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Fußball-Depression auf der Insel : Der englische Patient

McClaren kann die fachlichen Mängel kaum kaschieren Bild: AFP

Die englischen Kicker leiden unter einem rätselhaften Virus: Sie sind Riesen für Klub und Heimatstadt, aber Zwerge für Königin und Vaterland. Der Autoritätsverlust von Trainer McClaren geht drastisch voran. Plötzlich fürchtet sich England sogar vor dem „Ski-Resort“ Andorra.

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          Der Glaube mag Englands Fußball manchmal verlassen; nie aber der Humor und die Hoffnung. In den Tagen der Selbstzerfleischung nach dem 0:0 in Israel fand der „Guardian“ Trost darin, dass „der nächste Gegner ein Ski-Resort ist“. Auch die „Sun“ atmete auf: „Gegen Andorra kann nicht mal England verlieren.“ Nun, einige Briten klingen derzeit, als seien sie sich auch da nicht mehr ganz so sicher. Während man sich sonst vor Qualifikationsspielen gegen Zwergstaaten nicht mit gegnerischen Personalfragen befasst, ist dieser Tage Detailliertes über die Aufstellungssorgen des andorranischen Trainers David Rodrigo zu lesen. Auch der Hinweis, dass Andorra bisher 22 von 22 Europameisterschaft-Qualifikationsspielen verlor, darf nicht fehlen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Trotzdem hat man in Andorra wohl mehr Freude am Fußball als in England. Rodrigo kommt mit acht Jahren im Amt auf die zweitlängste Dienstzeit eines europäischen Nationaltrainers. Die von Steve McClaren hat für viele Landsleute schon nach acht Monaten ihr Haltbarkeitsdatum überschritten. Nach dem 0:0 in Tel Aviv zeigten sich Auflösungserscheinungen. Die Fans beschimpften die Spieler beim Besteigen des Busses. Sie schmähten den Trainer. In der Kabine kam es zu einer lauten Auseinandersetzung zwischen McClaren und Wayne Rooney. Der wütende Stürmer soll dabei die Schuhe an die Wand gepfeffert haben. McClaren tat die Berichte als „Unsinn“ ab, nicht jedoch, dass er den Jungstar offen kritisiert hatte. Seit seinem Durchbruch bei der EM 2004 hat Rooney in Turnier- oder Qualifikationsspielen nicht mehr für England getroffen - 15 Partien, null Tore.

          Sie wissen kaum, wie sich Tore anfühlen

          Es ist das Rätsel der englischen Kicker: Riesen für Klub und Heimatstadt, Zwerge für Königin und Vaterland. Alle Spieler der ersten englischen Auswahl stehen mit ihren Klubs im Viertelfinale der Champions League oder des Uefa-Pokals. Im England-Trikot dagegen überfällt sie eine solch verzagte Einfallslosigkeit, dass sie hinter Kroatien und Russland um die EM-Teilnahme bangen müssen. Derzeit weiß in der englischen Nationalelf kaum noch einer, wie sich Tore anfühlen. 14 von 20 Feldspielern im aktuellen Kader (in dem die verletzten Stürmer Owen und Crouch fehlen) haben noch nie einen Treffer für England erzielt. Und auch die einzigen, die mehr als drei schafften, scheinen vergessen zu haben, wo das Tor steht: Rooney, Gerrard und Lampard. McClaren, auf der Suche nach Autorität, droht mit der Bank. Viele erwarten, dass es Lampard erwischen wird.

          „Der Gefreite in Hauptmannsuniform”: Trainer Steve McClaren

          Da hatte McClaren so mutig begonnen, den alten Problemfall David Beckham kurz nach der Weltmeisterschaft in Deutschland rausgeworfen, und nun sieht er, dass er damit falschlag oder vielmehr zu spät kam. Sein Vorgänger Sven-Göran Eriksson hatte 2004 den Zeitpunkt verpasst, den formlosen Kapitän auszumustern, was England vielleicht den EM-Titel kostete. Es war die Entscheidung oder vielmehr Nicht-Entscheidung, die man dem schwedischen Zauderer in England noch übler nahm als Geldgier und Untreue: Feigheit vor dem Freund. Inzwischen trauert man zwar nicht Eriksson, aber doch Beckham schon wieder nach. Vor allem seinen Freistößen, die England bei der WM 2006 immerhin zwei von drei Siegen bescherten.

          Schockstarre im März

          Woran leidet der englische Patient genau? Der Symptome sind reichlich, die Diagnose will nicht gelingen. Sind es die Folgen der harten Liga ohne Winterpause? Damit könnte man vielleicht die Müdigkeit bei EM- oder WM-Turnieren im Juni erklären, aber nicht die Schockstarre im März. Sind es die vielen Ausländer? Die hat Italien auch und wurde Weltmeister. Sind es Erikssons Versäumnisse? Unter ihm gewann das Team kaum taktische Bandbreite hinzu. Doch McClaren hat als dessen Assistent im täglichen Training die Mängel mitverschuldet.

          Als er, kaum Chef geworden, das im Hauruckverfahren ändern wollte, mit einer 3-5-2-Formation ausgerechnet beim stärksten Gruppengegner Kroatien, ging es furchtbar schief: Man kehrte zum alten 4-4-2 zurück. Seitdem gilt das Verhältnis zum Assistenten Terry Venables, dem früheren Cheftrainer, als zerrüttet - Venables, der taktische Veränderungen will, hat eine Aussprache gefordert. Und das mächtige „International Committee“ des Verbandes verlangt gar eine offizielle Erklärung von McClaren zu den letzten Pleiten.

          Churchill-Parolen und Charme-Attacken

          Die Situation erinnert an die in Deutschland mit Erich Ribbeck nach 1998, doch der schaffte wenigstens die EM-Qualifikation. Mit seinen Churchill-Parolen und Charme-Attacken kann McClaren kaum die fachlichen Mängel kaschieren. Seine Versuche, in Israel in der Kabine energisch zu wirken, mit knallender Tür und lauter Stimme, sollen laut „Guardian“ eine „Quelle der Heiterkeit für einige Spieler“ gewesen sein.

          Auf das Blatt wirkt McClaren „wie ein Gefreiter, der eine Hauptmannsuniform anprobiert hat“. Noch fühlt sich McClaren unantastbar. Er sei „hundertprozentig überzeugt“, dass die Spieler hinter ihm stünden. Zumindest rhetorisch tun sie das. Allerdings klingt es manchmal wie die Abschiedsformulierungen durch Personalchefs: „Der Trainer“, sagt Rio Ferdinand, „tut alles, was er kann.“

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