https://www.faz.net/-gtl-9aw0h

Debatte um Stehplätze : Widerstand im Mutterland der Fankultur

  • -Aktualisiert am

Fans des FC Liverpool im Anfield Stadium. Bild: AFP

Seit dem Drama von Hillborough, bei dem 96 Menschen in einem Fußballstadion gestorben sind, sind Stehplätze in den ersten beiden englischen Ligen verboten. Das könnte sich nun ändern, auch weil Deutschland als Vorbild dient.

          Dieses Mal scheint tatsächlich Bewegung in die Sache zu kommen. Wenn man bei der zuständigen Behörde für die Stadionsicherheit in England nach Stehplätzen beim Fußball fragte, dann erhielt man bislang immer dieselbe vorgefertigte Antwort: „Die Regierung hat nicht die Absicht, ihre Position zu ändern und Stehplätze einzuführen in Stadien, die der Vorschrift unterliegen, ausschließlich Sitzplätze anbieten zu dürfen.“

          Aber jetzt tut sich etwas. Der Fan-Verband „Football Supporters’ Federation“ (FSF) hat in den vergangenen Wochen eine Petition ins Rollen gebracht, mit dem Ziel, das sogenannte „Safe Standing“, wie es unter anderem in einigen deutschen Stadien eingesetzt wird, auch für Englands Topligen zu erstreiten. Dabei geht es um Klappsitze, die so eingestellt werden können, dass sie je nach Bedarf Sitz- oder Stehplätze sind. Rund 112.000 Fans haben die Petition bis heute unterschrieben. So viele, dass Sportministerin Tracey Crouch gar nicht anders kann, als das Thema am 25. Juni im Parlament zur Diskussion zu stellen.

          Zum Hintergrund: Seit Beginn der 1990er Jahre sind in Englands Fußballstadien der ersten beiden Ligen Stehplätze verboten. Es war die Reaktion der damaligen Thatcher-Regierung auf das Desaster von Hillsborough im Jahr 1989. Damals waren bei einer Panik im Stadion 96 Menschen getötet und mehr als 700 verletzt worden. Die Schuld wurde offiziell und mit eifriger Hilfe des Boulevardblatts „The Sun“ den angeblich marodierenden Liverpooler Fans auf den Stehplätzen gegeben. Heute weiß man, dass es die schlampige Polizeiarbeit war, die zu dem Desaster geführt hatte. Gegen die Verantwortlichen läuft der Prozess. Und die Fans? Die müssen auch heute, 29 Jahre später, noch immer sitzen, wenn sie zum Fußball gehen.

          „Es ist an der Zeit, sich die Sache anzusehen“

          Widerstand regt sich schon lange im Mutterland der Fankultur. Die FSF argumentiert, dass die Stadien heute schon von ihrer Konzeption her viel sicherer seien als vor drei Jahrzehnten, als vor sich hin bröselnde „Terraces“ nicht die Ausnahme waren, sondern die Regel. Zudem stehen auch heute bei so gut wie jedem Spiel in der Premier League und der Championship Fans hinter niedrigen Sitzschalen, was weitaus gefährlicher ist, als wenn sie stattdessen hinter Wellenbrechern stünden, wie es beim „Safe Standing“ der Fall wäre. Jon Darch ist ein leidenschaftlicher Kämpfer für das „Safe Standing“; er tourt mit einem Anhänger quer durch das Königreich, auf dem er zu Schauzwecken vier „Rail Seats“ montiert hat. Auf Anfrage der F.A.Z. sagt er zu der Entwicklung in Tracey Crouchs Ministerium: „Es zeigt, dass sie den Druck spüren.“

          2004 kamen zum 15. Jahrestag der Tragödie von Hillborough tausende Fans ins Liverpooler Anfield Stadium und gedachten der Opfer.

          Und der kommt mittlerweile nicht mehr nur von den Fans, sondern auch vom Großteil der Profiklubs: Viele haben sich mehr oder weniger offen für die Einführung von Stehplatz-Blöcken ausgesprochen. Sogar beim FC Liverpool, dessen Fans wegen Hillsborough eine besondere Beziehung zu dem Thema haben, sprachen sich bei einer Umfrage 88 Prozent der Teilnehmer für das „Safe Standing“ aus. Die Behörde hat nun Gespräche mit den Entscheidern der Premier League und der Football League aufgenommen, unter deren Dach die Ligen zwei bis vier ausgetragen werden. Die BBC zitierte dazu eine Person aus Regierungskreisen: „Die Sicherheit der Fans hat höchste Priorität. Aber wir sehen auch ein, dass sich Technologie und Stadion-Design weiterentwickelt haben, seit die Sitzvorschrift eingeführt worden ist. Es ist an der Zeit, sich die Sache anzusehen.“

          Es ist diese Äußerung, fernab der alten Sprachregelung, die den Fans in England Hoffnung macht. Hoffnung, dass sie bald wieder die Wahl haben könnten, ob sie den Fußball im Sitzen oder im Stehen erleben möchten. Hoffnung, dass die Stimmung in den Stadien wieder besser werden könnte, die unter dem Stehplatz-Verbot gelitten hat. Hoffnung, dass vielleicht sogar die Tickets wieder billiger werden könnten, die im englischen Spitzenfußball vielerorts so teuer sind, dass sich junge und einkommensschwache Fans den Eintritt nicht mehr leisten können. Lange haben Vereine, Ligen und Politik das Problem nicht ernst genommen. Aber 112.000 Unterschriften sind nichts, was man einfach so ignorieren kann.

          Weitere Themen

          Heiße Sohlen

          Rebecca Farrar-Hockley : Heiße Sohlen

          Wie der Brexit ihr Land prägen wird, kann auch sie nicht sagen. Was die Menschen bald an den Füßen tragen, schon: Rebecca Farrar-Hockley ist Einkaufschefin der Schuh-Etagen gleich mehrerer Londoner Luxuskaufhäuser.

          Topmeldungen

          Das Unkrautvernichtungsmittel Roundup

          Glyphosat-Streit : Schwere Niederlage für Bayer

          Ist das glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel Roundup verantwortlich für die Krebserkrankung eines amerikanischen Klägers? Ein Gericht hat dem Hersteller Monsanto nun eine Teilschuld gegeben.

          Bolsonaro in Washington : Vorglühen mit Bannon

          Jair Bolsonaro hat bei seinem Besuch in Washington neben Donald Trump auch dessen verstoßenen Chefstrategen Steve Bannon getroffen. Dabei klang der brasilianische Präsident wie der gelehrige Schüler des rechten Meinungsmachers.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.