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Fußball in Italien : Calcio vor dem Stil- und Wachwechsel

  • -Aktualisiert am

Nach seinem Tod eine nationale Berühmtheit: Gabriele Sandri Bild: AP

Das ungelöste Problem gewaltbereiter Fans und überforderter Polizei überschattet, dass in Italien ausgezeichnet Fußball gespielt wird. Allen Widrigkeiten in der Heimat zum Trotz stehen die Klubs und die Azzurri international gut da.

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          Zu Lebzeiten war Gabriele Sandri ein beliebter, aber unauffälliger Junge. Nach seinem tragischen Tod durch eine Polizeikugel ist der Fan von Lazio Rom zu einer nationalen Berühmtheit geworden, dessen allzu kurze Biographie Gazetten und Vorabendfernsehen über viele Tage Beschäftigung gab. Die Serie A verzeichnete nach dem Tod von Gabriele Sandri massive Fan-Krawalle und reihenweise abgesagte Spiele. Ob all das verhältnismäßig war, ob das Opfer selbst mit dieser Sakralisierung als Tifoso-Heiliger einverstanden gewesen wäre, ist angesichts der kollektiven Medientrauer längst nicht mehr die Frage.

          Als Lazio Rom an diesem Sonntag endlich wieder zum Fußballspielen antrat, trug jeder Profi ein Hemd mit Gabrieles Foto am Herzen unterm Trikot, eine Galerie von Riesenbildern des Toten flimmerte über die Anzeigentafeln, Lazios Spieler De Silvestri, der den Toten persönlich gekannt hatte, legte vor der Fan-Tribüne demonstrativ einen Blumenstrauß nieder. Es war wie bei einer Beerdigung.

          Mitgefühl und Medienhysterie

          Auch die römischen Tifosi, die der Tod eines Polizisten in Catania bei Fan-Krawallen in der Vorsaison noch ziemlich kalt gelassen hatte, ließen sich eine ganz eigene Regie einfallen: zwanzig Minuten Schweigen und Abwesenheit, dann der Einmarsch in die Fan-Kurve mit Spruchbändern zu Ehren des Toten. Sogar die Anhänger des Gastklubs aus Parma machten mit und reckten eifrig ihr Motto "Ciao Gabriele" in den römischen Abendhimmel. Die langweilige Partie bot dann außer zwei Aluminiumtreffern von Lazio nicht viel, bis gegen Ende Firmani die Römer erlöste und mit seinem Tor im Mittelfeld etablierte. Was der Jubel des gesamten Teams vor den Riesenbildern von Gabriele Sandri noch mit Fußball, was mit Mitgefühl und was mit Medienhysterie zu tun hat, bleibt dem Geschmack der Betrachter überlassen.

          Mit zwanzig Minuten Schweigen und Abwesenheit gedachten die Fans des getöteten Gabriele Sandri

          Weltweit indes hat das ungelöste Problem gewaltbereiter Fans und überforderter Polizei wiederum überschattet, dass in Italien immer noch ausgezeichnet Fußball gespielt wird - wenn denn überhaupt gespielt wird. Nicht zuletzt die italienische Qualifikation für die Europameisterschaft durch eine überzeugende Leistung im schottischen Regen war das Signal: Allen Widrigkeiten in der heimischen Liga zum Trotz ist der Weltmeister nicht geschwächt.

          „Schwer, einen Stolperstein zu finden“

          Die Auslosung für die WM-Qualifikation in Südafrika bescherte den Azzurri mit Gegnern wie Bulgarien, Irland, Georgien, Montenegro sehr lösbare Aufgaben, so dass bei großen Turnieren mit Italien weiterhin zu rechnen sein wird. Nationaltrainer Roberto Donadoni behielt nach der Auslosung seinen bis zur Langeweile monotonen Grundton bei, als er vor den tückischen Gegnern warnte: "Man sagt ja, wir Italiener sind vor allem in Gefahr, wenn es einfach wird."

          Doch die "Gazzetta dello sport" rückte das berechtigte Selbstbewusstsein einer Fußballmacht zurecht, als sie schrieb, es sei "schwer, hier einen Stolperstein zu finden". Und weil Italiens Mannschaften - ganz anders als die deutschen - auch in der Champions League sehr gut dastehen, kann die Serie A so schlecht nicht sein, wie das ehemals korrupte, heute eher gewalttätige Umfeld sie erscheinen lässt.

          Gut erholt vom Bußgang

          Nach der langen Trauer- und Länderspielpause führte Juventus Turin vor, wie glänzend sich der Rekordmeister von seinem Bußgang in die zweite Liga erholt hat. Mit 5:0 fertigte die Mannschaft von Trainer Claudio Ranieri den Besuch aus Palermo ab. Trezeguet festigte dabei mit seinem elften Treffer seine Position an der Spitze der Torjägerliste, Altstar Del Piero schaffte als Joker in einer knappen halben Stunde zwei Treffer und eine Vorlage, so dass die Presse beinahe ehrfürchtig von einer "Juve zum Angsteinjagen" schrieb. Ob der an Haupt und Gliedern runderneuerte Klub, der derzeit auf dem geteilten zweiten Platz für die Champions League qualifiziert wäre, tatsächlich bereits reif für die Meisterschaft ist?

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