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Fußball im Krieg : Das Spiel der Hoffnung

Der österreichische Gerichtspsychiater Reinhard Haller sagt, ein Fußballspiel enthalte alle Elemente eines Krieges: „Propaganda, Heere, Uniformen, Schlachtgesänge, Feldherren, Kämpfer und sehr viel Geld.“ Haller findet das gut, das Böse sei in eine verträgliche Form gebracht worden. Was halten Sie davon?

„Bei uns hat der Fußball tatsächlich den Krieg ersetzt. Früher haben wir Kriege gegen England und Frankreich geführt, heute wollen wir auf dem Platz gegen sie gewinnen. Das ist natürlich ein riesiger Fortschritt. Man könnte über den Fußball so viel machen, Kontakte zu Ländern aufbauen, mit denen die Politik nicht mehr redet. Der Sport öffnet Türen. Als ich in die syrische Rebellenhochburg Homs gereist bin, wurde ich an einem Checkpoint mit Stacheldraht und Sandsäcken gestoppt. Eine finstere Gestalt kam auf mich zu. Ich habe mein altes Durchgangswort gesagt: Bayern München. ,Nein‘, hat er gesagt. ,Borussia Dortmund‘. Dann durfte ich weiter.“

„Fährt man durch Syrien oder den Irak, sieht man auf jedem Bolzplatz Kinder Fußball spielen. Morgens, nachmittags, abends.“
„Fährt man durch Syrien oder den Irak, sieht man auf jedem Bolzplatz Kinder Fußball spielen. Morgens, nachmittags, abends.“ : Bild: AFP

Die Sonne in München ist untergegangen, das Spiel im Englischen Garten lange vorbei, als Todenhöfer die „Hundskugel“ aufschließt. „Seit 1440“ steht am Gemäuer des ehemaligen Wirtshauses, das Modemacher Rudolph Mooshammer bis zu seiner Ermordung 2005 gehörte. Todenhöfer ließ das Haus danach renovieren, die „Stiftung Sternenstaub“, in der ein Großteil seines Vermögens steckt, arbeitet jetzt dort. Auf massiven Holztischen liegen weiß-blau karierte Tischdecken, an der Wand jagen afghanische Kinder auf Bildern einem Fußball hinterher. Darunter steht eine Tafel, darauf prangt in fetten Buchstaben: „If you see a problem, you own it.“ Siehst du ein Problem, gehört es dir.

Eines der Probleme, eine der Tragödien, die Todenhöfer gesehen hat, verursachte am 4. September 2009 der deutsche Bundeswehr-Oberst Georg Klein in Afghanistan. Er ließ bei Kundus zwei von den Taliban entführte Tanklaster bombardieren, Dutzende Afghanen wurden getötet, die Bundeswehr geht von 91 Toten aus, nach Recherchen der Opferanwälte starben 137 Menschen, hauptsächlich Zivilisten. Die Bundeswehr hat den Angehörigen bislang etwa eine halbe Million Euro Entschädigung bezahlt. Klein wurde 2013 zum Brigadegeneral befördert. Todenhöfer ließ in der Nähe von Kabul ein Waisenhaus für Kinder bauen, die bei dem Angriff ihre Angehörigen verloren haben. Als er das „Haus der Hoffnung“ zum ersten Mal besuchte, kickte er den Kindern zur Begrüßung einen Fußball zu.

„Ich war sprachlos darüber, was in Kundus passiert war. Aber ich hatte das Privileg, etwas tun zu können. Als ich das Waisenhaus plante, stand außer Frage, dass es dort einen großen Bolzplatz geben muss. Das Begrüßungs-Fußballspiel mit den Kindern war einer der schönsten Augenblicke meines Lebens. Es hat mich sehr bewegt, die Freude dieser Kinder zu erleben, die wegen der tragischen Fehlentscheidung eines deutschen Obersts ihre Familien verloren hatten.“

Jürgen Todenhöfer: Siehst du ein Problem, gehört es dir
Jürgen Todenhöfer: Siehst du ein Problem, gehört es dir : Bild: Sebastian Eder

Das Spiel gegen die afghanischen Kinder ging verloren, ein anderes Spiel, von dem Todenhöfer seit langem träumt, hat noch nicht stattgefunden. 2009 lud ihn im Irak der Führer des schiitischen Kinana-Stammes, der nach Angaben Todenhöfers zwölf Familienmitglieder während der amerikanischen Besetzung verloren hat, zu einem Spiel in eines der gefährlichsten Viertel Bagdads ein. Dort, in Sadr City, Fußball zu spielen wäre „mindestens so schön, wie in den Weltraum zu fliegen“, schreibt Todenhöfer in „Teile dein Glück“. „Ich warte immer noch auf das Okay der Leute, die dort das Sagen haben“, erzählt er. „Ohne deren Segen komme ich da nicht mehr raus.“

Im Englischen Garten muss Todenhöfer nicht um sein Leben fürchten, ungefährlich ist es dort aber auch nicht. „Ich habe mir schon mehrere Bänderrisse, blaue Augen und gebrochene Rippen geholt.“ An diesem Samstag läuft es gut für seine Mannschaft, nach zwanzig Minuten führt sie 2:0. Dann fällt der Anschlusstreffer, im Team wird gemeckert, die siegessichere Stimmung kippt. Todenhöfer schmeißt die Torwart-Handschuhe auf den Boden und rennt über den matschigen Rasen. Die restlichen anderthalb Stunden spielt er im Sturm.

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