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Fußball-Glosse : Zu laute Trommeln

Nationalelf ist die „vierte Macht im Staat“: DFB-Teammanager Oliver Bierhoff Bild: dpa

Die neue Studie über die Bedeutung der Nationalelf strotzt vor Selbstlob. Ist das nötig? Fußball genießt in Deutschland ohnehin eine Sonderstellung. Aufmerksamkeit verdienen eher Details wie die große Integrationswirkung.

          In München sind die Reste des geplatzten Olympia-Traums noch allgegenwärtig. Die Plakate der Befürworter prägen auch nach der Ablehnung durch Volkes Stimme das Straßenbild. Und während der olympische (Winter-)Sport trübsinnig über die Gründe für den Liebesentzug sinniert, hat sich ein Verwandter ebenfalls in München mit stolzgeschwellter Brust als Everybody‘s Darling präsentiert. Man könnte auch sagen, der Fußball kam so breitschultrig daher wie noch nie, als Oliver Bierhoff am Dienstag eine Studie vorstellte, in der es unter anderem um die gesellschaftliche Bedeutung der Nationalmannschaft ging. Das vom Teammanager und dem Deutschen Fußball-Bund bei der EBS Business School in Auftrag gegebene Werk „Wir sind Nationalmannschaft“ ließ einen ganz schwindlig werden vor Bedeutungsschwere und Selbstlob. Die Nationalelf als „sinnstiftende Quelle einer Volks-Identifikation“, ja gar, wie Bierhoff sagte, als „vierte Macht im Staat“ – das ist eine Tonart, die man nicht nur bei darbenden Wintersportlern mit einigem Befremden vernehmen wird.

          Im Kern trifft der Befund der Studie ja durchaus zu. Es stimmt, dass der Fußball und sein Aushängeschild, die Nationalelf, eine singuläre Rolle einnehmen. Dass er seine Konkurrenten um Aufmerksamkeit weit hinter sich gelassen hat. Und dass er mit seiner Massenwirkung quer durch alle sozialen Gruppen allemal das Potential besitzt, eine wichtige gesellschaftliche Funktion zu übernehmen. Es wäre daher eine schöne Sache, wenn auch manches Detail, das die Studie zu Tage brachte, echte Wirkung entfaltete. Dass Migranten, die noch nicht lange in Deutschland sind, eine besonders starke Bindung zum Nationalteam entwickeln, beispielsweise.

          Beliebt und privilegiert

          Integration bleibt ein wichtiges Thema, auch für den Fußball. Den profitorientierten Unterhaltungsbetrieb, zu dem die Nationalmannschaft gehört, in eine Reihe mit den wahren Funktionsträgern der Gesellschaft zu stellen, zeugt von einiger Chuzpe, die nicht immer auf einem bombenfesten Fundament zu gründen scheint: Sagt es wirklich etwas über gesellschaftliche Relevanz aus, wenn Mesut Özil soundsoviel mal mehr Facebook-Freunde hat als Bundeskanzlerin Merkel? Oder doch eher über Marketingmacht und altersabhängiges Kommunikationsverhalten?

          Unabhängig davon ist der Fußball nach dem Scheitern der Olympia-Bewerbung wieder in der Pole Position, wenn es um die Ausrichtung des nächsten Großereignisses in Deutschland geht: Eine Kandidatur für die EM 2024 ist bereits angekündigt. Mit Akzeptanzproblemen in der Gesellschaft wird er kaum zu kämpfen haben – obwohl es auch hier Gründe gäbe, etwa wenn man an die Diskussionen um die Fifa und ihre WM in Qatar denkt. Der Fußball ist nicht nur beliebt, er ist auch privilegiert – was Bierhoffs lautes Trommeln für manche Ohren ein wenig schmerzhaft gemacht haben wird.

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