https://www.faz.net/-gtl-ry0m

Fußball in Italien : Revolte gegen das Regiment der Reichen

  • -Aktualisiert am

Reizfigur und Fußballmonopolist: Silvio Berlusconi Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Nicht nur in Deutschland kämpfen kleine Fußballvereine um höhere Gelder aus Fernseheinnahmen. Auch in Italien begehren die Konkurrenten der großen Drei auf. Im Kampf gegen Berlusconi und Co. drohen sie sogar mit Streik.

          3 Min.

          „Wir sind bereit, den Spielbetrieb der Serie A zu stoppen.“ Mit diesen markigen Worten hat Diego della Valle, Präsident des AC Florenz, den wohlhabenden italienischen Großklubs und allen voran Ministerpräsident und Medienmogul Silvio Berlusconi den Fehdehandschuh hingeworfen. Wie immer beim Fußball geht es um viel Geld, diesmal aber auch um die Glaubwürdigkeit von Berlusconis Regierung, die eigentlich in Gestalt von Informationsminister Landolfi ein neues Gesetz für Fußballrechte im Fernsehen einbringen wollte, nun aber aus fadenscheinigen Gründen einen Rückzieher machte.

          Die bisherigen Paragraphen sehen vor, daß sich jeder Verein mit den Sendern selbst einigt. Naturgemäß kommen populäre Großklubs da am besten weg, wie der Fall von Juventus Turin zeigt, das sich erst jüngst mit Berlusconis Konzern „Mediaset“ über eine langjährige Bindung für ein fürstliches Honorar von nicht weniger als 218 Millionen Euro einigte. Kleinvereine wie Chievo oder Siena, die dagegen mit ein paar hunderttausend Euro abgespeist werden, sehen sich mit guten Gründen benachteiligt und wollen nicht länger den gutwilligen Sparringspartner abgeben (Siehe auch Kommentar zum Streit ums Fernsehgeld in Deutschland: Produktiver Klassenkampf).

          Langweilige Zweikampf zwischen drei Großklubs

          Diego della Valle, ein schwerreicher Schuhfabrikant aus den Marken und mit Florenz auf Erfolgskurs Richtung Champions League, hat sich nun gemeinsam mit dem renitenten und nicht minder schlauen Präsidenten von Palermo, Maurizio Zamparini, zum Wortführer jener vierzehn Klubs aufgeschwungen, die sich das Regiment der Reichen nicht mehr länger gefallen lassen wollen. Schließlich wollen auch Inter und AC Mailand wie Juventus Turin jeden Sonntag auf würdige Gegner treffen. Daß von echter Konkurrenz aber weder wirtschaftlich noch sportlich mehr die Rede sein kann, beweist allein der langweilige Zweikampf zwischen den drei Großklubs, in den seit Jahren kein anderer Mitspieler mehr eingreifen konnte.

          Da lag es nahe, daß die Regierung per Gesetzesdekret zur kollektiven Vermarktung der Fernsehrechte zurückkehren wollte. Mit einem gerechteren Schlüssel für alle Vereine wollten Palermo und Florenz beispielsweise mindestens 30 Millionen per annum für das Bezahlfernsehen erwirtschaften - und nicht mehr nur die Hälfte wie bisher. Seit dem Sommer 2004 bereitete vor allem die konservative „Alleanza Nazionale“, Partei des Medienministers, das Gesetz vor. Doch nun stoppte ausgerechnet der Koalitionspartner, Berlusconis „Forza Italia“, das einvernehmliche Schnellverfahren mit einem Veto: Man brauche mehr Zeit.

          Zersplitterte Liga im Interesse des reichsten Mitspieler

          Der einzige, der dahinter keine egoistische Geschäftspolitik im Deckmantel der Politik wittert, ist Berlusconi selbst. Scheinheilig versicherte er im Fernsehen, er sei schließlich nicht mehr Präsident des AC Mailand. Dabei weiß jedes Kind, daß er seit zwanzig Jahren als Patron den Klub führt, Schulden stillschweigend aus der Firmenkasse begleicht und den Präsidentenstuhl beredt verwaisen ließ, als er ihn wegen überschneidender Interessen aufgeben mußte.

          Zudem führt sein Fußballmanager Adriano Galliani, auch als Ligachef alles andere als unparteiisch, die Verhandlungen über Fernsehrechte - also quasi mit der eigenen Firma. Nicht zufällig ist Berlusconis „Mediaset“ seit dieser Saison erstmals Inhaberin der Rechte im frei empfangbaren Fernsehen und möchte das mit Hilfe des bisherigen Gesetzes auch bleiben. Eine zersplitterte Liga zuungunsten der Ärmsten ist eben im Interesse des reichsten aller Mitspieler, zumal das staatliche Fernsehen Rai als einziger Medienkonkurrent gleichfalls in den Händen der Regierungsparteien, also Berlusconis, ist.

          Gesetzliche Neuregelung erst einmal aufgeschoben

          Dieses rechtlich mehr als zweifelhafte Fußballmonopol Berlusconis und seiner Leute als Politiker, Vereinspräsident, Verbandsfunktionär und Medienunternehmer ist derart offensichtlich, daß auch beim düpierten Koalitionspartner der Ärger nun gewaltig hochkocht. Während aber nicht nur die linke Opposition gebetsmühlenhaft den „riesigen Interessenkonflikt“ anprangert, sondern auch normale Wähler ihn kaum übersehen können, ist durch das Veto in eigener Sache eine gesetzliche Neuregelung auf den kommenden Sommer erst einmal aufgeschoben.

          Deshalb drohen rivalisierende Vereinspräsidenten wie Zamparini nun mit dem Kartellamt oder dem Gang vor ordentliche Gerichte. Dort dürfte es schwer werden zu belegen, warum Juventus Turin oder der AC Mailand für dieselbe Anzahl Spiele um die hundert Millionen Euro pro Jahr erzielen, Ligakonkurrenten aus Chievo oder Lecce aber nur ein paar hunderttausend. Sollten die vierzehn aufsässigen Vereine bei ihrer Streikdrohung tatsächlich einig bleiben und sich durch keine Brosamen aus Berlusconis Kasse entzweien lassen, dann blieben für den Spielbetrieb nur mehr Mannschaften aus Turin, Mailand und Rom. Eine Meisterschaft dieses kleinen Häufleins dürfte selbst für die geduldigen Tifosi arg langweilig werden.

          Weitere Themen

          Rhein-Derby vor leeren Rängen Video-Seite öffnen

          Düsseldorf gegen Köln : Rhein-Derby vor leeren Rängen

          Am Wochenende trifft Fortuna Düsseldorf auf den 1. FC Köln. Doch auch das Rhein-Derby muss in dieser Saison ohne die Fans stattfinden. Doch auch als Geisterspiel sei das Aufeinandertreffen der beiden Vereine etwas Besonderes, wie beide Trainer beteuerten.

          Topmeldungen

          Unser Autor: Martin Benninghoff

          F.A.Z.-Newsletter : School’s out forever?

          Corona sorgt nicht nur für entkräftete Eltern und Lehrer: Die Gefahr, dass Bildungsdefizite mancher Kinder größer werden, wächst mit jedem Tag. In China spitzt sich die Hongkong-Frage am Donnerstag zu. Der F.A.Z. Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.