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Erstes Länderspiel nach WM-Aus : Die Lust auf die einfachen Dinge des Fußballs

Toni Kroos (rechts) und seine Mitspieler nach dem Länderspiel gegen Frankreich Bild: EPA

Die Nationalmannschaft macht mit dem Remis in der Nations League gegen den Weltmeister einen Schritt zurück zu sich selbst – und einen Schritt auf die Fußballnation zu. Ein verlorengegangenes Gefühl kehrt zurück.

          4 Min.

          Der Anfang ist gemacht: Endlich kann man auch wieder mal mit einem Augenzwinkern von der deutschen Nationalmannschaft reden. „Für uns war es wichtig, den ersten Schritt wieder auf die Fußballnation zuzumachen“, sagte Thomas Müller am Donnerstag kurz vor Mitternacht und lächelte sein Thomas-Müller-Lächeln. „Und das haben wir geschafft.“ Dabei parodierte er gekonnt den staatstragenden Ton all der Krisendebatten und Erklärungen, den ganzen Bierernst am Ball, der zehn Wochen lang nach dem WM-Debakel die Diskussion im Land des nun nicht mehr weltmeisterlichen Fußballs geprägt hatte.

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          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Endlich rollte er wieder, der Ball, zwar nicht ins gegnerische Tor, aber zur Abwechslung auch mal nicht ins eigene. Das 0:0 gegen den neuen Weltmeister Frankreich in München war im achten Versuch im WM-Jahr 2018 das erste Spiel, das Deutschland ohne Gegentor hinter sich brachte. Wegen der Art und Weise, mit der man sich dieses Zu-Null-Gefühl zurückgeholt hatte, war die Genugtuung bei den in der Öffentlichkeit zuletzt arg gerupften WM-Helden von 2014 spür- und hörbar. „Wir wurden alle etwas schwächer geredet in den letzten Monaten, als wir sind“, sagte Mats Hummels. „Wir waren alle sehr heiß darauf, einigen Leuten zu zeigen, wie falsch sie lagen.“

          Wie fast immer, wenn die Kritik an einem Team oder Trainer allzu grundsätzlich geworden ist und die Gesamtsituation  verfahren erscheint, hilft es, sich daran zu erinnern, dass Fußball ein letztlich doch einfaches Spiel sein kann. Und wer verlorene Sicherheit sucht, geht eben einfach erst einmal auf Nummer sicher. Das gelang bis auf die jeweils rund zehn Minuten vor und nach der Pause, als die Franzosen zu guten Chancen kamen, zufriedenstellend.

          Ginter ordentlich, Lob für Kimmich im Zentrum

          Bundestrainer Löw hatte sich nach all den kraftlosen und überinterpretierten Worten der letzten Wochen darauf besonnen, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Er erinnerte sich an seine erfolgreiche Idee der WM-Vorrunde 2014, eine Abwehr aus vier Innenverteidigern aufzustellen, etwas, was man wegen der dadurch gewonnenen Stabilität „Ochsenkette“ genannt hatte. Neben Antonio Rüdiger anstelle des lädierten Linksverteidigers Jonas Hector gelang die reaktivierte Ochsentour vor allem Matthias Ginter auf der rechten Seite ordentlich. Am Ende hätte er um ein Haar den Siegtreffer geköpft, den Torwart Alphonse Areola mit großartiger Parade verhinderte.

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          Dafür war Joshua Kimmich von der rechten Abwehrseite, wo er nach der WM wegen allzu vieler Vorstöße ohne defensive Balance kritisiert worden war, auf die zentrale Position vor der Abwehr gerückt, wo er nun viel Lob erhielt. Er schirmte die Abwehrkette gut ab und hatte „die Ruhe am Ball“, wie Müller fand. Die Kehrseite von Löws Betonung der in Russland versäumten Absicherung war eine oft sichtbare Hemmung im Spiel nach vorn – um ja nicht den konterstarken Franzosen ins Messer zu laufen und mit einer Niederlage die sommerliche Selbstzerfleischung der Fußballnation in den Herbst zu verlängern. Erst in der letzten halben Stunde wagte man ein wenig mehr und kam zu drei, vier guten Gelegenheiten.

