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Fußball : Die Bayern emanzipieren sich von Ribéry

Rot statt Ruhm: Auch Ribérys dritte Champions-League-Saison geht ohne denkwürdige Leistung zu Ende Bild: AP

Einst galt der Franzose als unersetzbar, doch nach der Roten Karte beim 1:0 gegen Lyon müssen sich die Bayern an den Gedanken gewöhnen, hohe Ziele ohne ihn zu verfolgen. Das aber ist nicht mehr aussichtslos wie früher.

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          Der FC Bayern ist ein vorbildlicher Verein. Er hat Experten und Spezialisten für alles, was ein Fußballspieler braucht. Fast alles: Einen vereinseigenen Friseur hat er nicht. Ein Glück. Sonst nämlich hätte Thomas Müller vor dem 1:0-Sieg gegen Olympique Lyon locker einen neuen Schnitt bekommen, in der Dienstzeit. Die Freizeit aber war zu knapp für einen Friseurbesuch. „Ich wollte mir die Haare schneiden lassen“, sagte der 20 Jahre alte Stürmer. „Aber der Terminkalender war zu voll, Gott sei Dank.“

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Um ein Haar wäre es sonst womöglich doch nur ein 0:0 geworden. Als Arjen Robben nach 69 Minuten abzog, buckelte Müller, um dem scharfen Ball den Weg frei zu machen. Er schaffte es nicht ganz. Sein Schopf gab dem Schuss eine kleine ballistische Veränderung, die Torwart Hugo Lloris überraschte. Das Resultat: ein unfrisiertes 1:0.„Ich denke, dass wir ganz Europa wieder gezeigt haben, wie stark wir sind“, sagte Trainer Louis van Gaal. Dabei hatte er nach 37 Minuten die Siegeshoffnung fast schon fahrenlassen. „Da hätte ich nicht gedacht, dass wir gewinnen.“

          Das war nach der Roten Karte für Franck Ribéry, der Szene des Abends. Sie spaltete das Publikum. Für die einen war der rüde Tritt auf den Knöchel von Lisandro Lopez die Überreaktion eines sensiblen Stars, der nach dem Skandal um eine Prostituierte, dessentwegen er vergangene Woche vor die Pariser Justiz zitiert wurde, die Nerven verlor. Für die anderen war es nur eine unglückliche Aktion, der ungewollte Fehltritt eines vorübergehend überforderten Ballkünstlers.

          Robben schießt, Müller duckt sich, Lloris ist geschlagen, Bayern gewinnt
          Robben schießt, Müller duckt sich, Lloris ist geschlagen, Bayern gewinnt : Bild: dpa

          Wie lange wird Ribéry gesperrt?

          Ribérys Strafverfolgung spaltete auch das Bayern-Lager. Die Offiziellen beklagten politisch vorhersehbar eine „extrem harte Entscheidung“, wie Karlheinz Rummenigge. Trainer van Gaal äußerte die unrealistische Hoffnung, Ribéry werde nur für ein Spiel gesperrt (und damit nicht für das mögliche Finale), räumte aber ein, Ribéry habe „sehr lange auf dem Fuß von Lisandro“ gestanden.

          In der Mannschaft schließlich war die übliche Wagenburgmentalität, mit der man die Reihen vor beschuldigten Kollegen schließt, am wenigsten spürbar. War es ein Zeichen dafür, dass die Spieler Ribérys Mitwirken nicht mehr für so entscheidend halten, wie es die Chefs tun? Wo sonst im Fußball bei strittigen Szenen eine kollektiv selektive Wahrnehmung gilt, die fürs eigene Team ungünstige Entscheidungen stets unberechtigt und günstige stets berechtigt sieht, überwog bei der Roten Karte für Ribéry eine differenziertere Haltung.

