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Fußball : Ein Freistoßtor - und Deisler ist wie befreit

  • -Aktualisiert am

Mit altem Schwung: Deisler im Spiel gegen Offenbach Bild: REUTERS

Selten hat ein Amateurspiel soviel Beachtung gefunden wie das Match zwischen den Amateuren des FC Bayern und Kickers Offenbach: Sebastian Deisler gab nach fünf Monaten Pause sein Comeback. Und er überzeugte.

          Es muß schon ein besonderes Spiel sein, wenn bei den Amateuren des FC Bayern München mehr als ein paar hundert Zuschauer auf der Tribüne sitzen; wenn nicht nur höchstens eine Kamera des lokalen Fernsehsenders und zwei Journalisten dabei sind; wenn sich Manager Uli Hoeneß und Trainer Ottmar Hitzfeld die Zeit nehmen, um vorbeizuschauen. Derartige Aufmerksamkeit wird der Regionalliga-Mannschaft von Trainer Hermann Gerland ganz selten zuteil. Aber eigentlich ging es am Gründonnerstag auch gar nicht um die komplette Elf, sondern nur um einen Spieler. Das Comeback von Sebastian Deisler nach fünfmonatiger Fußballpause war der Grund, daß alles ein wenig anders war als sonst im Grünwalder Stadion.

          Auf der Tribüne wurden die Ballkontakte, Pässe und Torschüsse Deislers gezählt und seine Zweikampfbilanz ausgewertet. Die Partie gegen Kickers Offenbach war nur der Rahmen für eine Rückkehr, an die viele nicht mehr geglaubt hatten. „An Weihnachten war ich mir nicht sicher, ob das wieder wird“, sagte Hoeneß in einem Fernsehinterview. Im November des vergangenen Jahres hatte Deisler sich wegen Depressionen in eine Münchner Klinik für Psychiatrie begeben. Auf eigenen Wunsch war seine Krankheit öffentlich gemacht worden, vom Verein und vom behandelnden Arzt. In den ersten Wochen hatten Schlagzeilen auf dem Münchner Boulevard um einen angeblich dubiosen Freundeskreis die Heilung des Vierundzwanzigjährigen vermutlich nicht gerade beschleunigt.

          Hoeneß: ein „stabilerer Bursche“

          Ende Januar verließ Deisler, gerade Vater eines Sohnes geworden, das Max-Planck-Institut und begann wieder mit dem Training. Zunächst bereitete er sich allein unter Anleitung des Konditionstrainers des FC Bayern vor, im März dann stieß er zu den Kollegen. Vor knapp zwei Wochen hat er signalisiert, bereit zu sein für sein Comeback. „Die Behandlung ist völlig abgeschlossen", sagte er. „Ich brauche auch keine Medikamente mehr." Hoeneß sah Anzeichen dafür, daß der sensible Patient "ein viel stabilerer Bursche geworden ist".

          Das Gastspiel bei den Amateuren sollte der erste Härtetest für Deisler sein. Vor allem natürlich ein physischer, aber auch einer dafür, wie er psychisch mit der Rückkehr ins Rampenlicht zurechtkommt. Der Rummel im Grünwalder Stadion war nur ein Vorgeschmack auf das, was ihn erwartet, was mit ihm und um ihn herum geschehen wird, wenn er zum ersten Mal wieder bei den Profis mitspielt. Wann das sein wird, läßt Hitzfeld offen: „Das werden wir nicht groß ankündigen.“ Gegen Schalke 04 am Ostersamstag wohl noch nicht, vermutlich auch nicht eine Woche später in Dortmund, um ihn vor möglichen hämischen Schlachtrufen der mehrheitlich gegnerischen Fans zu bewahren.

          Noch ein paar Kilo zuviel

          Seine Leistung beim 3:1-Sieg der Münchner gegen Offenbach war ansprechend, sein Tor zum 1:0 per Freistoß aus 21 Metern sehenswert. Aber als Tabellenführer hätte der FC Bayern vermutlich auch ohne den genesenen Profi gegen die abstiegsgefährdeten und schwachen Offenbacher gewonnen. Noch fehlt Deisler die Spritzigkeit, und in der zweiten Halbzeit schwanden seine Kräfte. „Konditionell bin ich noch nicht so weit, daß ich 90 Minuten mithalten kann“, gab Deisler zu. „Aber ich bin zufrieden - dafür, daß ich fünf Monate weg war. Es war schön, wieder einmal das Trikot anzuhaben und einen Wettkampf mitzumachen.“ Außerdem gibt er zu, „noch das eine oder andere Kilo zuviel zu haben“. Für Trainer Hitzfeld war die Leistung seines Sorgenkindes aber ohnehin eher Nebensache. „Natürlich bin ich glücklich, daß er ein Highlight setzen konnte“, sagt er. „Wichtig ist, daß Sebastian heute die Feuertaufe bestanden hat, daß er wieder Fuß faßt im Alltag, daß er sich in der Öffentlichkeit wohlfühlt und sich wieder frei bewegen kann.“

          Damit scheint Deisler keine Schwierigkeiten mehr zu haben. Als er in der 89. Minute unter dem Beifall der rund 3000 Zuschauer ausgewechselt wurde, hefteten sich mehrere Kamerateams an seine Fersen. Vor dem Kabinengang wartete eine Schar von Journalisten auf ihn. Er blieb bereitwillig stehen und beantwortete geduldig die Fragen. Früher, vor seiner Krankheit, hatte er stets versucht, den Mikrofonen auszuweichen. Der Rummel um seine Person, die Fokussierung war ihm nicht nur zuwider gewesen, sondern hatte ihm mehr zu schaffen gemacht, als viele ahnten. Am Donnerstag huschte ein Lächeln über sein Gesicht beim Anblick der Menge, die in der Mehrzahl nur wegen ihm, wegen seines Comebacks gekommen war. „So gut war das Spiel doch gar nicht“, sagte er. Deisler versucht, sich zu arrangieren mit den Anforderungen, die der Beruf eines Fußball-Profis mit sich bringt. Und es sieht so aus, als er ob es schaffen könnte.

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