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Probleme im Fußball : Darum bleibt die italienische Serie A abgehängt

Gut genug? Romelu Lukaku und Inter Mailand wollen Juventus’ Dominenz brechen. Bild: AP

Die Serie A ist langweilig, im Spitzenfußball nicht konkurrenzfähig und bedrohlich überschuldet. Dazu sind die meisten Stadien veraltet. Zwar strömen Investoren in die Liga, es ändert sich aber wenig. Warum nur?

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          Die Saison 2019/20 der Serie A, immerhin die 89. Spielzeit in deren glorioser Geschichte, war eine zum Vergessen. Wie jene in den Vorjahren eigentlich auch, nur noch schlimmer. Dass Juventus Turin wieder Meister wurde, schon zum neunten Mal in Serie, war sozusagen nur der Sockel des wachsenden Problembergs, den Italiens höchste Profiliga auftürmt. Die Serie A ist langweilig, im europäischen Spitzenfußball nicht konkurrenzfähig und bedrohlich überschuldet. Dazu sind die meisten Spielstätten veraltet. Die strukturellen Probleme wurden durch die Pandemie noch verschärft.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die Hoffnung, die lange Zwangspause der Serie A von Ende Februar bis Mitte Juni könnte die abgehängten Verfolger wieder näher an die Fersen der überaus rüstigen „Vecchia Signora“ bringen, währte nur kurz. Nach der Niederlage im Pokalfinale gegen den SSC Neapel vom 17. Juni enteilte der Abonnementsmeister dem Verfolger Lazio Rom, der völlig indisponiert aus der Corona-Pause kam, und hielt im Endspurt auch Inter Mailand auf Distanz. Alles wie gehabt: Der Scudetto an Juve, Gerangel nur um die restlichen Plätze in der Champions sowie in der Europa League.

          Doch in der Königsklasse war für die Turiner schon im Achtelfinale Schluss, gegen Lyon. Der letzte Sieg in der Champions League liegt für Juventus ein Vierteljahrhundert zurück. Italiens Farben glänzten zuletzt vor zehn Jahren, da gewann Inter Mailand. Lichtblick in der letzten und vorletzten Saison war, daheim wie in der Champions League, die erfrischend offensive Truppe von Atalanta Bergamo: ein Team ohne Stars und Allüren um Trainer Gian Piero Gasperini, der mit seinem Temperament nicht nur sich selbst mitreißt. Nicht schlecht, aber eben doch nicht gut genug war der Auftritt von Inter Mailand um Starstürmer Romelu Lukaku in der Europa League. Auch im Finale gegen den FC Sevilla traf der belgische Nationalspieler zweimal, eine Viertelstunde vor Schluss aber entscheidend für Sevilla ins eigene Tor.

          Die Finanzzeitung „Il Sole 24 Ore“ hat jüngst errechnet, dass die zwanzig Klubs der Serie A derzeit jeden Tag zusammen eine Million Euro Verlust machen. Nach Recherchen des Blatts „La Repubblica“ ist die Hälfte der Vereine akut von der Pleite bedroht. Vor gut einem Jahr hatte der kumulierte Schuldenstand schon 3,7 Milliarden Euro betragen, nach der „Pandemie-Saison“ wird er weiter steigen. Juventus, mit 211 Millionen Euro zwar hoch verschuldet, aber dank der Unterstützung der Fiat-Erbenfamilien Agnelli/Elkann gewissermaßen pleiteimmun, machte in der zurückliegenden Saison weitere 69 Millionen Euro Verlust – nach einem Fehlbetrag von rund 40 Millionen in der Spielzeit 2018/19.

          So stabil wie bei Juve sind die Besitzverhältnisse bei den anderen Spitzenklubs nicht. Beim AC Milan und bei AS Rom rangelten in den vergangenen Jahren verschiedene chinesische und amerikanische Investoren miteinander, keiner blieb lange. Inter Mailand immerhin ist seit nun vier Jahren in der Hand eines chinesischen Großkonzerns für Haushaltsgeräte und schickt sich an, in der neuen Saison mit Trainer Antonio Conte (und Stürmer Lukaku) zum ernsthaftesten Rivalen von Juventus Turin zu werden.

          Bei der AS Roma hat es kurz vor Saisonbeginn abermals einen Eigentümerwechsel gegeben: Der Texaner Dan Friedkin kaufte seinem Landsmann James Pallotta dessen Aktienpaket an dem börsennotierten Verein für 591 Millionen Euro ab. Friedkin will weitere 90 Millionen investieren und den Klub dann von der Börse nehmen. Zudem hat Friedkin versprochen, dass das seit Urzeiten geplante Roma-Stadion im Südwesten der Hauptstadt – anders als das veraltete Römer Olympiastadion eine reine Fußballarena – endlich gebaut werden soll.

          Auch der AC Florenz und der FC Bologna befinden sich seit längerem im Besitz von Konzernen aus den Vereinigten Staaten und Kanada. Vor wenigen Tagen stieg ein weiterer Amerikaner ins italienische Fußballgeschäft ein: Der Logistik-Unternehmer Kyle Krause übernahm 90 Prozent der Anteile an Parma Calcio. Beim CFC Genua, dem ältesten Klub des Landes, will sich Eigentümer und Präsident Enrico Preziosi nach 35 Jahren angeblich zurückziehen und sucht nach Käufern (aus Übersee?). Auch beim Stadtrivalen Sampdoria wird der Einstieg eines (amerikanischen?) Investmentfonds erwartet.

          Ob mit den neuen Eigentümern und Geldgebern auch neuer Schwung und neue Qualität in die Serie A kommen, steht dahin. Soeben hat die „Lega Serie A“, vergleichbar dem deutschen Ligaverband DFL, eine neue Marketinggesellschaft gegründet: Die soll die Fernsehübertragungsrechte teurer verkaufen, zumal im Ausland. Von den zuletzt 1,4 Milliarden Euro Lizenzgebühren kam nicht einmal ein Drittel aus dem Ausland. Die spanischen und englischen Ligen nehmen jeweils allein durch das Auslandsgeschäft so viel ein wie die italienische Serie A insgesamt.

          Zur Abwechslung kamen in dieser Woche sogar von der Regierung in Rom gute Nachrichten für den Profifußball. Sportminister Vincenzo Spadafora sagte im Parlament, dass Rom die Sportverbände und -vereine des Landes mit 1,5 Milliarden Euro aus EU-Fördergeldern beim Bau und bei der Renovierung von Sportstätten sowie auch zum Ausgleich der eingebrochenen Erlöse aus dem Ticketverkauf unterstützen werden. Vom 7. Oktober an sollen die Stadien wieder bis zu einem Drittel der Kapazität gefüllt werden dürfen. Erst kurz vor dem Anpfiff der neuen Saison am vergangenen Wochenende hatte die Regierung erlaubt, dass tausend Zuschauer pro Serie-A-Spiel in den Stadien zugelassen sind.

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