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Fußball und Soziales : Gegen das Unbehagen

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Da passt was nicht zusammen: Manche Vereine unterstützen Bildungsinitiativen, gehen aber Verträge mit Sportartikelherstellern ein, die Näherinnen in Billiglohnländern ausbeuten. Bild: Massimo Berruti/VU/laif

Skandale auf allen Ebenen: Der Fußball hat einen sozialen Abstieg hinter sich. Durch überzeugendes Engagement für die Gesellschaft kann er neue Relevanz gewinnen. Ein Bundesligaklub ist Vorbild.

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          Der Fußball ist ein Unterhaltungsbetrieb, der für die Grundbedürfnisse unseres Lebens entbehrlich ist. Doch gerade weil er so ernst genommen wird wie kein anderes entbehrliches Gut, muss er sich ernsthafter zu den Themen der Gegenwart verhalten, zu Rechtspopulismus und zu einem wachsenden Gefälle zwischen Arm und Reich. Der Fußball als Glücksspender und Wirtschaftsmotor: Diese naive Erzählung wird nicht mehr lange funktionieren.

          Der Internationale Fußball-Verband (Fifa), die Europäische Fußball-Union (Uefa) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) haben ihre Krisen noch nicht ausgestanden. Immer mehr Menschen hinterfragen die Macht der Verbände und den Zweck großer Sportereignisse. Die Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Qatar werden dieses Unbehagen verstärken. Auch die europäischen Ligen können finanziell nicht ewig wachsen. Wenn der moralisch abgewirtschaftete Fußball stabil bleiben will, dann braucht er ein neues Narrativ. Das Potential dafür ist vorhanden, doch es bleibt ungenutzt.

          Zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei

          Seit der WM 2006 spannt sich in Deutschland ein zivilgesellschaftliches Netz um den Fußball, das im weltweiten Sport fast einmalig ist, aber noch unterhalb der Wahrnehmungsschwelle liegt. Neunzig Stiftungen nutzen den Fußball als Vermittlungsmedium. DFB und die DFL investieren Millionen in ihre Projekte. Einige Profiklubs gründen Sozialabteilungen. Der Fußball bildet in der Gesellschaftspolitik einen soliden Zweig. Aber reicht das? Die Grenzen zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei sind fließend. Was sollte die Milliardenindustrie leisten, damit es dem Gemeinwohl bessergeht?

          Noch tut sich der Fußball mit einem Begriff schwer, der in der Wirtschaft längst etabliert ist: Corporate Social Responsibility, CSR. Dabei handelt es sich um verantwortliches Handeln eines Unternehmens für die Gesellschaft, in sozialen Fragen, Ökonomie und Ökologie. Die Vereine und Stiftungen des Profifußballs wenden jährlich zwanzig Millionen Euro für „freiwilliges soziales Engagement“ auf, so steht es im Wirtschaftsreport der Bundesliga für die Saison 2014/15. Überschwänglich bindet die DFL ihre Projekte für Integration oder gegen Rassismus in ihr Marketing ein. Doch zwanzig Millionen Euro sind nicht mal ein Prozent des Gesamtumsatzes - der lag 2014/15 bei 2,62 Milliarden.

          Eine zeitgemäße Gesellschaftspolitik reicht weiter: Es geht nicht darum, wie Unternehmen einen Teil ihrer Gewinne an wohltätige Projekte weiterreichen. Es geht darum, wie sie diese Gewinne überhaupt erwirtschaften. Einerseits unterstützen alle Vereine Bildungsinitiativen für benachteiligte Kinder. Andererseits machen sie sich von Sportartikelherstellern abhängig, die junge Näherinnen in Niedriglohnländern ausbeuten. Einerseits lassen etliche Klubs auf ihren Stadiondächern Solaranlagen installieren. Anderseits legen sie sich umweltschädliche Besonnungsanlagen zu, damit ihr Rasen auch im Winter wächst.

          Laut dem DFL-Wirtschaftsbericht haben sechzehn Vereine eine „CSR-Organisationsstruktur“. Meist kümmern sich in den Klubs ein, zwei, aber höchstens fünf Mitarbeiter um gesellschaftliche Themen. In Geschäftsstellen mit 80, 150 oder noch mehr Beschäftigten ist ihr Einfluss auf die Vereinskultur begrenzt. Bei den meisten Vereinen wird CSR im Marketing oder in der Öffentlichkeitsarbeit geparkt.

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