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Fußball in Deutschland : Böses Erwachen in der Traumwelt

15. Mai 2012: Nach dem Relegationsspiel in Düsseldorf werden auf dem Platz bengalische Feuer gezündet Bild: dpa

Der deutsche Fußball sucht nach Antworten auf das Fanproblem. Hannover-Präsident Kind lässt die Fans in den Blöcken per Video überwachen und Strafen von ihnen selbst bezahlen. Noch ist er damit allein. Heute Nachmittag soll das DFB-Sportgericht eine Entscheidung über das Relegationsspiel treffen.

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          Das ultimative Zeichen, dass es so nicht mehr weitergeht im deutschen Fußball, sollte am Freitag eigentlich von der DFB-Zentrale in Frankfurt aus gesetzt werden. Doch der Vorsitzende des Sportgerichts beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) verschob nach stundenlanger Sitzung die Verhandlung, so dass sich erst an diesem Montag ergeben soll, ob das im Chaos geendete Rückspiel in der Bundesliga-Relegation zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wiederholt wird.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Aber unabhängig davon, welche Strafen ausgesprochen werden, ist jetzt schon klar, dass diese Partie mit den Auswüchsen Tausender Zuschauer nur für einen Wendepunkt stehen kann. „Düsseldorf ist eine neue Dimension. Es zeigt, dass wir die Probleme unterschätzt haben. Wir müssen jetzt ehrlich diskutieren und Antworten auf diese Auswüchse finden, sonst wird die Bundesliga beschädigt. Eine Traumwelt wird es nicht mehr geben“, sagt Martin Kind, Unternehmer und Präsident von Hannover 96.

          Auch in seinem Klub gab es Probleme mit Sachbeschädigungen, pyrotechnischen Exzessen auf den Rängen und gewaltbereiten Fangruppen aus der Ultra-Szene. Er hat sich als einer der wenigen in der Bundesliga schon von einiger Zeit dazu verpflichtet, den Problemen selbst entschlossen entgegenzutreten.

          Damit gibt er ein Beispiel in einer Branche, in der oft viel geredet, aber in der direkten Auseinandersetzung doch zu wenig gehandelt wird. „Bis zu einem gewissen Moment bin ich für den Dialog. Ich treffe mich hier in Hannover mindestens viermal im Jahr mit der Ultra-Fanszene. Da wird sehr offen, kontrovers und deutlich miteinander gesprochen. Jeder muss wissen, wie die Spielregeln lauten. Darüber konnten wir das Verhältnis deutlich entspannen, auch wenn ich die Ruhe nicht überbewerten will“, sagt Kind.

          „Das tut weh und spricht sich in der Fanszene herum“

          Er ist Mitbesitzer der vom Verein ausgegliederten Fußball-Kapitalgesellschaft und damit besonders interessiert an der Außenwirkung des Klubs. Kind sorgte erstmals dafür, dass auffällig gewordene Fans eine vom europäischen Fußball-Verband aufgebrummte Strafe für den Verein von 30.000 Euro aufgrund einiger Verfehlungen beim Europa-League-Auswärtsspiel in Kopenhagen übernehmen mussten. Bilder der dänischen Polizei lieferten die Beweise.

          Zwei ertappte Ultras ließ Kind Schuldeingeständnisse unterschreiben, damit müssen sie nun zu je 15.000 Euro den Schaden begleichen. „Das tut weh und spricht sich in der Fanszene herum. Ich glaube, das ist die Sprache, die verstanden wird. Wir werden zur nächsten Saison eine neue Videotechnik im Stadion installieren, die ausschließlich auf die Fanszene in der Nordkurve ausgerichtet ist. Mit einer guten Auflösung, damit wir die Täter leichter identifizieren können“, kündigt Kind an.

          „Wir müssen jetzt ehrlich diskutieren und Antworten auf diese Auswüchse finden, sonst wird die Bundesliga beschädigt“: Martin Kind

          Woanders werden die Strafen, die durch Ausschreitungen oder Fehlverhalten von Anhängern entstehen, von den Vereinen wie selbstverständlich übernommen. Die Vereinsverantwortlichen beklagen zwar hinter vorgehaltener Hand die unbefriedigende Situation, tun aber in der Öffentlichkeit doch nichts dagegen - wohl oft aus Unsicherheit über das vermeintliche Machtpotential der organisierten Anhängerschaft.

          Wie bei Eintracht Frankfurt. Der Aufsteiger ist seit Jahren ein schwieriger Fall und gehört zu den Klubs mit langem Sündenregister. Vor der Saison in der zweiten Liga veröffentlichte der Verein als Ansage an die Rüpel-Fans eine „Liste der Selbstverständlichkeiten“, auf der einwandfreies Verhalten eingefordert wurde.

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