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Fußball-Fans : Wie braun ist die Kurve?

Gegenbewegung: In vielen deutschen Stadien regt sich Widerstand gegen den Rechtsruck Bild: imago sportfotodienst

In den Fußballstadien nimmt die Politisierung zu. Experten sprechen von „einer Ausdifferenzierung“ innerhalb der Fanszene - auch in Richtung Nationalismus und Rassismus.

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          Die „Aachen Ultras“ hatten es geahnt. „Bei den Nazis knallen jetzt die Sektkorken“, sagte David (Name von der Redaktion geändert), nachdem zu Jahresbeginn die „Aachen Ultras“ ihren Kampf gegen die rechten Kräfte in der Fanszene der Alemannia aufgegeben hatten. Im Spiel gegen Viktoria Köln verkündete die antirassistische Fangruppe nach Angriffen und Drohungen ihren Rückzug aus dem Stadion. David und einige Mitglieder der Gruppe konnten sich damals schon ausmalen, was nach dem Sieg der Rechten auf die Kurven in ganz Deutschland zukommen würde. In den vergangenen Wochen konnte man nun tatsächlich besichtigen, welches Signal von Aachen aus für die sich immer stärker politisierende Fanszene ausgegangen ist.

          Michael Horeni
          Fußballkorrespondent Europa in Berlin.

          Zuletzt prügelten Rechtsradikale auf Mitglieder der Ultragruppe „Kohorte“ des MSV Duisburg nach dem Drittligaspiel gegen Saarbrücken ein. Ende September attackierten Braunschweiger Hooligans beim Spiel in Mönchengladbach die Ultragruppe „UB 01“. Der Bundesligaklub erteilte daraufhin den Angegriffenen ein Gruppenverbot im Stadion, sie hätten den Angriff provoziert. „Die rechten und rechtsoffenen Fanszenen haben seit Aachen gesehen, dass sie die Macht haben, antifaschistische Gruppen einzuschüchtern oder aus den Stadien zu vertreiben“, sagt David heute. Ein Spiel der Alemannia hat er seither nicht wieder besucht. „Es ist immer noch zu riskant, wir stehen weiter im Fokus.“

          Michael Gabriel hat als Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte in Frankfurt die gesamte deutsche Szene in den oberen Ligen seit Jahren genau im Blick. „Wir betrachten die Entwicklung mit großer Sorge“, sagt Gabriel nach den jüngsten Vorfällen. „Aachen war ein fatales Signal.“ Experten schätzen, dass mittlerweile in mindestens zehn deutschen Städten der Kampf um die politische Hoheit in der Kurve zwischen rivalisierenden Ultragruppen entbrannt ist. Im Fachjargon spricht man von einer „Ausdifferenzierung der Ultraszene“. Immer öfter handelt es sich dabei um einen politischen Konflikt wie in Aachen oder Duisburg, mitunter geht es aber auch um die Konkurrenz zwischen Anhängern unterschiedlicher „Supports“ in der Kurve, Ultra-Style gegen Old School.

          Die Lage unterscheidet sich je nach Standort und Region. Aber eine Frage bleibt nach den gewalttätigen und politisch motivierten Auseinandersetzungen dieses Jahres in den Stadien: Wie braun ist die deutsche Kurve? Und wie bedrohlich ist die Lage, wenn man sie mit anderen Ländern in Europa vergleicht? „Was wir seit fünf bis zehn Jahren erleben, ist ein Aufflackern dieses Phänomens. Die Politisierung in den Stadien ist gestiegen. Auch in den Kreisligen jenseits der Medienöffentlichkeit treten rassistische Vorfälle häufiger auf. Spieler wegen ihrer Hautfarbe rassistisch zu beleidigen, ist dabei der Klassiker“, sagt Harald Lange, Leiter des Instituts für Sportwissenschaft an der Uni Würzburg sowie des Instituts für Fankultur. Von einer Unterwanderung der deutschen Kurven durch die Rechte oder einen scharfen Rechtsruck durch entsprechende Organisationen könne man aber nicht sprechen, auch wenn die Bemühungen, junge Leute im Stadion zu rekrutieren, gewachsen seien. „In den vergangenen vierzig, fünfzig Jahren hat es das im Fußball immer wieder gegeben. Da sollte man keine Panik machen. Aber man muss jetzt aufpassen, damit sich diese Dinge nicht verfestigen. Dann wird es gefährlich.“

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