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Fußball-Fans : Wie braun ist die Kurve?

Rechte Botschafter: Jacken-Aufnäher aus dem Fan-Block
Rechte Botschafter: Jacken-Aufnäher aus dem Fan-Block : Bild: Imago

In Langes Institut wird derzeit untersucht, ob das Fußballstadion als Seismograph für politische Stimmungen in einem Land funktioniert, ob man im Stadion Prognosen für gesellschaftliche Entwicklungen ableiten kann. In den Blick nehmen die Sozialwissenschaftler dabei derzeit vor allem die Ultrabewegungen in Nordafrika, Brasilien und der Türkei, die eine wichtige Rolle bei den jüngsten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen spielten. Die Ultras in Ägypten waren beim Arabischen Frühling an vorderster Front dabei, die Fußball-Anhänger in Brasilien trugen den Protest aus den Stadien auf die Straße, wo sich der soziale Protest formierte - und in Istanbul verbündeten sich die eigentlich verfeindeten Ultras der drei großen Klubs in den Auseinandersetzungen um den Gezi-Park gegen die Regierung Erdogan. Wenn die Idee mit dem Stadion als gesellschaftlichem Seismographen stimme, läge es natürlich nahe, sie auch auf die politische Entwicklung in den deutschen Stadien anzuwenden, sagt Lange.

Daniela Wurbs ist ständig in europäischen Stadien unterwegs. Sie ist die Sprecherin und Koordinatorin von „Football Supporters Europe“, einer Organisation, die mehr als drei Millionen Anhänger in rund vierzig europäischen Ländern vertritt, dazu offizieller Ansprechpartner der Europäischen Fußball-Union. „Es gibt im europäischen Fußball einen Rechtsruck, der sich auch im Europaparlament spiegelt“, sagt Daniela Wurbs. Sie spricht von einer „starken Tendenz“ in dieser Frage in den europäischen Stadien. Sie betrachtet die Entwicklung ebenfalls mit „Sorge“, gleichzeitig wachse aber auch die Anzahl der Menschen, die sich gegen diese Entwicklung positionierten. Auffällig sei, dass in Ländern wie zum Beispiel Italien, wo die Fankultur keine Chance gehabt habe, sich über ihre positiven Seiten zu profilieren, „eine rapide Ausdifferenzierung“ stattgefunden habe - mit Richtung nach rechts. Die Ausdifferenzierung habe generell zu einer starken Polarisierung in Europa geführt.

Rassismus, Nationalismus und Sexismus

Eine vergleichende europäische Studie über rechte Entwicklungen im Fußball gibt es bisher nicht, nur Untersuchungen für einzelne Länder. „Das wäre ein wichtiges EU-Projekt, das würde sich lohnen“, sagt Lange. Unstreitig ist unter Experten jedoch, dass Rassismus und Nationalismus vor allem im Osten und Südosten Europas weit ausgeprägter auftreten. Ganz vorne dabei sind Länder wie Russland, Polen, Kroatien, Serbien oder eben Italien. Lange schätzt, dass sich Deutschland in Europa im „hinteren Drittel“ bewegt.

Was sich in anderen europäischen Stadien ganz offen an Rassismus, Nationalismus und Sexismus zuträgt, ist mit deutschen Zuständen jedenfalls kaum zu vergleichen. Zuletzt sah sich Yaya Touré, der ivorische Kapitän von Manchester City, massiven rassistischen Anfeindungen in der Champions League bei ZSKA Moskau ausgesetzt. Russland als WM-Gastgeber 2018 müsse generell sein Rassismusproblem in den Griff bekommen, forderte Touré nach den Vorfällen. „Es ist immer das Gleiche“, sagte er. „Wenn wir uns bei der WM nicht sicher fühlen, kommen wir nicht nach Russland.“ Zu Beginn des Jahres hatte Kevin-Prince Boateng nach rassistischen Beleidigungen in einem Testspiel in der Nähe Mailands mit seinen Kollegen vom AC Milan den Platz verlassen und damit international bis hin zu den Vereinten Nationen für Aufsehen gesorgt - und das Rassismusproblem bei den Verbänden weit nach oben auf der Tagesordnung gesetzt.

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