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Fußball in England : Der Weihnachtsmann kommt nur zu City

Stürmer Roque Santa Cruz kam von den Blackburn Rovers zu Manchester City Bild: AP

Eine neue Sparsamkeit herrscht in der Premier League. Nur ein Verein aus Manchester war im Sommer groß im Geldausgeben: Es handelt sich jedoch nicht um Meister United. Und die Vormacht des englischen Klubfußballs scheint zu brechen.

          3 Min.

          In England sind die Jahreszeiten anders. Weihnachtsfeiern zum Beispiel sind dort ein vorgezogener Karneval. Dafür kommt der Weihnachtsmann erst im Sommer. Denn für Fußballfans auf der Insel ist das die Zeit der Bescherung. Man blättert die Gerüchtespalten der Sportseiten auf, klickt sich durch die Fan-Foren, spielt alle möglichen Phantasie-Verstärkungen für das eigene Team durch. Und am Ende bekommt man zum Saisonstart zwei, drei neue Stars präsentiert.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Das war einmal. Nun ist Krise, und der Fußball-Weihnachtsmann macht im Sommer nur noch in Manchester halt. Und das nicht einmal beim Meister United, sondern beim Möchtegern-Herausforderer City. Für die Stürmer Santa Cruz (aus Blackburn), Adebayor (Arsenal), Tevez (United), den Mittelfeldmann Barry (Aston Villa) und Verteidiger Kolo Touré (Arsenal) hat der Klub von Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan, einem Mitglied der Herrscherfamilie von Abu Dhabi, schon über hundert Millionen Euro ausgegeben – und er bietet fleißig weiter. Bei Everton holte er sich in dieser Woche die zweite Abfuhr für Jolean Lescott ab. Auch für 21 Millionen Euro ist der Verteidiger (vorerst) nicht zu haben.

          Die großen Klubs, die „Big Four“, die seit Jahren den nationalen Titel und die Töpfe der Champions League unter sich verteilen, machen dagegen auf sparsam. „Ohne das Neureichen-Gehabe von Manchester City“, schreibt der „Guardian“, „hätte der englische Fußball in diesem Sommer nur eine Statistenrolle auf dem Transfermarkt.“ Aber auch City bekam die ganz großen Namen nicht. Cristiano Ronaldo, um den City vor einem Jahr gebuhlt hatte, ging für 94 Millionen Euro von Manchester United zu Real Madrid. Es war ein Signal, dass die Liga, die in den letzten Jahren die attraktivste für Ausländer war, an Anziehungskraft verloren hat.

          Stürmer Carlos Tevez kam von Manchester United zu Manchester City

          „Das Pendel der Macht schwingt zurück Richtung Spanien“

          Die Transfers der Saison finden fast ausschließlich auf dem englischen Binnenmarkt statt. Als namhafteste Importe müssen schon der Belgier Vermaelen (für 12 Millionen Euro zu Arsenal), der Russe Schirkow (für 21 Millionen zu Chelsea) und der Italiener Aquilani herhalten (für 24 Millionen Euro zu Liverpool, als Ersatz für Xabi Alonso, der für 35 Millionen nach Madrid wechselte). Dazu der frühere Milan-Coach Carlo Ancelotti, der bei Chelsea das schwere Erbe des nach nur vier Monaten schon vergötterten Interimstrainers Guus Hiddink angetreten hat.

          Noch im Frühling war in Europa das saisonübliche Klagen über die englische Vormacht erklungen. Wie im Vorjahr blockten die vier Vertreter der Premier League die Hälfte der Plätze im Viertelfinale der Champions League; wie im Vorjahr stellten sie drei der vier Halbfinalisten. Nun aber konstatiert der „Guardian“: „Das Pendel der Macht schwingt zurück Richtung Spanien.“ Während dort die großen Deals des Sommers gemacht wurden, ob Ronaldo, Kaká, Ibrahimovic, Benzema oder Eto'o, haben die vier englischen Topklubs bisher auf dem Transfermarkt kaum zugegriffen. Im Gegenteil, sie sind von Nehmern zu Gebern geworden und haben bei Transfers zusammen rund 65 Millionen Euro mehr erlöst als investiert.

          Die neue Sparsamkeit ist weniger auf die Krise als auf die hohen Verbindlichkeiten der Premier-League-Klubs von 3,5 Milliarden Euro, davon rund 2,5 Milliarden durch die vier Top-Vereine, zurückzuführen. Zudem verringern finanzpolitische Entwicklungen das Spielgeld. „Das neue Steuersystem und der Kollaps des Sterling bedeuten, dass die Dominanz der Premier League verschwinden wird“, prophezeit Arsenal-Trainer Arsène Wenger. Der Pfundverfall und die bevorstehende Erhöhung des Spitzensteuersatzes von vierzig auf fünfzig Prozent machen es für britische Klubs schwerer als bisher, Spieler vom Kontinent zu locken. Anders sieht es in Spanien aus, wo für Ausländer ein ermäßigter Steuersatz von 24 Prozent gilt.

          „Dass wir uns alle so lange kennen, ist sehr vorteilhaft“

          Natürlich kann da noch einiges kommen, schließlich gab es die beiden teuersten Spielerwechsel des letzten Jahres, Robinho und Berbatow, erst am letzten Tag der Transferperiode (die nach Saisonbeginn an diesem Samstag noch 16 Tage dauert). Und Kapital für einen guten, späten Deal haben die Spitzenklubs immer noch genug. Doch schon klingt ein neuer Ton an, der sagt: Wozu denn Transfers? „Wir brauchen nicht viele Wechsel“, sagt United-Stürmer Wayne Rooney, „wir waren dreimal in Folge Meister und zweimal im Champions-League-Finale.“

          Sein Kollege Didier Drogba von Chelsea preist die Vorzüge der Kontinuität durch mangelnden Personalaustausch: „Dass wir uns alle so lange kennen, ist sehr vorteilhaft.“ Und Wenger betont, dass Barcelona in der letzten Saison alles gewann, „und was taten sie vorher? Sie verkauften Ronaldinho und Deco und wollten sogar Eto'o und vielleicht Henry verkaufen.“ Fußball, so die Botschaft, ist kein Einkaufsladen. „Fußball ist unberechenbar.“ Das verbindet ihn mit dem Weihnachtsmann.

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