          Das dritte Jahr ohne entscheidende Aktion gegen große Gegner

          Müller formulierte sie so: „Kann man geben, muss man nicht geben.“ Ihm hatte die Partie ohne Ribéry gut gefallen: „Nach der Roten Karte war richtig Feuer drin. Das hat Spaß gemacht.“ Noch deutlicher war Arjen Robben: „Ich muss ehrlich sagen: Ich kann damit leben“, sagte er über den Platzverweis. „Ich werde auch oft gefoult; dann bin ich froh, wenn der Schiedsrichter Schutz gibt. Franck geht über den Ball – und das sieht sehr gefährlich aus.“

          Robben kann ohne Ribéry leben. Und die Bayern? „Auch in Unterzahl haben wir dominant gespielt“, sagte van Gaal. Diese Kunst war allerdings nur siebzehn Minuten lang nötig – bis Lyon mit einer Gelb-Roten Karte für Jeremy Toulalan die Überzahl wieder hergab. Während Ribéry mit dem Platzverweis auch seine dritte Champions-League-Saison beim FC Bayern ohne eine denkwürdige Leistung in einem großen Spiel, ohne entscheidende Aktion gegen einen großen Gegner abschließt, hat Robben schon im ersten Münchner Jahr die grandiosen K.-o.-Treffer in Florenz und Manchester gesetzt und nun auch das Siegtor gegen Lyon erzielt.

          Allerdings darf in einem System van Gaal auch ein Robben nicht zeigen, dass er sich seiner Wichtigkeit bewusst ist. „Die Mannschaft ist wichtiger!“, brüllte ihm der Trainer in der 85. Minute ins Gesicht, als Robben auf seine Auswechslung unwirsch reagiert hatte. Wütend war der Niederländer vom Platz gestapft, hatte Augenkontakt und Handschlag mit seinem Landsmann van Gaal verweigert, worauf der ihn noch an Ort und Stelle packte und zurechtwies.

          An Gladbach denken, nicht an Lyon

          Seine Auswechslung verstand Robben auch eine Stunde später noch nicht, „aber das ist auch nicht wichtig“. Er nannte seine Reaktion „unprofessionell“, müsse sich dafür entschuldigen. „Ich war enttäuscht. Ich hatte das Gefühl, dass ich noch ein Tor schießen konnte.“ Doch van Gaal kennt auch das Risiko eines Robben: dessen Eigenart, nach misslungenen Dribblings zu lamentieren oder zu reklamieren, statt sofort die Umschaltung auf die Defensivbewegung mitzumachen, die eine der großen Stärken dieser Bayern ist. „Heute war ich zufrieden mit dem 1:0“, sagte der Trainer. „Dann habe ich ihn ausgewechselt, denn er soll gegen Borussia Mönchengladbach wieder ein Tor schießen.“

          Sie redeten überhaupt schon lieber über das nächste Spiel am Samstag in Mönchengladbach als über Madrid, den Ort des Champions-League-Finals am 22. Mai, oder über das Rückspiel am Dienstag in Lyon, wenn der Gegner bestimmt frischer ist als diesmal nach der langen Busreise nach München. Olympique hat schließlich sein Punktspiel mit Zustimmung der französischen Liga verlegen lassen und deshalb ein freies Wochenende, die Bayern aber müssen zu den Gladbachern, dem wohl letzten möglichen Stolperstein auf dem Weg zur Meisterschaft. Träumen ist verboten, denn noch ist ein Albtraum in der Bundesliga möglich.

          Bis in den Spätherbst schien der FC Bayern für den Kampf um Titel zu abhängig zu sein von Ribéry. Nun muss nicht Ribéry das Team mitziehen, sondern das Team den verunsicherten Ribéry. „Wir müssen schauen, dass wir ihn bis zum Samstag wieder hinkriegen“, kündigte Thomas Müller an. „Heute wird es sehr schwer, ihn zu trösten. Auch morgen wird es schwer“, sagte Philipp Lahm. Im Hinblick auf das mögliche Champions League-Finale in Madrid fand er, ein Fehlen Ribérys „wäre schade für den Fußball“. Auch schade für den FC Bayern? Sie scheinen sich da nicht mehr so sicher zu sein in München.

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