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Fußball : „Ich kann mich von jetzt an doch nicht in Watte packen“

Steht auch als Gesicht in der Werbung hoch im Kurs: Nia Künzer Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Sie gilt als das Golden Girl des deutschen Frauenfußballs: Nia Künzer. Doch die Pädagogik-Studentin ist kein Glückskind. Schon viermal rissen ihre Kreuzbänder. Im F.A.Z.-Interview spricht die Stehauffrau nach ihrem Comeback über die wiedergewonnene Lust am Spiel.

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          Vor zwei Jahren wurde Nia Künzer über Nacht bekannt. Da erzielte die Nationalspielerin vom 1. FFC Frankfurt in der Verlängerung des WM-Endspiels gegen Schweden den Treffer zum 2:1-Sieg des deutschen Frauenfußball-Nationalteams. Doch die heute 25 Jahre alte Pädagogik-Studentin ist beileibe kein Glückskind. Nur zwei Monate nach ihrem Golden Goal erlitt sie den vierten Kreuzbandriß in ihrer Karriere. Nach mehr als einem Jahr Zwangspause gab Nia Künzer kürzlich ihr Comeback. Zuletzt stand sie am Montag beim 1:0-Sieg des FFC im Pokalhalbfinale in Freiburg auf dem Platz.

          Was macht der Muskelkater?

          Ach, Muskelkater habe ich eigentlich keinen, nur ein bißchen schwere Beine.

          Erst kam der Kopfball, der das 2:1 im WM-Finale gegen Schweden brachte...

          Und wie war's beim ersten Spiel nach Ihrem Comeback vor einer Woche?

          Auch kein Muskelkater. Das Spiel in Essen haben wir ja 6:0 gewonnen, da standen die Abwehr und ich nicht unter so großem Druck.

          Wie fühlt es sich an, nach 469 Tagen Pause wieder auf dem Platz zu stehen?

          Es war richtig schön für mich, zumal wir alle Spiele gewonnen haben. Ich habe es sehr schätzengelernt, überhaupt wieder dabeizusein. Wenn man so eine lange Zeit nicht gespielt hat wie ich, hat das noch einmal einen ganz anderen Stellenwert. Und ich habe keinerlei Probleme mit dem Knie. Aber ich spiele ja auch nicht durch. Ich will es ja nicht gleich übertreiben.

          Nach vier Kreuzbandrissen würde mancher Sportler seine Karriere sicher beenden. Woher nehmen Sie die Kraft und den Willen, das alles durchzustehen?

          Ich habe nach meinem dritten Kreuzbandriß auch schon mit dem Gedanken gespielt, nicht mehr Fußball zu spielen. Aber wenn man wieder joggen und wieder gegen den Ball treten kann, dann will man sich ja auch bewegen. Irgendwann war ich eben wieder schmerzfrei und fühlte mich wohl. Und da ist es natürlich schwer, zu sagen: Ich höre auf.

          Was sagen denn die Ärzte dazu, daß Sie immer wieder aufstehen und weitermachen? Ist das nicht unvernünftig?

          Unvernünftig? Weiß ich nicht. Das muß jeder für sich beurteilen. Vielleicht ist es wirklich nicht das Naheliegendste, wieder zu spielen. Aber man wird ja nicht immer nur von der Vernunft gesteuert.

          Ihre Lust am Fußball ist demnach deutlich größer als die Angst vor einer neuen Verletzung?

          Deutlich größer würde ich nun nicht sagen. Ich bin mir schon im klaren darüber, daß das Risiko besteht, daß ich mich wieder verletze. Aber ich fühle mich gut. Und da überwiegt der Spaß am Spiel dann wohl doch.

          Das Risiko gehen Sie ein?

          Ja, prinzipiell schon. Aber in den Situationen, in denen mir das passiert ist, ging es mir auch immer wunderbar. Das kann jedem passieren, ob er nun vier Kreuzbandrisse hatte oder gar keinen. Das kann auch jemandem passieren, der stolpert oder die Treppe runterfällt. Sicherlich habe ich ein größeres Risiko als andere. Aber ich kann mich von jetzt an doch nicht in Watte packen.

          Spielt denn nicht die Angst vor einem neuerlichen Rückschlag mit?

          Wenn ich trainiere oder spiele, eigentlich gar nicht. Das wären auch die falschen Voraussetzungen. Aber wenn ich Gespräche - so wie dieses - darüber führe, kommt der Gedanke natürlich doch mal. Aber die Angst steht nicht im Vordergrund, nie mehr Fußball spielen zu können. Ich denke dann eher an die Operation und die Reha. Diese lange Zeit ist eigentlich das schlimmste Übel.

          Sie sind also ein Kämpfertyp?

          Ich selbst würde mich nie so bezeichnen. Ich habe nur die Reha gemacht, wie jeder, der wieder normal am Leben teilnehmen will. Und jetzt kenne ich meinen Körper natürlich relativ gut. Deswegen habe ich die Spiele bisher ja nicht durchgespielt. Ich hoffe, daß ich jetzt weiter vernünftig handele. Aber trotz aller Vorkehrungen, die ich treffe, ist das keine Versicherung, daß ich mich nicht mehr verletze.

          Sie strahlen trotz des ganzen Rummels, der um Sie nach dem WM-Sieg herrschte, viel Bodenständigkeit aus. Hilft Ihnen das, die Rückschläge wegzustecken?

          Das kann gut sein. Ich habe immer viel Wert auf mein Privatleben gelegt, meine Eltern sind mir sehr wichtig. In meinem Leben muß es nicht nur um Fußball gehen. Ich habe 15, 16 Monate mehr oder weniger ohne Fußball gelebt. Das ging auch. Es war nicht so, daß ich es nicht ertragen konnte, meiner Mannschaft zuzuschauen, weil mir das zu sehr weh getan hätte. So sehr leide ich da nicht.

          Ist die Europameisterschaft im Juni in England ein Thema für Sie?

          Nein, gar kein Thema. Es ist nicht der richtige Zeitpunkt, daran zu denken.

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