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Fußball-Europameisterschaft : Der Osten bebt: Polen und die Ukraine erobern EM

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Außenseiter und Unterstützer von Uefa-Präsident Platini aus Polen und der Ukraine dürfen 2012 die Fußball-EM ausrichten. Italien, bis zuletzt Favorit, scheiterte wegen manipulierter Spiele und Gewaltorgien in der Serie A.

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          So viel Jubel, so viel Begeisterung hat das prunkvolle Rathaus von Cardiff wohl noch nie erlebt. Fahnen in Blau-Gelb und Rot-Weiß wurden am Mittwoch kurz nach halb elf Uhr (Ortszeit) geschwenkt, und viele Menschen umarmten sich in einem Moment der schieren Emotion - unter ihnen der frühere Boxweltmeister im Schwergewicht, Witali Klitschko, und der ehemalige Stabhochsprung-Olympiasieger und Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Sergej Bubka. Die Ukraine und Polen, gemeinsam Kandidaten für die Ausrichtung der Europameisterschaft 2012, hatten in der walisischen Kapitale ihr spezielles Heimspiel bei der Vergabe des zweitgrößten Fußballfestes in der Welt des Fußballs.

          Um 10.37 Uhr öffnete Michel Platini, der neue Präsident der Europäischen Fußball-Union (Uefa), etwas ungelenk und ein bisschen nervös einen großen Briefumschlag, in dem für einen der drei Bewerber das große Los steckte. Der Osten bebt: Polen und die Ukraine eroberten endlich das erste Megaereignis für diesen Großteil Europas nach dem Fall der Mauern und Eisernen Vorhänge. Acht Stimmen entfielen auf den Kandidaten aus zwei Ländern mit zusammen 85 Millionen Einwohnern und nur vier auf das Land des Fußball-Weltmeisters.

          Verspieltes Erbe, verdienter Sieg

          Italien, bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland der große Triumphator, war in Cardiff der erste Verlierer. Einem der Großen im globalen Calcio nutzte die beste Infrastruktur und das eindrucksvollste sportliche Erbe so wenig wie der Umstand, EM und WM schon jeweils zweimal mit großem Erfolg ausgerichtet zu haben. Der Skandal rund um eine Reihe manipulierter Spiele in der Serie A sowie die jüngsten Gewaltorgien, voran in Catania, wo der Polizist Filippo Raciti zu Tode kam, warfen zu lange Schatten auf Italiens Bewerbung um eine neue Chance zum Wiederaufbau zu bekommen. Chancenlos war in Cardiff das Länderduo Kroatien und Ungarn, das vom wählenden Exekutivkomitee nicht eine der zwölf Stimmen bekam.

          Platinis erster großer Moment als Uefa-Präsident

          „Es gibt keine Verlierer heute“, hob der um Ausgleich bemühte Platini an diesem strahlenden Mittwoch in Wales hervor, „aber Polen und die Ukraine haben sich den Sieg verdient.“ Die Italiener, voran Verbandspräsident Giancarlo Abete und Luca Pancalli, der Präsident des Bewerbungskomitees, hatten die Möglichkeit des Scheiterns aufgrund der zuletzt so düsteren Gegenwart in diesem Fußball-Kernland wohl von vornherein einkalkuliert. Gefasst kommentierten sie den Tag von Cardiff. „Es war eine politische Wahl“, sagte der Anwalt Pancalli, „mit ihr sollte auch ein Zeichen für die Entwicklung des Fußballs in anderen europäischen Regionen gesetzt werden.“ Dabei hatte Bella Italia am Vorabend der Kür gleich vier feuerrote Ferrari auf dem Rasen vor dem Rathaus parken lassen: Insignien des Reichtums, die diesmal aber nicht gefragt waren.

