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Fußball in Europa : Kurz vor dem Kollaps

Hier die Kleinen, dort die Großen: Real Madrid aber erkauft sich sportlichen Erfolg mit hohen Schulden Bild: AFP

Der Geschäftsführer von Inter Mailand vergleicht die Lage im europäischen Fußball mit der Staatsschuldenkrise in Griechenland. Der Größenwahn regiert an vielen Orten. Aber wird die Uefa tatsächlich Strafen aussprechen?

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          Während die europäischen Fußballwettbewerbe in die spannungsreiche Knock-out-Phase gehen und derzeit wieder sportlichen Glanz verbreiten, verdunkeln sich die wirtschaftlichen Aussichten der Branche. Die Zahlungsunfähigkeit des schottischen Traditionsklubs Glasgow Rangers, der vor fünf Jahren noch zu den 20 kommerziell erfolgreichsten Fußballvereinen des Kontinents gezählt hatte, aber vergangene Woche den Insolvenzantrag stellen musste, wird von Experten als weiteres alarmierendes Zeichen gewertet.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die weit verbreiteten Defizite sorgen mittlerweile selbst dort für Unruhe, wo lange Zeit auf der Ausgabenseite immer weiter an der Wachstumsspirale gedreht wurde. „Die Situation im Fußball entspricht der Staatsschuldenkrise in Italien, Spanien und Griechenland“, warnte der Geschäftsführer von Inter Mailand, Ernesto Paolillo.

          Der frühere Bankmanager ist zugleich Vorstandsmitglied der europäischen Klubvereinigung, die von Karl-Heinz Rummenigge angeführt wird. Ändere sich nichts am Geschäftsgebaren der Vereine, drohe dem Fußball in Europa ein Kollaps wie einst der Wirtschaft nach der Lehman-Pleite.

          Größenwahn, eine unrealistische Selbsteinschätzung und undurchsichtige Geschäftspraktiken haben die Rangers in den Ruin getrieben. Letztlich steht das Desaster in Glasgow für eine grassierende Finanzkrankheit, die für viele in der Branche lebensbedrohlich ist. In einer eigenen Analyse hat die Europäische Fußball-Union (Uefa) gerade dargestellt, wie tief der Vereinsfußball in der Schuldenfalle steckt.

          Mehr als die Hälfte der 665 überprüften Erstligaklubs in Europa weisen eine negative Bilanz aus. Die Nettoverluste stiegen im Erhebungszeitraum 2010 bei einem Rekordumsatz von 12,8 Milliarden Euro um 36 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro. Die Verbindlichkeiten der europäischen Vereine betragen 19,1 Milliarden Euro, gegen die Vermögenswerte gerechnet liegen die Nettoschulden bei 6,9 Milliarden Euro.

          Uefa-Fachleute glauben nicht an schnelles Umdenken

          „Diese Zahlen sollten den Klubs eine allerletzte Warnung sein. Wir müssen diesen Trend sehr schnell umkehren“, lautete unlängst der Kommentar des Uefa-Generalsekretärs Gianni Infantino. Legt man die künftigen Kriterien zugrunde, hätte 13 Klubs aus der Champions- und der Europa-League der Zugang in die Gruppenphase verweigert werden müssen.

          An ein freiwilliges Umdenken und schnelle Lösungen glauben aber selbst die Uefa-Fachleute nicht. Der Wahnsinn geht vorerst weiter. Die neueste Meldung: In England muss der Zweitligaklub FC Portsmouth, der bis 2010 noch in der Premier League spielte und da auch das FA-Cup-Finale erreichte, wohl jetzt zum zweiten Mal in zwei Jahren in die Insolvenz.

          Nach 2018 nur noch ein Minus von fünf Millionen

          Um gegenzulenken wird die Uefa von 2013 an unter dem Begriff des „Financial Fairplay“ versuchen, zumindest für die Teilnehmer an der Champions und Europa League einen Sparkurs durchzusetzen. Wer sich dann für die Wettbewerbe qualifiziert, darf nur teilnehmen, wenn er nach der „Break-even-Rule“ nicht mehr ausgibt, als er einnimmt.

          In einer Übergangszeit dürfen Klubs pro Saison nur noch Defizite in Höhe 45 Millionen Euro, dann 30 Millionen ausweisen, nach 2018 ist ein Minus von höchstens fünf Millionen festgesetzt. Die Fußball-Unternehmungen müssen sich selbst tragen - so der Plan. Die Ausgaben dürfen nur noch aus den operativen Einnahmen und nicht mehr aus Zuwendungen reicher Eigentümer bestritten werden.

          „Hier gibt es ein großes Fragezeichen“

          Auch wenn erste Finanzkennzahlen der Klubs schon aus dieser laufenden Spielzeit in das spätere Fairplay-System einfließen, regiert weiterhin die Unvernunft. Gerade die deutschen Vereine, die aufgrund eines relativ strikten Ordnungsrahmens beim Liquiditätsnachweis insgesamt wesentlich gesünder dastehen als der Rest in Europa, fragen sich, wie ernsthaft die Uefa die Regeln wirklich durchsetzen und auch Sanktionen aussprechen wird. Sind Schuldenmeister wie Chelsea, Barcelona oder Real Madrid irgendwann fällig?

          „Hier gibt es ein großes Fragezeichen. Nur Träumer glauben, dass irgendwann Klubs ausgeschlossen werden“, sagte der Schalker Finanzvorstand Peter Peters bei einem Sportbusiness-Kongress vergangene Woche in Düsseldorf. Peters ist auch Vizepräsident des Ligaverbandes in Deutschland und Mitglied der Uefa-Kommission für Klublizenzierung. Der FC Bayern, Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und Schalke 04 nehmen vorab an einem freiwilligen Finanztest der Uefa teil. Alle sollen die Kriterien erfüllen, selbst die hoch verschuldeten Schalker, wie Peters ein wenig stolz mitteilte.

          „Wir wollen nicht nachträglich einen Nachteil produzieren“

          Noch ist nicht heraus, ob es sich bei den vorgesehenen Finanzregeln der Uefa nur um einen Papiertiger handelt. Die Deutsche Fußballliga wird jedenfalls den Katalog noch nicht für die eigenen Vereine anwenden. „Wir wollen nicht freiwillig einen Wettbewerbsnachteil produzieren und warten deshalb erst die Erfahrungen der Uefa ab“, sagte Peters. Von Pessimisten befürchtet wird ein Wettbewerb bei der Suche nach Schlupflöchern.

          Die Pläne scheinen noch lange nicht ausgereift. Die Frage wird auch sein, ob Kläger am Ende vor dem Europäischen Gerichtshof auf die Kapitalverkehrsfreiheit verweisen und versuchen werden, das Regelwerk so auszuhebeln. Rückendeckung erhofft sich der Fußball von der Europäischen Kommission. Uefa-Chef Michel Platini konsultierte deshalb schon den Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso.

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