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Fußball : Das gläserne Spiel der Zukunft

Bild: F.A.Z.-Rüchel; Montage F.A.S.

Mikrochips in Ball und Stutzen, Sensoren in Trikots und Schuhen: Wie die Wissenschaft den Fußball revolutioniert. Schöne neue Welt oder Träumereien von Visionären?

          3 Min.

          Während sich die Fußballbranche traditionell mit technischen Veränderungen schwertut, werden in den Labors der Wissenschaft immer neue Visionen entwickelt. "Einiges davon wird sich auf dem Platz nicht aufhalten lassen", glaubt Erich Kollath von der Sporthochschule in Köln, "auch wenn sich die Verantwortlichen im Profifußball bisher recht verschlossen zeigen."

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Druck auf den Volkssport wird durch die stete Kommerzialisierung größer, Fans und Sponsoren verlangen nach permanenten Leistungssprüngen. Diese Erkenntnisse und die aktuellen Enthüllungen um bestechliche Schiedsrichter oder Spieler zeigen, daß gerade Transparenz eine wichtige Rolle im Fußball spielen wird - das gläserne Spiel der Zukunft.

          Die Traditionalistenfront bröckelt

          Fast revolutionär erschien das Treffen gestern in Cardiff, wo der Internationale Fußball-Verband (Fifa) die Diskussion über den Einsatz von High-Tech als offiziellen Tagesordnungspunkt in seine Beratschlagungen aufnahm und entschied, daß schon am Dienstag der Mikrochip im Ball in einem Spiel zwischen den Bundesligaprofis und Amateuren des 1. FC Nürnberg ausprobiert werden soll. Bei erfolgreichem Verlauf könnte die neue Technik bei der "U20"-Weltmeisterschaft im September in Peru zum Einsatz kommen.

          Die Traditionalistenfront bröckelt. Dabei wäre der münzgroße, nicht mehr als fünfzehn Gramm schwere elektronische Baustein im Spielgerät, der dem Schiedsrichter das Torsignal übermittelt, erst der Anfang aller Möglichkeiten. Eingearbeitet in Schienbeinschoner oder Stutzen der Spieler könnten auch wichtige Bewegungsprofile wie zum Beispiel bei Abseitspositionen sekundenschnell erhoben werden.

          Ballack live auf der Playstation

          All das resultiert aus mehrjährigen Forschungen des Fraunhofer Instituts für Integrierte Schaltungen in Erlangen, das von der Karlsbader Cairos AG mit der Entwicklung dieses Systems beauftragt worden war. Die Bewegungsabläufe aller Spieler auf dem Feld würden digitalisiert und könnten sogar live auf einer Playstation einem virtuellen Computerspiel dienen. "Wir können das echte Profil eines Michael Ballack erstellen", sagt Rene Dünkler vom Fraunhofer Institut. Die Fans würden sich freuen.

          Bis zu 2000 Signale übermitteln die Minichips an Empfänger am Spielfeldrand, ein Zentralrechner verarbeitet das Datenmaterial in Wimpernschlag-Schnelligkeit und ließe den Schiedsrichter auf seinem Uhren-Display dann wissen, ob der Ball die Torlinie überquert hat oder eine Abseitsposition vorliegt. Die High-Tech-Apparatur ist auf derzeit 150 einzelne Kleinsender ausgelegt, die in einer Partie auf alle Bälle und Spieler verteilt werden könnten.

          „Wir wollen den Schiedsrichter nicht ersetzen“

          Doch diese Aussicht auf "Big Brother" im Fußballstadion beunruhigt viele - Anhänger, Funktionäre und direkt Beteiligte gleichermaßen. Der Marketingleiter von Cairos, dem Vermarkter, der den Kontakt zur Fifa hält und den Chip im Ball zusammen mit dem Sportartikelhersteller Adidas vorantreibt, sieht die Entwicklung verständlicherweise positiver: "Wir wollen den Schiedsrichter nicht ersetzen, sondern ihm eine Unterstützung an die Hand geben", so Oliver Braun.

          Das Ortungssystem könnte allerdings nicht nur elektronisch über die Einhaltung des Reglements wachen, sondern auch die Leistungen der Spieler auf dem Platz noch mehr in den Mittelpunkt stellen und durchleuchten. Kein Wunder, daß sich gerade die Sportwissenschaftler die Hände reiben, in deren Interesse ein effektives Training liegt. Mit Leichtigkeit wären die präzisen Laufwege der Spieler darstellbar, ließe sich ihre Schnelligkeit, Sprintkraft, Schußstärke oder die Fähigkeit, den Ball beidfüßig zu spielen, genau ermitteln.

          Elektronische Dämpfung im Fußballschuh

          "Der Trainer könnte individuelle Diagnoseberichte erstellen und danach sein Training besser auf den einzelnen Profi ausrichten", sagt Kollath von der Sporthochschule in Köln. Bislang leben die Wissenschaftler mehr von eigenen Beobachtungen am Spielfeldrand und den Erkenntnissen aus medizinischen oder biomechanischen Körpertests - allerdings vor oder nach dem eigentlichen Wettkampf. Und die Forschungen gehen noch weiter: Kollath berichtet von sogenannten Biotextilien, Trikots mit eingearbeiteten hochentwickelten Sensoren, mit denen Bioparameter wie Herzfrequenz oder Transpiration des jeweiligen Körpers permanent abgefragt werden könnten.

          In den Labors wird am Spitzenathleten des nächsten Jahrzehnts gebastelt. Dazu paßt auch die Ankündigung des Sportartikelherstellers Adidas, nun im März den "fortschrittlichsten Schuh aller Zeiten" auf den Markt zu bringen, der computergesteuert mit einem batteriebetriebenen Kabelsystem während des Laufens für die richtige Dämpfung sorgen soll. Der nächste Schritt wäre wohl das Wunderfußwerk für Kicker mit elektronisch gesteuerter Effet-Außenhaut.

          Schöne neue Welt? Jedenfalls darf man gespannt sein, ob die besten Fußballprofis irgendwann wirklich als super-austrainierte High-Tech-Figuren unter multimedialer Rundumkontrolle über perfekte Kunstrasenplätze einem Chip-Ball hinterherrennen werden. Aber vielleicht bleiben das auch nur kühne Träumereien einiger Visionäre.

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