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Erstes Länderspiel nach WM-Aus : Die Lust auf die einfachen Dinge des Fußballs

„Wir hatten in der ersten Halbzeit noch eine kleine Unsicherheit im Spiel nach vorn, wussten nicht immer: Sollen wir jetzt, sollen wir nicht?“, so schilderte Müller den Zwiespalt zwischen Angst vor Fehlern und Mut zum Risiko. Weil auch er als Angreifer sich „als erster Verteidiger“ verstand und erschöpfte, fehlte nach all der Arbeit nach hinten am Ende vor dem gegnerischen Tor bei der späten Gelegenheit nach Zuspiel von Hummels ein wenig die nötige Ruhe und Klarheit. „Da hätte ich vielleicht direkt mit dem Kopf abschließen können“, sagte Müller, der den Ball mit der Brust stoppte und damit die Chance verdarb.

„Man hat gemerkt, dass viel auf dem Spiel steht für uns als Mannschaft“, sagte Ginter. Spätestens nach der Ansprache von Löw habe jeder gewusst, dass es nicht nur um das Ergebnis ging, sondern auch um die Wirkung nach außen, „auf die Art und Weise, wie wir spielen, wie wir auftreten als Mannschaft“. Es sollten „die deutschen Grundtugenden“ wieder im Vordergrund stehen, so der Verteidiger, „Kampf, Leidenschaft, Zweikampfhärte, Körperlichkeit“. Der Fokus habe diesmal auf Einsatz und Mentalität gelegen, bestätigte auch Abwehrkollege Hummels das Ziel der Außendarstellung – darauf, „den Fans zu zeigen, dass wir Gas geben und keine Bälle verloren geben. Das wollen wir jetzt immer wieder zeigen, damit wir die Leute für uns begeistern.“ Fußball, so Hummels, sei „am Ende ein Sport für die Fans, und wenn man die nicht unterhält und begeistert, dann ist man fehl am Platze.“ Das könne man erst einmal „mit solch einfachen Sachen“, mit Kampfgeist und Einsatz, „und irgendwann kommen auch die Kabinettstückchen dazu“.

Das Publikum in München jedenfalls zeigte, dass es sich gut unterhalten fühlte, und feuerte die Mannschaft immer mehr an. Zu den einzigen Misstönen kam es bei der Einwechslung von Ilkay Gündogan, der fast vier Monate nach seinem Foto mit dem türkischen Staatschef Erdogan immer noch, wenn auch von einer Minderheit der Zuschauer, mit Pfiffen empfangen wurde. „Wenn ein paar Leute pfeifen, hörst du es halt deutlicher als wenn viele klatschen“, sagte Leon Goretzka, der für ihn Platz machte und sich beim Weg hinaus „extra beeilte“, um die Sache abzukürzen.

Was das 0:0 gegen Frankreich sportlich wert ist, wird man wohl erst im Oktober sehen, wenn das deutsche Team im Amsterdam und Paris seine beiden Auswärtsspiele in der am Donnerstag gestarteten, neuen Nations League bestreitet. Atmosphärisch zahlte es sich schon aus. Es bescherte Team und Trainer das gute Gefühl, neben dem Spiel auch die Fans nicht verloren zu haben. Und dazu brachte es noch ein anderes, im Wahn der eigenen Weltmeisterlichkeit in den letzten Jahren etwas verlorengegangenes Gefühl zurück: die Lust auf die einfachen, die grundlegenden Dinge des Fußballs.

Gerade Thomas Müller schwärmte geradezu vom „Spaß an Zweikämpfen“, davon, „sich immer wieder zu disziplinieren, jeden Meter nach hinten zu machen“, und von der Pflicht, „sich selbst und den Mitspielern zu zeigen, dass wir um jeden Quadratmeter kämpfen“. Ja, schwärmte sogar vom kollektiven Kampf  im spät einsetzenden Regen – so als wäre er keiner aus der Generation von Rio 2014, sondern der von Bern 1954. „Wir waren wieder eine Mannschaft auf dem Platz, die das Tor mit Mann und Maus verteidigt hat“. Und deshalb ein erstes Schrittchen zurück zu sich selber und auf die Fußballnation zu gemacht hat.

Nations League

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