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Weltgrößte Nachwuchsakademie : Wie China zur Fußballmacht werden will

  • -Aktualisiert am

Chinesische Fußball-Bewegung: Die Akademie von Evergrande ist das Vorzeigeprojekt – bis 2020 sollen rund 20.000 Fußballschulen entstehen. Bild: Imago

Der chinesische Meister Guangzhou Evergrande betreibt die größte Fußballschule der Welt: Auf 50 Plätzen sollen bald 10.000 Kinder trainieren.

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          Marco Pezzaiuoli fuchtelt wild mit den Armen. „No! No! No!“ ruft der 48 Jahre alte Trainer dem chinesischen Nachwuchskicker zu. Der 18-Jährige schaut verdutzt, schließlich ist der Pass mit dem Außenrist doch angekommen. Die Sonne brennt über dem Rasenplatz in Guangzhou. Das Training neigt sich dem Ende entgegen, alle sind sichtlich erschöpft. Bis auf Pezzaiuoli. Er trägt ein schwarzes Kurzarmtrikot, weiße Shorts und Fußballschuhe. Immer bereit, ins Trainingsgeschehen einzugreifen. So wie jetzt. Pezzaiuoli schnappt sich den Ball, spielt einen scharfen Pass mit der Innenseite auf den wartenden Stürmer. „Dieses ganze Außenristpass, Übersteiger-Rumgedribbel in der Abwehr macht mich wahnsinnig“, wird Pezzaiuoli später erzählen, aber schnell hinzufügen: „Es hat sich aber schon vieles verbessert.“

          Seit knapp zwei Jahren arbeitet der ehemalige Hoffenheimer Trainer im Süden Chinas für den Verein Guangzhou Evergrande Taobao Football Club. Er trainiert unter anderem die U 17-, U 18- und U 19-Teams. Er entscheidet, wer von den Nachwuchsspielern eine Chance im Training der Profis um den brasilianischen Weltmeistertrainer Felipe Scolari erhält. Der Andrang ist groß, denn Guangzhou Evergrande ist so etwas wie der FC Bayern Chinas. Seit Jahren dominiert der Verein die chinesische Super-Liga CSL, die Meistertitel der vergangenen sechs Jahre gingen alle nach Guangzhou. Während die anderen Klubs mit Millionentransfers versuchen aufzuschließen, setzt man hier auf Nachwuchsarbeit - mit Pezzaiuoli und der größten Fußballschule der Welt.

          Die Evergrande Fußball-Akademie, zwei Fahrstunden nördlich der südchinesischen Stadt Guangzhou gelegen, ist das Herzstück. Von der Millionenmetropole kommend, fährt man durch karstigen Fels und saftiges Grün hinauf in die Berge von Qingyuan. Hinter einer scharfen Rechtskurve erhebt sich aus den umliegenden Feldern ein gewaltiges Eingangstor. Dahinter warten ein herrschaftlicher Park sowie zahlreiche gotische Gemäuer mit spitzen Türmchen und kleinen Erkern, deren Dächer nachts neonblau angestrahlt werden. Es wirkt, als würde man die Zauberschule Hogwarts betreten. Doch in Qingyuan wird kein Harry Potter in übersinnlichen Kräften ausgebildet. Die Aufgabe ist aber nicht minder magisch. „Wir legen hier die Grundlage, damit China zu einer Fußballmacht wird“, sagt Schulleiter Liu Jiangnan zur Begrüßung.

          Wer in den vergangenen Monaten die aberwitzigen Transfers der chinesischen Profiklubs verfolgt hat, konnte zu dem Schluss kommen, dass hier bereits eine Fußballgroßmacht am Werk ist. Antonio Conte, Cheftrainer des gewiss nicht armen englischen Tabellenführers Chelsea London, sprach von einer „globalen Gefahr“, die vom chinesischen Fußball ausgehe. Pezzaiuoli sieht das anders. Der Fußball in China befinde sich erst am Anfang einer langen Entwicklung. „Da muss man aufpassen, dass Transferausgaben und Gehälter das nicht wieder kaputt machen.“ Auch die Weltrangliste deutet auf keine akute „globale Gefahr“ hin. China befindet sich auf Platz 81 - direkt hinter den Kapverden sowie St. Kitts und Nevis, aber immerhin noch vor Qatar, das mit seinen knapp 2,6 Millionen Einwohnern auf Platz 85 rangiert. Als das Nationalteam vor kurzem das WM-Qualifikationsspiel gegen Syrien 0:1 verlor, hagelte es Spott und Häme. Man solle den Spielern den Friedensnobelpreis verleihen, hieß es in Anspielung auf das vom jahrelangen Bürgerkrieg geschundene Syrien. Für die WM 2018 in Russland wird sich die Volksrepublik nicht mehr qualifizieren - ohnehin nahm China bislang nur einmal an einer WM teil. Das war 2002, als die asiatischen Konkurrenten Japan und Korea als gemeinsame Gastgeber qualifiziert waren. Das Turnier endete ernüchternd: Alle Spiele verloren, null Punkte, null Tore.

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