https://www.faz.net/-gtl-7j1pj

Fußball-Fans : Wie braun ist die Kurve?

In Deutschland regt sich Widerstand

Nach den jüngsten Vorfällen in Moskau hat Uefa-Präsident Michel Platini eine interne Untersuchung angeordnet, die es beim europäischen Verband so bisher noch nicht gegeben hat. Die Uefa will klären, weshalb der dreistufige Maßnahmenkatalog des Verbandes für den Fall von fremdenfeindlichen Zuschaueraktionen nicht angewandt worden ist. Nach dem zu Jahresbeginn verpflichtenden Anti-Rassismus-Protokoll hätte der Schiedsrichter in Moskau spätestens nach seiner Information über die Schmährufe durch Touré das Spiel unterbrechen und eine Stadiondurchsage anordnen müssen. Verstummen die Beleidigungen nicht, hat der Schiedsrichter die Möglichkeit, die Teams für einen gewissen Zeitraum in die Kabine zu schicken und danach die Partie abzubrechen.

Von offenem Rassismus einer ganzen Kurve, wie ihn andere europäische Länder regelmäßig in den Stadien erleben, ist Deutschlands Profifußball seit Jahren verschont geblieben. Und was der deutsche Fußball in diesem Jahr erstmals in Aachen oder nun in Duisburg erlebte, „ist in anderen Ländern längst Normalität“, wie Gabriel sagt. Italien ist dabei nur eines von mehreren warnenden Beispielen. Die Fankurve etwa des AS Rom war früher links geprägt, die Rechte hat diese Anhänger längst vollständig vertrieben. In der Kurve regieren Rassismus und Nationalismus.

Was hilft gegen den Angriff von rechts?

In Deutschland regt sich Widerstand gegen solche Entwicklungen, so stark wie sonst kaum in Europa. „Es gibt kein Land in Europa, wo sich so viele Fangruppen für eine vielfältige Fankultur ohne Rassismus, Homophobie und Sexismus engagieren. Alle drei großen Fanorganisationen in Deutschland haben sich klar positioniert“, sagt Gabriel. Dass es auch rund zwanzig schwule Fanklubs in Deutschland gibt, die in den Stadien akzeptiert würden, sowie ein Netzwerk Frauen, mit denen sich die Frauen in den männlich dominierten Kurven Gehör verschaffen wollen, hat ebenfalls Seltenheitswert in Europa.

Was ist angemessen, was hilft gegen den Angriff von rechts? Lange hält die scharfe Reaktion von Borussia Dortmund auf die Versuche von rechten Gruppen in der vergangenen Saison, im Dortmunder Block stärker Fuß zu fassen und rechtsradikale Symbole öffentlich zu zeigen, für „vorbildlich“. Vorstandschef Hans-Joachim Watzke hatte umgehend scharfe Sanktionen angedroht, zudem beteiligte sich der Klub an einem runden Tisch, um auch Rat von Experten außerhalb des Klubs zu suchen. „Das Schlimmste in solch einem Fall ist: ignorieren und marginalisieren“, sagt Lange. Er hält es für notwendig, dass Verbände und Vereine neue Aktionen starteten, um der rechten Tendenz zu begegnen. „Vor allem die Spieler mit authentischen Aussagen, nicht mit vorgefertigten Statements, haben einen enormen Einfluss auf Jugendliche.“ Aktionen wie „Show Racism the Red Card“, bei der Profis und Jugendliche zusammenkommen, besäßen große Wirkung.

In der Praxis erlebt Gabriel aber immer wieder, dass Klubs schon mit der Einschätzung der Lage überfordert sind, dabei wäre eine klare Haltung in dieser Frage besonders notwendig und erfolgversprechend. „Vereine sind der wichtigste Faktor für die Orientierung der Zuschauer. Man darf diese Auseinandersetzungen nicht entpolitisieren“, sagt Gabriel. Und in der Praxis könne es nützlich sein, wenn es im Stadion Ansprechpartner für Fans beim Sicherheitspersonal gebe, um zu melden, wenn Leute etwa in laut Stadionordnung verbotener Thor-Steinar-Kleidung auftauchten, einem Erkennungsmerkmal der rechtsextremen und neonazistischen Szene. Dann müssten die Fans diese Probleme nicht selbst lösen, sondern der Verein würde sich entsprechend positionieren. „Da ist in den Stadien vieles denkbar“, sagt Gabriel, „aber in der Realität wird zu wenig umgesetzt.“

In Deutschland regt sich Widerstand gegen den Angriff von rechts, so stark wie sonst kaum in Europa.

Weitere Themen

Englische Teams ziehen sich zurück Video-Seite öffnen

Super League : Englische Teams ziehen sich zurück

Nach Manchester City bestätigten auch Manchester United, Liverpool, Arsenal, Tottenham Hotspur und Chelsea ihren Rückzug. Nun steht die Super League nicht einmal 48 Stunden nach ihrer Gründung vor dem Aus.

Topmeldungen

Der Fall George Floyd : Amerikas Justizwesen ist kaputt

Die amerikanische Politik bleibt in ihrer Übertreibungsspirale gefangen. Deshalb wird es auch nach dem Mordurteil in Minnepolis nicht zu den Reformen kommen, die das Land so dringend braucht.
Juve-Boss Andrea Agnelli: Einer der Initiatoren und Befürworter der Super League

Juve-Präsident Andrea Agnelli : „Verräter, wie Judas“

Juventus-Präsident Agnelli war einer der Initiatoren der Super League. In Italien wird er heftig angefeindet – und hat sogar Ärger mit dem berühmten Taufpaten eines seiner Kinder. Nun wird bekannt: Das Projekt wird verworfen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.