          Witali Klitschko jubelt mit

          Platini, der im Januar seine Düsseldorfer Wahl zum Nachfolger von Lennart Johansson vorzugsweise den Voten aus Südost-, Ost- und Mittelosteuropa zu verdanken hatte, war schon vor seiner Inthronisierung als Advokat für mehr Solidarität und Chancengleichheit aufgetreten. Und dieses Argument machten sich auch die beiden Bewerber, angeführt von den Verbandspräsidenten Grigoriy Surkis und Michal Listkiewicz, zu eigen. Die beiden Nachbarn hatten bei ihrer Schlusspräsentation am Dienstagabend prominente Unterstützer wie niemand sonst an ihrer Seite. „Unsere Vorstellung“, sagte Listkiewicz voller Stolz, „hatte ein menschliches Gesicht“ - und dazu ein Profil, das die beiden nach Cardiff gereisten Staatspräsidenten Viktor Juschtschenko und Lech Kaczynski noch schärften. Der Ukrainer und der Pole betraten unter großem Applaus die Bühne im Rathaus zu Cardiff, um den Schulterschluss ihrer Länder zu demonstrieren. „Was hier passiert ist“, sagte der polyglotte ältere der Klitschko-Brüder, „ist das Größte, was unseren beiden Ländern passieren konnte. Ich habe zwölf Spiele bei der WM in Deutschland gesehen und weiß, welch große Bedeutung der Sport hat, speziell auch für den Aufbau unseres jungen Landes.“

          Surkiys, als nicht stimmberechtigtes Exekutivkomiteemitglied die treibende Kraft hinter der nach den Niederlanden und Belgien (2000) sowie Österreich und der Schweiz (2008) dritten erfolgreichen Doppelbewerbung in der Geschichte der Europameisterschaften, blickte über den großen Tag hinaus: „Wir in der Ukraine erleben gerade ein politische Krise. Wir hoffen, dass unsere Politiker auch mit dem Blick auf 2012 zusammenfinden. Wir müssen der Welt zeigen, wie stabil unser Land ist.“

          „Go east“

          In acht Städten - vier in Polen (Warschau, Breslau, Danzig und Posen), vier in der Ukraine (Kiew, Donezk, Dnipropetrowsk und Lemberg) -wird das Turnier mit 16 Mannschaften ausgespielt. Wer dort dabei sein will, darf keine Angst vor großen Entfernungen und kleineren Widrigkeiten haben. Zwischen Danzig und Posen klafft die Kleinigkeit von 1600 Kilometern. Doch um Abstände ging es in Cardiff am wenigsten. Eher schien es, als ob die Delegationen aus zwei Ländern, in denen die orangefarbene Revolution ebenso zum Erfolg führte wie der Freiheitskampf der Gewerkschaft „Solidarnosc“, zu einem großen Ganzen verschmolzen wären.

          Go east - was vorher nur wie eine Parole der Hoffnung geflüstert werden durfte, ist unter dem gemeinsamen Slogan „Let's play together“ gefeierte Wirklichkeit geworden. Witali Klitschko sah für den weiteren Verlauf des Tages „Feuerwerke“ voraus und prophezeite, dass die Menschen in seiner Heimat gleich „drei Salti schlagen“ würden. Es lebe der Fußball, es lebe der Sport.

          Die bisherigen EM-Gastgeber im Überblick
          1960: Frankreich (4 Mannschaften) - Europameister: UdSSR
          1964: Spanien (4) - Spanien
          1968: Italien (4) - Italien
          1972: Belgien (4) - Deutschland
          1976: Jugoslawien (4) - CSSR
          1980: Italien (8) - Deutschland
          1984: Frankreich (8) - Frankreich
          1988: Deutschland (8) - Niederlande
          1992: Schweden (8) - Dänemark
          1996: England (16) - Deutschland
          2000: Belgien/Niederlande (16) - Frankreich
          2004: Portugal (16) - Griechenland
          2008: Österreich/Schweiz (16)
          2012: Polen/Ukraine (16)

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