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Fußball in Argentinien : Eine unheilvolle Allianz

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Geld und Gewalt, Sport und Politik, Eitelkeit und Intrigen - Argentiniens Fußball geht es nicht gut Bild: AFP

Geld und Gewalt, Sport und Politik, sowie Eitelkeit und Intrigen: Argentinien liefert glänzende Spieler in alle Welt und bringt selbst keine erfolgreiche Fußballelf auf die Beine. Bei Erzrivale Uruguay geht es nun um die WM-Qualifikation.

          Argentinien ist für den internationalen Fußball einer der größten Lieferanten von „Rohdiamanten“ - jungen Spielern, die sogleich ihr Land verlassen, wenn sie ein wenig zurechtgeschliffen sind, Talent gezeigt und sich in Disziplin geübt, dazu taktisches Geschick entwickelt haben. Die Jungen werden buchstäblich von der Straße aufgelesen und nach einer Ausbildungs- und Erprobungszeit vor allem europäischen Klubs zugeführt. England, Spanien, Deutschland und Italien sind die für den „Export“ wichtigsten Länder, neuerdings auch Russland. Als in den neunziger Jahren russische Magnaten damit begannen, sich Fußballklubs in Westeuropa zu kaufen, stiegen die Transfersummen für talentierte Spieler ins Unermessliche.

          Die argentinischen Fußballvereine, die über ein sehr großes Nachwuchsreservoir verfügen, sind auf diese Weise finanziell fast völlig vom Spielerverkauf abhängig geworden. Sie klagen nicht über diesen ständigen Aderlass, viel eher schmerzt sie die internationale Krise. Sie hat die Nachfrage nach Spielern drastisch sinken lassen.

          Von dem Geschäft profitiert alles, was im argentinischen Fußball eine Rolle spielt, angefangen bei den Präsidenten der Vereine bis zu den Fan-Gruppen. Die berüchtigten „Barras bravas“ (etwa: wilde Horden) haben daneben auch noch ganz andere Einnahmequellen. „Die Krieger“, „Die Roten Teufel“ oder „Die Besoffenen“, wie sich diese Fußtruppen nennen, erhalten Vergünstigungen der Vereine, profitieren vom Eintrittskartenschwarzmarkt, mischen im Drogenhandel mit, drängen Spieler, Verträge zu unterzeichnen oder zurückzuweisen, pressen ihnen eine Art Schutzgeld ab.

          Eine ganze Nation bangt die WM-Teilnahme - Nationaltrainer Diego Maradona auch

          „Barras bravas“ als Schlägertrupps im Wahlkampf

          Als „Gegenleistung“ bekämpfen sie feindliche „Barras bravas“ anderer Klubs und sorgen für Aufruhr bei Spielen, provozieren bisweilen gar den Abbruch von Turnieren. Durch den argentinischen Fußball zieht sich seit dessen Anfängen bis heute eine Blutspur, seit 1939 sind mutmaßlich 250 Personen bei den Rivalitäts- und Verteilungskämpfen zwischen einzelnen „Barras bravas“ oder internen Gruppierungen innerhalb einer Truppe zu Tode gekommen.

          Für die Mitglieder dieser „Horden“ ist der bedingungslose Einsatz für ihren Fußballverein so etwas wie ein Religionsersatz. Besonders gefährlich sind die argentinischen Fanklubs vor allem wegen ihrer Verbindungen zur Politik. Gewerkschaftsführer und zum Teil hochrangige argentinische Politiker bedienen sich der „Barras bravas“ als Schlägertrupps, besonders gern, um politischen Gegnern im Wahlkampf zu schaden.

          Die Verquickung von Sport und Politik ist in Argentinien so verhängnisvoll wie in kaum einem anderen Land. Das erklärt auch, weshalb es dem seit den Zeiten der Militärdiktatur amtierenden allmächtigen Vorsitzenden des argentinischen Dachverbandes Afa, Julio Grondona, gelungen ist, das Präsidentenehepaar Kirchner dazu zu überreden, 600 Millionen Pesos (umgerechnet 110 Millionen Euro) jährlich aus dem Staatshaushalt als „Gebühr“ für die Übertragung der Spiele der argentinischen ersten Liga im staatlichen Fernsehen bereitzustellen und die privaten Kanäle, die bislang eine eher klägliche Summe für die Übertragung im Kabelfernsehen gezahlt hatten, aus diesem Geschäft hinauszudrängen. Mit seinem Coup hat Grondona zwar dazu beigetragen, die finanzielle Not der Vereine wegen der versiegenden Transfergelder zu lindern, aber das änderte nichts an der rundum desolaten Situation des argentinischen Fußballs.

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