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Günter Netzer wird 75 : „Der ist zwar verrückt, aber er trifft den Ball“

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Gut gelaunt im Jahr 2019: Günter Netzer Bild: dpa

Günter Netzer war Deutschlands erster Fußball-Popstar. Aber er war auch einer der besten Mittelfeldspieler, der mit langen Pässen viele Spiele seiner Mannschaften prägte. Er blickt zurück auf ein glückliches Leben.

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          Er taucht ebenso unbemerkt auf wie damals auf dem Fußballplatz. Aber jetzt kommt Günter Netzer nicht aus der Tiefe des Raumes, er erreicht den vereinbarten Treffpunkt durch einen Nebeneingang. Er läuft gemächlich, Knieprobleme, aber sein Blick ist wach. Er hat dieses Nobelhotel in Zürich ausgewählt, und der Portier erkennt ihn sofort. „Hallo, mein Freund“, grüßt Netzer gut gelaunt. So spricht er fast jeden der Angestellten an, die Leute lächeln freundlich zurück, vielleicht auch ein wenig schüchtern. Sie schauen zu ihm auf, obwohl er etwas kleiner ist als einige von ihnen.

          Wer die Größe eines Menschen messen will, sollte sich nicht auf ein Maßband beschränken. Man könnte stattdessen auch auf ein längst vergangenes Fußballspiel schauen: Düsseldorfer Rheinstadion, 23. Juni 1973, lange her, aber immer noch wahr. Gladbachs Star Günter Netzer sitzt nur auf der Ersatzbank, sein Wechsel zu Real Madrid steht kurz bevor. Beim Stand von 1:1 kurz vor Schluss hat er genug. „Ich spiel dann jetzt“, ruft Netzer seinem Trainer Hennes Weisweiler noch zu. Dann wechselt er sich in der 91. Minute selbst ein, drei Minuten später erzielt er den Siegtreffer. Es war sein letztes Spiel für die Borussia.

          Anders als viele vor ihm

          Ein Rebell sei Netzer, ein Aufsässiger, schrieben die Medien nicht erst danach. Er trug lange Haare und schräge Klamotten, fuhr Ferrari und Jaguar, schon früh besaß er sogar eine eigene Diskothek, und dann waren da auch noch seine ständigen Reibereien mit Weisweiler. Netzer war in jeglicher Hinsicht anders als jeder andere deutsche Fußballspieler vor ihm, aber vor allem war er auch ein Genie. „Wenn ich bei all meinen Dingen, die ich gemacht habe, nicht den Ball getroffen hätte, die hätten mich hochkantig rausgeschmissen“, erzählt er. „Die haben gesagt, der ist zwar verrückt, aber wenigstens trifft der den Ball.“

          Jetzt sieht er ganz brav aus. Zum dunkelblauen Sakko trägt er ein Hemd in dezenter Farbe, die immer noch größtenteils dunkelblonden Haare sind wie immer akkurat gescheitelt. Netzer muss längst nicht mehr auffallen, es erkennt ihn sowieso jeder. Vom Garten des Hotels sieht man den Zürichsee, es weht ein kühler Wind herüber, daher lieber kein Gespräch mitten auf der Terrasse sondern im überdachten Bereich, „in diesem Ding da, dem Geschützten“, wie Netzer sagt. Trotz der fast schon herbstlichen Temperaturen bestellt er sich erst mal ein Ginger Ale auf Eis, danach einen Kamillentee.

          Erfolgreich als Spieler: Günter Netzer (Mitte, rechts) mit dem EM-Pokal 1972. Links daneben Franz Beckenbauer.

          An diesem Samstag wird Günter Netzer 75 Jahre alt. Seit zwei Jahren ist er ohne berufliche Verpflichtungen, und er wird nie wieder welche eingehen. So war das schon immer bei ihm. Wenn Schluss war, war Schluss, und wann Schluss war, das hat er immer selber entschieden – und dann war es endgültig. Seine Karriere als Spieler ließ er mit Anfang 30 ausklingen. Als Manager des Hamburger SV prägte er zwischen 1978 und 1986 die erfolgreichsten Jahre des Klubs inklusive des Gewinns des Europapokals der Landesmeister, der heutigen Champions League.

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