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Günter Netzer wird 75 : „Der ist zwar verrückt, aber er trifft den Ball“

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Immer wieder wollten manche ihn vom Weitermachen überzeugen, immer wieder lehnte Netzer ab, wie auch nach dreizehn Jahren als TV-Experte in der ARD an der Seite von Moderator Gerhard Delling 2010. Er habe sich während seines Lebens immer wieder selbst beobachtet und kritisch überprüft, erzählt er: „Ich habe zu viele Menschen erlebt in zu vielen Genres, die man mit dem Lasso von der Bühne holen musste. Das ist mir, Gott sei Dank, in meinen Karrieren nie passiert.“ Das bewahrte ihn vor allzu peinlichen Abgängen, die er zwar nie befürchtet, aber bei anderen Prominenten registriert hat.

Ohne Dellen durchs Leben

Günter Netzer ist immer selbstbestimmt geblieben. Und auch wenn anfangs über sein Aussehen oder die Autos der Kopf geschüttelt wurde, trugen diese Dinge letztlich zu seinem eigenen Mythos bei – und füllten die Taschen. Neben Beckenbauer war Netzer zur damaligen Zeit der einzige Fußballer, der seine Karriere zu vermarkten wusste. „Sehr clever“ sei Netzer gewesen, sagt sein ehemaliger Nationalmannschaftskollege Wolfgang Overath.

Heute ist er einer der wenigen großen Sportler, denen es gelungen ist, ohne große Dellen durchs Leben zu kommen, obwohl er nie aus der Öffentlichkeit abgetaucht ist. Er trug nie einen Fliegenklatschenhut wie Boris Becker oder landete in Polizeigewahrsam wie Michel Platini. Er machte sich aber auch nie so rar wie Steffi Graf. Stattdessen gewann Netzer als TV-Experte 2000 zusammen mit Delling sogar den Grimme-Preis.

Als TV-Duo beliebt und geschätzt: Günter Netzer (rechts) neben Gerhard Delling im Jahr 2010

„Ich habe sicherlich Wortschöpfungen geprägt“, sagt er. „Es gibt ein Wort, verwalten heißt das. Das habe ich dann irgendwann mal gebraucht bei einem Länderspiel gegen Irland. Ich weiß es noch ganz genau. Denn der Jupp Heynckes hat mir spontan geschrieben, wie toll er das fand, dieses Wort in die Fußballsprache übernommen zu haben.“ Da habe es auch noch weitere Wörter gegeben. Er erzählt das nicht ganz unbescheiden, und natürlich ist sich Günter Netzer seiner eigenen Größe bewusst. Aber er besitzt die seltene wie angenehme Gabe, dass ihm solche Erzählungen nicht als Arroganz, sondern als Anekdote ausgelegt werden können.

„Entscheidend ist der Charakter“, sagt Overath. „Egal, wie er sich gekleidet, welche Autos er gefahren oder was er alles erreicht hat: Er ist immer ein ganz feiner Mensch geblieben.“ In der Nationalmannschaft waren die beiden Edeltechniker zu Beginn der 1970er Jahre die größten Rivalen. Aufgrund einer Verletzung Overaths prägte Netzer die erfolgreiche EM 1972 in Belgien, zwei Jahre später bei der ebenfalls erfolgreichen Heim-WM erhielt Overath dagegen wieder den Vorzug; Netzer spielte während des Turniers nur rund 20 Minuten und fühlt sich daher bis heute nicht als Weltmeister.

Er hat sich nie lange mit den kleinen Makeln seines Lebens beschäftigt. Er hat gelernt, zu akzeptieren, aber er konnte es sich auch erlauben. Er sei überaus dankbar für sein Leben, erzählt er. Sein Freund Delling, den er immer noch siezt, beschreibt ihn als „zuverlässig, auch reflektierend und in vielerlei Hinsicht mit einem guten Gespür“.

Als die Teetasse leer und vieles erzählt ist, lehnt Netzer sich auf seiner Sitzbank zurück. Er will jetzt noch was essen und bestellt einen Salat mit Lachs und Crevetten, die aber möchte er nicht. „Bitte ohne die Kroketten“, sagt er dem Kellner, und natürlich war dieser Versprecher Absicht. Er schmunzelt, und es kommt einem etwas in den Kopf, was er etwas früher im Gespräch gesagt hatte: „Eine gehörige Portion Unvernunft, die gehört zu meinem Leben.“

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