescheiden und drückt damit das neue kolumbianische Selbstbewusstsein aus.

          Nationaltrainer José Néstor Pékerman aber gibt sich zurückhaltend. Der argentinische Coach der Kolumbianer ist erst seit dem 6. Januar für die „Cafeteros“ verantwortlich. Zuvor musste Hernán Darío Goméz noch vor Beginn der südamerikanischen WM-Qualifikation gehen, weil er in einem Restaurant in Bogotá eine Frau geschlagen hatte. Nachfolger Lenoel Alvarez hielt sich nur drei Qualifikationsspiele auf der Bank, danach hatte der Verband genug von dessen antiquierten Trainingsmethoden.

          Geniales Führungsduo: der junge Spielgestalter Rodriguez (im Foto links) und Torjäger Falcao

          Es drohte wieder einmal ein Fiasko, ehe Pékerman in Bogotá den Vertrag unterschrieb. Unabhängig von allen bösen Einflüssen, die auch heute noch den Fußball im Land des weltweit größten Kokainproduzenten beeinträchtigen, zieht Pékerman seine Linie durch. In den kolumbianischen Medien widmeten sie ihm Karikaturen, in denen Pekerman mit einem Superman-Kostüm und einem großen P auf der Brust den Fußball rettet. Der 61 Jahre alte Fußball-Lehrer, der das Aus der argentinischen Nationalelf im Elfmeterschießen bei der WM 2006 gegen Deutschland als Chefcoach an der Seitenlinie miterlebte, ist aus Erfahrung vorsichtig: „Nichts, aber auch gar nichts ist bislang erreicht.“

          Mit Jungstars weiß Pékerman umzugehen: Er führte die argentinische Junioren-Auswahl um Messi zu drei WM-Titeln. Kolumbiens Nationalteam präsentiert sich weltweit wettbewerbsfähig. Dazu kommt, dass eine junge Generation nachrückt, die bei der U-20-Weltmeisterschaft 2011 bis zum Viertelfinal-Aus im eigenen Land die Massen begeisterte und für volle Stadien sorgte. James Rodriguez stammt aus dieser Generation. Der in Cúcuta an der venezolanischen Grenze geborene Profi steht für eine neue Gruppe kolumbianischer Fußballspieler, die sich von der Epoche der Paradiesvögel wie Valderrama oder Higuita wohltuend abhebt.

          Ausdruck kolumbianischen Selbstbewusstseins: Der Chefstratege würde am liebsten in Spanien spielen - bei einem der großen Klubs

          Sie kann - gut ausgebildet und mit klaren Zukunftsplänen ausgestattet - Südamerikas Fußball in den nächsten zehn Jahren prägen. Carlos Valderrama weiß das: „Die Mannschaft ist auf dem besten Wege, Geschichte zu schreiben. Sie spielt strukturiert und hat in der Offensive ein ungeheures Potential. Ich traue ihr in den nächsten Jahren einiges zu, denn ihren Leistungszenit wird diese Truppe erst in zwei, drei Jahren erreichen.“ Und Valderrama betont: „Ich freue mich auf die Zukunft.“

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