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Fußball in Italien : Unwürdiges Spektakel

  • -Aktualisiert am

Im Schnitt kommen nur 23.000 Zuschauer

„Vielleicht haben wir uns an solche Verhältnisse gewöhnt“, sagt Gianni Mura. Der Journalist, der seit 1965 beruflich die Serie A verfolgt, erinnert sich noch gut an die Zeiten, in denen Fußballfans aus der ganzen Welt sehnsüchtig nach Italien blickten. Die Klubeigentümer finanzierten damals das defizitäre Spektakel bis zum Bankrott. Die 80er und 90er Jahre waren auch die Zeit, in der sich der Beruf des Fußballers drastisch verwandelte.

Das Publikum der überdrehten Serie A erkannte in den Kickern plötzlich über alle Regeln erhabene Götter. Die Situation degenerierte zunehmend. Einige der kickenden Diven haben heute den Bezug dafür verloren, was die Urgründe des Publikumsinteresses sind: fairer Wettkampf und nicht etwa die Proteste gegen Schiedsrichterentscheidungen. Auch deswegen kommen im Schnitt nur etwa 23.000 Zuschauer zu einem Serie-A-Spiel. In der Bundesliga sind es fast doppelt soviele.

„Die schönen Seiten des Lebens“

„Tutto il rosa della vita“, lautet der Untertitel der „Gazzetta dello Sport“. Er bedeutet so viel wie „alle schönen Seiten des Lebens“ und ist für die durchschnittlich vier Millionen Leser pro Tag Programm. Den Machern der Gazzetta fällt es nicht immer leicht, den Schattenseiten des Calcio den gebührenden Platz einzuräumen.

Schöne Fußballwelt: Die Tifosi von Juve feiern den Erfolg der „Alten Dame“
Schöne Fußballwelt: Die Tifosi von Juve feiern den Erfolg der „Alten Dame“ : Bild: AFP

Wer Genaueres über die Prügel für Ljajic wissen wollte, musste in der Donnerstagsausgabe zwanzig Seiten überblättern. Über die Machtdemonstration der Ultras in Genua erfuhren die Leser Näheres schon nach zwölf Seiten, unter anderem konnten sie ein Loblied auf Giuseppe Sculli lesen. Auch der Skandal braucht seinen Helden, egal, ob der früher selbst betrogen hat.

Juventus Turin sichert sich den Meistertitel

Jeden Tag ist zu beobachten, wie die meistgelesene Zeitung des Landes einen zermürbenden Spagat übt, der stellvertretend für die gesamte Branche steht. Im Kommentar warnt der Chefredakteur vor Lob für Sculli, weiter vorn im Blatt wird er gefeiert. In einem Text bezeichnet ein Autor den aktuellen Wettbewerb treffend als „Meisterschaft der Schande“.

Doch mit dem Hinweis auf das Interesse der Tifosi berichtet die Zeitung eifrig wie immer über den Zweikampf an der Tabellenspitze. Den entschied am Sonntagabend Juventus Turin endgültig für sich. Nach einem 2:0-Sieg über Cagliari Calcio liegt die „Alte Dame“ einen Spieltag vor Saisonende uneinholbare vier Punkte vor dem AC Mailand, der im Derby mit 2:4 gegen Stadtrivale Inter verlor.

Ethik-Code im Nationalteam eingeführt

Franco Arturi, der stellvertretende Gazzetta-Chefredakteur, denkt, dass sich Spuren des blutrünstigen Spektakels aus den Arenen des antiken Rom bis heute gehalten haben. „Wir befinden uns in einem ethischen Notstand, er betrifft viel mehr als nur den Calcio.“

Die Fans jubeln über den 30. Titel - offiziell sind es aber nur 28, weil Juve zwei aberkannt wurden
Die Fans jubeln über den 30. Titel - offiziell sind es aber nur 28, weil Juve zwei aberkannt wurden : Bild: AFP

Wäre der Fußball ein Spiegel für die im Land verbreiteten Unsitten, dann bestünde inzwischen Grund zu Hoffnung: Nationaltrainer Cesare Prandelli hat einen Ethik-Code im Nationalteam eingeführt. Vielleicht können die Regeln für Nationalspieler ja auch ein paar Nachwuchskicker zu weniger präpotentem Verhalten animieren.

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