          „Wir hatten in der ersten Halbzeit noch eine kleine Unsicherheit im Spiel nach vorn, wussten nicht immer: Sollen wir jetzt, sollen wir nicht?“, so schilderte Müller den Zwiespalt zwischen Angst vor Fehlern und Mut zum Risiko. Weil auch er als Angreifer sich „als erster Verteidiger“ verstand und erschöpfte, fehlte nach all der Arbeit nach hinten am Ende vor dem gegnerischen Tor bei der späten Gelegenheit nach Zuspiel von Hummels ein wenig die nötige Ruhe und Klarheit. „Da hätte ich vielleicht direkt mit dem Kopf abschließen können“, sagte Müller, der den Ball mit der Brust stoppte und damit die Chance verdarb.

          „Man hat gemerkt, dass viel auf dem Spiel steht für uns als Mannschaft“, sagte Ginter. Spätestens nach der Ansprache von Löw habe jeder gewusst, dass es nicht nur um das Ergebnis ging, sondern auch um die Wirkung nach außen, „auf die Art und Weise, wie wir spielen, wie wir auftreten als Mannschaft“. Es sollten „die deutschen Grundtugenden“ wieder im Vordergrund stehen, so der Verteidiger, „Kampf, Leidenschaft, Zweikampfhärte, Körperlichkeit“. Der Fokus habe diesmal auf Einsatz und Mentalität gelegen, bestätigte auch Abwehrkollege Hummels das Ziel der Außendarstellung – darauf, „den Fans zu zeigen, dass wir Gas geben und keine Bälle verloren geben. Das wollen wir jetzt immer wieder zeigen, damit wir die Leute für uns begeistern.“ Fußball, so Hummels, sei „am Ende ein Sport für die Fans, und wenn man die nicht unterhält und begeistert, dann ist man fehl am Platze.“ Das könne man erst einmal „mit solch einfachen Sachen“, mit Kampfgeist und Einsatz, „und irgendwann kommen auch die Kabinettstückchen dazu“.

          Das Publikum in München jedenfalls zeigte, dass es sich gut unterhalten fühlte, und feuerte die Mannschaft immer mehr an. Zu den einzigen Misstönen kam es bei der Einwechslung von Ilkay Gündogan, der fast vier Monate nach seinem Foto mit dem türkischen Staatschef Erdogan immer noch, wenn auch von einer Minderheit der Zuschauer, mit Pfiffen empfangen wurde. „Wenn ein paar Leute pfeifen, hörst du es halt deutlicher als wenn viele klatschen“, sagte Leon Goretzka, der für ihn Platz machte und sich beim Weg hinaus „extra beeilte“, um die Sache abzukürzen.

          Was das 0:0 gegen Frankreich sportlich wert ist, wird man wohl erst im Oktober sehen, wenn das deutsche Team im Amsterdam und Paris seine beiden Auswärtsspiele in der am Donnerstag gestarteten, neuen Nations League bestreitet. Atmosphärisch zahlte es sich schon aus. Es bescherte Team und Trainer das gute Gefühl, neben dem Spiel auch die Fans nicht verloren zu haben. Und dazu brachte es noch ein anderes, im Wahn der eigenen Weltmeisterlichkeit in den letzten Jahren etwas verlorengegangenes Gefühl zurück: die Lust auf die einfachen, die grundlegenden Dinge des Fußballs.

          Gerade Thomas Müller schwärmte geradezu vom „Spaß an Zweikämpfen“, davon, „sich immer wieder zu disziplinieren, jeden Meter nach hinten zu machen“, und von der Pflicht, „sich selbst und den Mitspielern zu zeigen, dass wir um jeden Quadratmeter kämpfen“. Ja, schwärmte sogar vom kollektiven Kampf  im spät einsetzenden Regen – so als wäre er keiner aus der Generation von Rio 2014, sondern der von Bern 1954. „Wir waren wieder eine Mannschaft auf dem Platz, die das Tor mit Mann und Maus verteidigt hat“. Und deshalb ein erstes Schrittchen zurück zu sich selber und auf die Fußballnation zu gemacht hat.

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