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Fußball im Osten : Die Macht aus der Tiefe

DDR-Kapitän Matthias Sammer: die deutsch-deutsche Erinnerung in Person Bild: dpa

Seit zwanzig Jahren erodieren im Osten die Fußball-Landschaften. Nur zwei Sonderwege in Aue und Leipzig blühen halbwegs. Diesen Samstag wird die deutsch-deutsche Erinnerung noch einmal aufleben: „Wir gegen uns“, heißt es beim Spiel der Legenden.

          Perry Bräutigam, der letzte Torwart der DDR, kennt in der Sportschule Leipzig jeden Winkel. Er kommt gerade vom Training, setzt sich in die Gaststätte und erzählt von alten Zeiten. Von den vielen Lehrgängen hier in Leipzig und was sie da für einen Blödsinn gemacht haben. Er, der Torwart vom FC Carl Zeiss Jena, Matthias Sammer und Ulf Kirsten von Dynamo Dresden. Und Andreas Thom und Thomas Doll vom BFC Dynamo. Zunächst dachte er, dass sie ein bisschen eigen seien, „die Dynamos“. Aber selbst wenn sie aus den von der Staatssicherheit gelenkten Klubs kamen, verstanden haben sie sich prächtig. Unter DDR-Fußballern machte das keinen Unterschied. „Es gab nicht dieses Konkurrenzdenken, diesen Neidfaktor. Es war schon eine Verbundenheit da“, sagt Bräutigam, „bis heute.“

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die Sammers, Dolls und Bräutigams repräsentierten in den letzten Tagen des untergehenden Staates den Fußball im Osten. Wenige Monate später wechselte das letzte Aufgebot der DDR in den ersten gesamtdeutschen Kader für das Länderspiel gegen die Schweiz im Dezember 1990. An diesem Samstag wird die deutsch-deutsche Erinnerung noch einmal aufleben, beim „Spiel der Legenden“ in Leipzig. Zwanzig Jahre nach der Vereinigung der beiden Fußballverbände treten die Weltmeister von 1990 und die Stars der DDR-Elf gegeneinander an. „Wir gegen uns“ hat der Deutsche Fußball-Bund die Begegnung genannt.

          In der Bundesliga ist der Osten von der Landkarte verschwunden

          Bräutigam wird dabei sein. Er freut sich auf das Spiel. Aber er findet es schade, dass die Begegnung an einem Bundesliga-Samstag stattfindet. „Wenn Leverkusen spielt, kann Rudi Völler bestimmt nicht kommen. Und Franz Beckenbauer ist bei Sky.“ Die Stars aus Dresden, Berlin und Jena waren einst das sportliche Kapital, das der Osten mit in die Fußball-Vereinigung brachte. Es hat sich aufgelöst.

          Spieler wie Andreas Thom waren einst das sportliche Kapital des Ostens

          In der Bundesliga ist der Osten von der Landkarte verschwunden, die besten Teams von damals haben den Systemwechsel nicht verkraftet, in der jungen Nationalelf stammen nur noch Torwart René Adler und Toni Kroos von dort - und Michael Ballack. Seit zwanzig Jahren erodieren im Osten die Fußball-Landschaften. Das hat dazu geführt, dass im Erstliga-Niemandsland zwei Sonderwege zu besichtigen sind, die für Erfolg und Aufschwung stehen.

          Ausgerechnet Aue zeigt den großen Klubs, wie es geht

          Im Erzgebirge hat sich Aue, einst eine kleinere Nummer in der damaligen Oberliga, hervorragend entwickelt - und als Zweiter der zweiten Liga zum aktuell besten Ost-Klub. Die Zukunft des Fußballs im Osten, davon sind die Experten überzeugt, ist in Leipzig zu besichtigen. In der vierten Liga, beim von Red Bull finanzierten Emporkömmling RB Leipzig. Die Klubs können auch als Folie für den Niedergang im Osten dienen. Aue, weil es den einst großen Klubs aus Leipzig und Dresden zeigt, dass Erfolg unter schwierigen Bedingungen möglich ist - und RB, weil ein leergefegter Markt die Nachfrage nach dem neuen Fußballprodukt erst möglich macht.

          Von den neuen Zeiten kann Bräutigam auch viel erzählen. In der Leipziger Sportschule, die aus einer Schuttkippe der Trümmer des Zweiten Weltkriegs in über 200.000 „Aufbaustunden“ wuchs und einst die Stars des DDR-Fußballs beherbergte, ist heute das ehrgeizigste Projekt des ostdeutschen Fußballs angesiedelt. Die Anlage dient RB Leipzig als Trainingsbasis, bis das eigene Gelände fertig ist, 30 Millionen Euro sollen in die Anlage fließen.

          Erst Staatsfußball, dann Profiklubfußball, jetzt Konzernfußball

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