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Fußball-EM 2012 : Stresstest für die Logistik

  • -Aktualisiert am

Wer lacht am Ende der Vorrunde? Die Trainer Löw, Olsen, Bento und van Marwijk treffen sich in der Ukraine im Sommer wieder Bild: dapd

Nach der Auslosung beginnt die Planung. Die EM-Gruppen haben nicht nur für das deutsche Team einige unangenehme Begleiterscheinungen. Und ein Testspiel am 22. Mai ist nun besonders pikant.

          In Zeiten, da Meldungen von Wettmanipulationen und Korruption den Fußball belasten, bleibt eines festzuhalten: An der Endrunden-Auslosung der Fußball-Europameisterschaft 2012 ist mit Sicherheit nichts gedreht worden.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Die einzigen, die vom Spielplan profitieren, den am Freitagabend im Kiewer Kunstpalast „Ukraina“ die ehemaligen Fußballgrößen Marco van Basten, Zinédine Zidane, Peter Schmeichel und Horst Hrubesch per Griff in acht Glaskugeln ermittelten, hatten garantiert nicht ihre Finger im Spiel - die Teilnehmer der Gruppe A. Gastgeber Polen war schon vorher gesetzt, Russland, Tschechien und Griechenland wohnten der knapp einstündigen Zeremonie, die wie am Schnürchen klappte, lediglich als Zuschauer bei.

          Ansonsten gab es fast nur betretene Gesichter angesichts des Tableaus. Von den Trainern der „Todesgruppe“ B machte nur Joachim Löw einen aufgeräumten Eindruck. Seine Vorfreude auf das „Hammerturnier“ war noch größer als der Respekt vor den Gegnern Niederlande, Portugal und Dänemark.

          Sein holländischer Kollege Bert van Marwijk sagte: „Ich habe alle Trainer gesehen, da war keiner froh. Alle sind sich einig, dass es die schwerste Gruppe ist.“ Der Däne Morten Olsen sprach von einer „Dynamit-Gruppe“ und einem „Albtraum“, der Portugiese Paulo Bento meinte resignierend: „Die Auslosung müssen wir akzeptieren, wie sie ist. Aber es hätte nicht schwerer kommen können.“

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          Auch der Titelverteidiger brach nicht in Begeisterung aus. Spanien bekommt es in Gruppe C mit Italien, Kroatien und Irland zu tun. Und Gastgeber Ukraine beklagte sich über die Partner in Gruppe D England, Frankreich und Schweden. Ein weiblicher Fan brach vor Fernsehkameras in Tränen aus: „Wie sollen wir da nur weiterkommen?“

          Sogar bei der Europäischen Fußball-Union (Uefa) wurde von Lospech gesprochen. Die Ziehung der Mannschaften hätte aus Sicht der Organisatoren kaum schlechter verlaufen können. So finden die Vorrundenschlagerspiele der „Todesgruppe“ B ausgerechnet in den beiden kleinsten Stadien statt, in Lemberg (Lwiw) mit 33.000 und in Charkiw mit 41.300 Plätzen. Sicher nicht im Sinne der Veranstalter, während beispielsweise Griechenland gegen Russland im 58.000 Plätze fassenden Nationalstadion von Warschau antritt - und das kleine Schweden alle drei Partien im riesigen Stadion von Kiew spielt.

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          Auch das Duell England gegen Frankreich findet tief im Osten statt, zum Auftakt der Gruppe D am 11. Juni in Donezk. „Das erste Match in Donezk wird eine Herausforderung“, sagt Uefa-Cheforganisator Martin Kallen. Auch, weil wohl kaum genügend Hotelzimmer für die vielen Fans vorhanden sein werden.

          Diese Europameisterschaft wird zudem zu einem Stresstest für das Transportwesen, denn individuelle Anreisen mit dem Auto sind fast unmöglich. Deutschland, die Niederlande und England, traditionell mit der größten Anhängerschaft ausgestattet, müssen in die ferne Ukraine, die russischen Fans reisen nicht ins Nachbarland Ukraine, sondern nach Polen. Auch den schwedischen und dänischen Anhängern blieb das Nahziel Danzig verwehrt. „Es wird ein verdammt harter Job“, sagte Kallen zu den logistischen Anforderungen.

          Deutschland wurde in die EM-Vorrundengruppe B gelost. Dort trifft die Elf von Bundestrainer Joachim Löw auf Portugal, die Niederlande und Dänemark. Der Spielplan zeigt den weiteren Weg durch das Turnier - bis zum Finale am 1. Juli 2012 in Kiew.

          Auch vielen Nationalmannschaften passte die Auslosung nicht in die Planung. Ebenso wie die Deutschen, die sich schon vorab für ein Quartier nahe Danzig entschieden hatten, wird auch der englische Tross weite Strecken von der polnischen Stadt Krakau nach Donezk und Kiew zurücklegen müssen. Vielleicht winken die englischen Spieler ihren russischen Kollegen in der Luft zu.

          Die werden nämlich in der Gegenrichtung unterwegs sein, von ihrer Kiewer Herberge nach Breslau und Warschau - und auch ein mögliches Viertelfinale findet in Polen statt. Bundestrainer Löw verteidigt das deutsche Hauptquartier Dwor Oliwski in der Nähe von Danzig. „Fliegen hätten wir sowieso müssen, es ist kein großer Unterschied, ob eine Stunde länger oder kürzer.“ Nur falls die DFB-Auswahl den Spaniern in Gruppe C zugelost worden wären, hätten sie ein „Heimspiel“ in Danzig gehabt.

          Löws nächste Aufgabe besteht darin, Testspielgegner zu finden, die den Dänen und Portugiesen ähneln. Norwegen, Finnland und die Schweiz nannte er als mögliche Kandidaten für die letzten EM-Vorbereitungsspiele Ende Mai und Anfang Juni. „Viele wollen gegen uns spielen“, verriet der 51-Jährige. Aber einen Testgegner zu finden, der den Portugiesen ähnelt, sei schwierig.

          Auf den Termin der Anreise nach Danzig hat sich Löw schon festgelegt. Spätestens fünf Tage vor dem ersten Spiel muss das deutsche Team im Gastgeberland anreisen, legt das Uefa-Reglement fest. Das heißt, bis zum 4. Juni hat die Mannschaft das Hotel „Dwor Oliwski“ zu beziehen. „Wir werden diesen Termin ausreizen“, kündigt Löw an. Daraus folgt, dass der letzte EM-Test höchstwahrscheinlich am 1. Juni in Leipzig steigen wird.

          Heute Kollegen, im Sommer Gegner: Arjen Robben (links) und Mario Gomez vom FC Bayern

          Die Turniervorbereitung droht problematisch zu werden. Vor allem durch den Terminplan des FC Bayern, der acht EM-Kandidaten stellt. Schafften die Münchner den Sprung ins Champions-League-Finale, das am 19. Mai im eigenen Stadion stattfindet, würden Bastian Schweinsteiger und Kollegen das Regenerations-Trainingslager an der Costa Smeralda auf Sardinien (11. bis zum 18. Mai) komplett verpassen und auch noch verspätet ins zweite Camp nach Tourettes in Südfrankreich anreisen.

          Zusätzlich pikant geworden ist durch die Auslosung ein Testspiel des FC Bayern gegen die niederländische Nationalmannschaft am 22. Mai. Das war nach dem Streit um die Verletzung von Arjen Robben bei der WM 2010 und dem anschließenden langen Ausfall des Holländers vereinbart worden. Ein Großteil der Spieler könnte sich nur wenige Tage später im zweiten EM-Spiel in Charkiw (13. Juni) wiedersehen.

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