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Fußball : Bomba, Kaisa, Kahn

  • -Aktualisiert am

Oliver Kahn auf Werbetour in Tokio Bild: AP

Der deutsche Fußball macht Fans und Vermarktern in Japan momentan wenig Freude. Für die Fangemeinde zählt nicht nur das Können, sondern auch der Sex-Appeal. Und da schneiden die Deutschen schlecht ab.

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          Vor dem Glaspalast des Privatsenders TV Asahi steht eine kleine Gruppe japanischer Fußballfans und schwenkt emsig deutsche Fähnchen. Das ist ein ungewöhnliches Bild inmitten der neuen Prachtbauten von Roppongi Hills, dem jüngsten architektonischen Wahrzeichen der Hauptstadt. Die Aufmerksamkeit gilt Oliver Kahn, "Torhüter Nummer 1 der Welt", wie es in der Presseerklärung des Fernsehsenders heißt. Lächelnd winkt Kahn der Menge zu. Er sei "so froh", wieder in Japan zu sein.

          Dabei dürfte seine Erinnerung an die WM 2002 nicht ungetrübt sein, im letzten Spiel, im Finale, lehnte er zum Schluß deprimiert am Pfosten, geschlagen von Brasilien. Doch auch als Zweiter kann man in Japan ordentliche Werbegagen einnehmen - wenn man Kahn heißt. Jetzt spricht der in Japan populärste Spieler der deutschen Nationalmannschaft von "vielen guten Erinnerungen" und hofft auf eine Zusammenarbeit, von der beide Seiten profitieren. Er hat gerade einen Werbevertrag mit TV Asahi abgeschlossen, soll die Galionsfigur für eine Kampagne geben, ein Blickfang für japanische Fußballfans.

          Kein Straßenfeger

          Aus der Popularität von Kahn in Japan ein Faible für die deutsche Bundesliga abzuleiten wäre allerdings eine Fehleinschätzung. Fußball made in Germany ist in Nippon kein Straßenfeger. Die Vorstellungen einiger Fußball-Funktionäre, den Markt im Fernen Osten mir nichts, dir nichts erobern zu können und damit ein wenig ausländisches Geld in die leeren Kassen zu bringen, wirken aus japanischer Sicht realitätsfern. Dabei reichen die Beziehungen zwischen deutschem und japanischem Fußball weit zurück, sahen die japanischen Spieler in Deutschland doch einst ihre Lehrer und Vorbilder.

          Mit der Hilfe Dettmar Cramers errang Japan 1968 in Mexiko seinen größten internationalen Erfolg, olympische Bronze. Hennes Weisweiler, der enge Kontakte zu Japan unterhielt, trug entscheidend dazu bei, daß Yasuhiko Okudera - als erster Japaner - in der Bundesliga spielte. Die Ära des erfolgreichen deutschen Fußballs ist bis heute mit zwei Namen verknüpft: "Bomba" Gerd Müller und "Kaisa" Beckenbauer. Bis in die achtziger Jahre hielt sich der Ruf, galt der deutsche Fußball als nahezu konkurrenzlos. Und obwohl es die JLeague, Japans Profiliga, noch nicht einmal gab, kooperierten die Verbände eng miteinander.

          Kein attraktives Spiel

          Ältere Fußballanhänger oder Funktionäre mögen noch vom deutschen Fußball schwärmen, in dem sie typisch deutsche Eigenschaften vereinigt sehen: Durchhaltevermögen, Kampf- und Teamgeist. Doch für die Jungen, die heutige Generation der Fans und Zuschauer, gilt das längst nicht mehr. Deutscher Fußball ist nicht populär. Und schlimmer noch: Er gilt als eintönig, langweilig. "Ohne besonderen Charakter, der das Publikum begeistert", sagt der Fachmann Yuichi Akatsu vom öffentlich-rechtlichen Fernsehsender NHK.

          "Fantasista" nennen Kommentatoren phantasievolle Fußballspieler - eine Ehre, die keinem Deutschen zuteil wird. Diese Einschätzung bekräftigt auch Nobuyuki Hirano, Fußball-Experte bei der größten japanischen Werbeagentur Dentsu: "Das Image des deutschen Fußballs ist stark und stabil, aber ganz sicher nicht aufregend. Verglichen mit italienischem und spanischem Fußball zeigen die Deutschen kein attraktives Spiel, obwohl ihre Technik sehr gut ist." Unter dem Gesichtspunkt des Marketing sei der "Wert" des deutschen Fußballs in Japan gering.

          Publikumsliebling Beckham

          Höher im Rang stehen Engländer, Italiener und Spanier, zumal letztere jetzt mit Publikumsliebling Beckham trumpfen können. Für die Fangemeinde zählt nicht nur das Können, sondern auch der Sex-Appeal. Die Sympathie für den traurigen WM-Helden Kahn und seine tragische Niederlage fällt in eine andere Kategorie - und überträgt sich nicht auf seine Teamgefährten. Doch es geht um mehr als Starqualitäten. Auch in Japan wird wahrgenommen, daß in europäischen Wettbewerben die Deutschen nicht mehr Spitze sind.

          "Zudem fehlt es dem deutschen Fußball in Japan an Präsenz", sagt Hans-Günther Krauth, langjähriger Beobachter der japanischen Fußballszene. "Bundesligamannschaften kommen nicht nach Japan, die Bundesliga hat aus den alten guten Kontakten nichts gemacht. Es gibt einen ersten Ansatz, die Initiative von Bayern München, in Kooperation mit Adidas, die Japan-Präsenz zu intensivieren. Aber das kommt verspätet und reicht nicht aus." Noch nie hat eine deutsche Nationalmannschaft gegen eine japanische Nationalmannschaft gespielt. Dies zumindest soll sich im Dezember ändern.

          Vernachlässigte Beziehungspflege

          Die Folge der vernachlässigten Beziehungspflege sind unwissende Fans, die sich, so Werbefachmann Hirano, "unter deutschem Fußball rein gar nichts vorstellen können". Diejenigen, die in Japan nach deutschem Fußball suchen, werden beim Privatsender "Wowow" fündig. Neben Spielen der spanischen Liga überträgt er am Wochenende auch Bundesliga. Er hat die Rechte für die Live-Übertragung von zwei Partien, eine ist immer mit Hamburger Beteiligung, denn beim HSV spielt der japanische Fußballstar Naohiro Takahara.

          Deutsche Spieler und deutsche Trainer sind in Japan schon lange nicht mehr erste Wahl. Die letzten Nationaltrainer wurden aus Brasilien und Frankreich rekrutiert. Jetzt aber kommt immerhin Weltmeister Guido Buchwald zurück, nicht als Spieler, sondern als Fußballehrer der Urawa Reds. Als Cotrainer wurde der Deutsche Gert Engels verpflichtet, ein kluger Schachzug, denn er ist ein Kenner des Landes und der Sprache. Weder die neue Trainerkonstellation noch eine Verlegung von Bundesligaspielen zugunsten japanischer Sendezeiten werden freilich deutschen Fußball über Nacht populärer machen. Der Werbemanager von Dentsu empfiehlt, nicht ganz uneigennützig: Werbung, Promotion, Marketing. Dafür sei das "Deutschlandjahr" in Japan 2005 eine gute Gelegenheit.

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