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Corona-Sorgen in Serie A : Italiens Fußball steht dicht vor dem Kollaps

Cristiano Ronaldo darf wegen einer Corona-Infektion weiter nicht Fußball spielen. Bild: AFP

Sportlich schwächeln die italienischen Klubs in Europa, finanziell gibt es durch die Corona-Krise große Probleme. Doch Hilfe kommt nicht. Finanzspritzen für den Profibetrieb sind politisch kaum zu vermitteln.

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          Dieses böse Omen für die Serie A hätte es nicht auch noch gebraucht: Am zweiten Spieltag der Champions League vom Dienstag und Mittwoch konnte keines der vier italienischen Teams gewinnen. Drei Punkte, drei Tore lautet die magere kollektive Ausbeute. Einziger Lichtblick war wieder einmal Atalanta Bergamo: Das von Trainer Gian Piero Gasperini gut eingestellte Team aus der lombardischen „Corona-Hölle“ des Frühjahrs glich beim Heimspiel ein unglückliches 0:2 in der ersten Hälfte durch zwei Tore des wieder einmal überragenden kolumbianischen Nationalstürmers Duván Zapata noch aus.

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          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Lazio Rom, erheblich ersatzgeschwächt wegen mindestens fünf Corona-Infektionen im Kader (unter anderem bei Torjäger Ciro Immobile), gelang mit dem 1:1 beim FC Brügge immerhin Schadensbegrenzung. Inter Mailands Stürmer um Romelu Lukaku scheiterten beim torlosen Unentschieden in Donezk in der Ukraine gleich reihenweise am Schachtar-Aluminium.

          Und Meister Juventus war in Turin mit dem 0:2 gegen Barcelona um Leo Messi noch gut bedient: Wiederum das Aluminium und Torhüter Wojciech Szczesny verhinderten weitere Tore der keineswegs überragenden Katalanen. Juve-Neuzugang Álvaro Morata, der einzige Offensivmann mit erkennbarem Drang zum Tor, beklagte sich wegen dreier (zu Recht) aberkannter Tore. Und alle im Kader und im Betreuerstab von Juventus hadern fortgesetzt mit dem infizierten Superstar Cristiano Ronaldo, der in den zwei Wochen seit seiner Ansteckung beim portugiesischen Nationalteam mittlerweile 18 Virustests hat vornehmen lassen. Erst am Freitag kam die Nachricht, dass er negativ getestet wurde und er bald wieder spielen könne. Das teilte sein Klub mit.

          Überhaupt ist die Serie A, nach der einigermaßen geordneten Beendigung der monatelang unterbrochenen Saison 2019/20 und dem gleichfalls geregelten Beginn der neuen Spielzeit, jetzt voll von der zweiten Welle der Infektionen erfasst worden. Bis zum Mittwoch wurden bei den zwanzig Klubs der obersten italienischen Profiliga insgesamt 89 Sars-CoV-2-Infektionen gezählt. Kader und Stäbe der einzelnen Vereine sind sehr unterschiedlich betroffen. Bei einer Handvoll Klubs hat sich noch kein einziger Spieler infiziert, bei anderen Vereinen – allen voran der CFC Genua – hatte das Virus faktisch den gesamten Kader erfasst.

          Bei den allermeisten Spielern und Betreuern verläuft die Covid-19-Erkrankung vollständig symptomfrei oder verursacht nur vorübergehend leichte Beschwerden. Nach der erforderlichen Quarantäne-Isolation konnte man es bisher bei kaum einem der infizierten Aktiven einen Leistungsabfall feststellen. AC Milans immerhin schon 39 Jahre alter Torgarant Zlatan Ibrahimovic kann glaubhaft behaupten, die Begegnung mit dem Coronavirus habe seine „Löwenkräfte“ sogar noch vermehrt: In den drei Serie-A-Spielen, die er vor und nach seiner Corona-Zwangspause absolvieren konnte, erzielte er zusammen sechs Treffer.

          Doch insgesamt schwächeln die Serie A und der italienische Profifußball insgesamt so schwer, dass Liga- und Fußballverband einhellig vor dem unmittelbar drohenden Kollaps warnen. Das neue Dekret von Ministerpräsident Giuseppe Conte zum Semi-Lockdown vom Montag sieht neben umfassenden Einschränkungen in der Gastronomie, im Freizeitsport und im Kulturbetrieb auch vor, dass die Spiele der Profiligen wieder hinter verschlossenen Türen stattfinden müssen – bis mindestens zum 24. November. Zuletzt waren pro Spiel immerhin tausend Zuschauer der Heimmannschaft zugelassen, und mit ihnen war ein Hauch der Erinnerung an ein normales Stadionerlebnis in den Profifußball zurückgekehrt.

          Niemand kann wissen, ob die Infektionskurve in Italien – mit zuletzt rund 25.000 bestätigten Neuansteckungen pro Tag – bis Ende November so weit abgeflacht ist, dass die Einschränkungen wieder gelockert werden können. Mit einem Eil-Dekret vom Dienstag hat die Regierung knapp sieben Milliarden Euro für die besonders betroffenen Wirtschaftszweige bereitgestellt. Für den Betrieb des Profifußballs sind vorerst keine weiteren Hilfen vorgesehen: Finanzspritzen für ein bis vor kurzem noch verschwenderisch mit Milliarden hantierendes Geschäft wären angesichts der akuten Existenzängste von Hunderttausenden Taxifahrern, Köchen und Kulturschaffenden politisch kaum zu vermitteln.

          In einem offenen Brief an die Regierung warnen die Lega Serie A – vergleichbar der Deutschen Fußball-Liga – und der Fußballverband FIGC vor zusätzlichen Verlusten von bis zu 600 Millionen Euro bis zum Ende der Spielzeit 2020/21, allein 400 Millionen bis Dezember. Rund zwei Drittel der Verluste entstehen durch die fehlenden Einnahmen aus dem Ticketverkauf, der Rest durch weggebrochene Sponsorengelder. Spätestens bis zum 16. November müssen die Klubs die noch immer ausstehenden September-Gehälter an ihre Spieler zahlen. 15 der 20 Vereine wissen nach Angaben von Lega und FIGC nicht, woher sie dafür das Geld nehmen sollen.

          Bis Jahresende könnten mehrere Vereine der Serie A vollends insolvent sein, warnen die Verbände. „Wir hoffen, die Regierung versteht den Wert des Fußballs als Wirtschaftszweig, jenseits aller Demagogie“, heißt es in dem Schreiben, das an den Regierungschef sowie an die Minister der Ressorts Gesundheit, Sport und Wirtschaft adressiert ist. Bisher ist aber nur eine kleine Minderheit im Kabinett der Überzeugung, dass das Geschäft des Profifußballs zu den essentiellen Bereichen der notleidenden italienischen Wirtschaft gehört und mit weiteren Millionen Steuergeldern beziehungsweise Staatsschulden unterstützt werden soll.

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