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Fußball-Bundesliga : Niedergang am Niederrhein: Eine Sache für Borussen

  • -Aktualisiert am

Kontinuität als Maxime, Aktionismus in der Realität: Präsident Rolf Königs Bild: imago

Die Mönchengladbacher Borussia bedient sich in Krisenzeiten nur zu gerne alter Namen. Mit diesem Konzept der Vergangenheitsbewältigung kommt die Klubspitze aber schon seit einigen Jahren nicht voran. Eine Analyse von Richard Leipold.

          Borussia Mönchengladbach als Auffangbecken der Gescheiterten und Erfolglosen: Natürlich ist es nicht so. Aber wer diesem Klub Böses wollte - doch wer will das schon bei dieser ruhmreichen Geschichte? -, könnte zu dieser Einschätzung gelangen.

          Die schiere Zahl der sportlich Verantwortlichen weist Gladbach als einen Skandalklub der Moderne aus - in der jedoch alles glattgebügelt und verbal so verfremdet wird, dass selbst notorischer Misserfolg noch ein freundliches Antlitz bekommt. Zwei Tage vor dem Heimspiel an diesem Samstag gegen Hertha BSC Berlin ist Christian Ziege als neuer Sportdirektor eingesetzt worden, als Nachfolger des glücklosen Peter Pander, der vor zwei Jahren erst das Borussen-Urgestein Christian Hochstätter abgelöst hatte.

          Kontinuität nur im Wechsel

          Für Ziege ist die Berufung „eine große Ehre“. Nach einer veritablen Spielerkarriere mit den Stationen München, Mailand und Middlesbrough war der 72-malige Nationalspieler in Mönchengladbach, beim vermeintlich vierten großen „M“ seiner Karriere, nach allerlei langwierigen Verletzungen scheinbar gestrandet.

          Königs' jüngster Personalwechsel: Christian Ziege ist auf einmal Manager

          Doch an den Gestaden der Borussia ergibt sich immer eine Vakanz. Mögliche Kandidaten brauchen nicht einmal sonderlich viel Geduld aufzubringen. Seit dem Wiederaufstieg in die erste Bundesliga 2001 wechselt der Trainer im Durchschnitt jedes Jahr, der Manager alle zwei Jahre. Was den mächtigen und wirtschaftlich auch kompetenten Präsidenten Rolf Königs aber nicht daran hindert, bei jedem Personalwechsel Kontinuität als oberstes Gebot auszurufen.

          Der siebte Trainer in vier Jahren

          Kontinuität gilt quasi als Politikziel des Vereins, auch wenn in der Realität nicht einmal kleine Anzeichen auf einen Erfolg hinweisen. Der aktuelle Fußball-Lehrer Jos Luhukay ist der siebte Trainer, der sich im Zeitraum von vier Jahren an der Borussenmannschaft versucht. Seine Vorgänger Hans Meyer, Ewald Lienen, Holger Fach, Dick Advocaat, zweimal Horst Köppel und Jupp Heynckes gaben auf oder wurden entlassen.

          Sportdirektor Ziege gibt sich dem letzten Tabellenplatz und der eigenen Vita nach seiner Spielerkarriere entsprechend kleinlaut. Er wolle „Tag und Nacht lernen“, um seinen neuen Aufgaben gerecht zu werden. Viel Erfahrung hat er nicht - um genau zu sein: gar keine. Seit Saisonbeginn war Ziege Betreuer der B-Jugend von Borussia Mönchengladbach. Die Verantwortlichen denken sich immer neue Formulierungen aus, die eine wunderbare Zukunft für „das Business“ verheißen sollen, wie Königs den Fußball nennt. Ziege stehe einem „Team junger, erfolgshungriger Männer vor“, sagt der erste Mann des sportlich an der Schwelle zur zweiten Liga stehenden Tabellenletzten.

          Grashoff ist längst Geschichte

          Zehn Trainer und Manager in vier Jahren: Kontinuität war einmal. Helmut Grashoff, einst der Inbegriff des Bundesligamanagers, wirkte in Mönchengladbach, als wäre es ein Job auf Lebenszeit. Die Borussia brauchte in der Bundesliga zwei Jahrzehnte, bis in Wolf Werner im Herbst 1989 der erste Cheftrainer entlassen wurde. Das war noch zu jenen Zeiten, als Gladbach als sportlicher und gesellschaftlicher Gegenentwurf zum Münchner Establishment galt, nicht so proletarisch angehaucht wie Schalke 04 oder Borussia Dortmund, die lange Zeit auch das Zeug dazu hatten.

          Inzwischen gibt es in der kruden Personalpolitik des Klubs nur noch eine Konstante: den Rückgriff auf alte Borussen - wenn irgendwie möglich. Die meisten Trainer der vergangenen Jahre passten jedenfalls in dieses Profil und auch der neue Manager Ziege. Wenn schon jemand auserwählt ist zu scheitern, dann, bitte schön, ein Borusse alter oder neuer Schule. Selbst der aktuelle Cheftrainer Luhukay war ja nicht als „Nachfolger“ verpflichtet worden, sondern als Assistent, der später aus den eigenen Reihen befördert werden konnte.

          Vorstand verzichtet auf Effenberg - vorerst

          Auch Stefan Effenberg, einer der Provokateure des deutschen Fußballs, hätte in das Gladbacher Profil der alten Schule gepasst, zumal er die Borussen als Spieler, in der Blüte seiner Laufbahn, schon einmal vor dem Abstieg gerettet hat. Aber sie haben ihn nicht genommen, die Gladbacher Verantwortlichen, die in letzter Zeit ziemlich verantwortungslos handelten.

          „Ich habe Präsident Königs aus Florida angerufen und ihm meine sofortige Hilfe angeboten“, sagt Effenberg. Er könne nicht verstehe, warum es nicht geklappt habe. „Sie bekommen mich auf dem Silbertablett serviert und treten es mit Füßen.“ Bei aller Liebe zum Klub zweifele er am Fußball-Sachverstand der Verantwortlichen. Vielleicht wird Effenberg, der Weitgereiste, dem Gladbacher Vorstand eines Tages dankbar sein.

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