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Pasolini zum Hundertsten : Fußball als Weltflucht – und als Befreiung

Spiel unter Freunden: Pier Paolo Pasolini 1971 in der Nähe von Rom Bild: Getty

Pier Paolo Pasolini wandte sich Zeit seines Lebens gegen die intellektuelle Verachtung des Sports. Ein Buch zu seinem 100. Geburtstag zeigt den Regisseur als Fan und Fußballphilosophen.

          3 Min.

          Er war Lyriker, Romancier, Drehbuchautor, Filmregisseur, häretischer Kommunist und der brillanteste, provokanteste politische Publizist seiner Generation in Italien: Pier Paolo Pasolini. Und auch ein, wie er selbst sagte, „Fußballbegeisterter“. Dass er in rot-blauer Bettwäsche geschlafen hat, ist zwar nicht überliefert. Doch im Elternhaus seiner Mutter in Casarsa della Delizia, wo er die Schulferien verbrachte, waren die Wände seines Zimmers in den Farben „meines Herzensvereins“ gestreift. Als die Immobilie nach langem Leerstand 1993 von der Region Friaul erworben wurde, um hier ein Studienzentrum einzurichten, kamen sie unter mehreren Schichten Putz zum Vorschein. Im Centro Studi Pier Paolo Pasolini kann der Raum besichtigt werden.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Der Freibeuter Pasolini war zeit seines Lebens Anhänger des FC Bologna, aber nicht, wie er erklärte, weil er in der Universitätsstadt geboren wurde, sondern weil er hier seine Fußball-Initiation hatte: Als Gymnasiast und Student kickte er auf den Wiesen von Caprara im Nordwesten der Stadt. Diese Nachmittage hat er später als die schönsten seines Lebens bezeichnet.

          Nicht nur ein leidenschaftlicher Tifoso

          Die Rot-Blauen („Rosso-Blu“) haben ihre „goldenen Zeiten“: Zwischen 1929 und 1941 gewinnt der FC Bologna viermal die Meisterschaft, und als die Mannschaft 1937 vom Fußballturnier der Weltausstellung in Paris, wo sie im Endspiel den FC Chelsea 4:1 geschlagen hat, heimkehrt und auf dem Bahnhofsvorplatz empfangen wird, schwänzt Pasolini die Schule. „Nur ein einziges Mal habe ich ihn wirklich stinksauer gesehen“, erinnert sich Franco Citti, der in Pasolinis Film „Accattone“ die Hauptrolle spielt: „Das war, als wir zum Match AS Roma gegen Bologna ins Olympiastadion gegangen sind und sein Verein 4:1 verloren hat.“

          Valerio Curcio: „Der Torschützenkönig ist unter die Dichter gegangen. Fußball nach Pier Paolo Pasolini.“ Mit einem Vorwort von Moritz Rinke. Edition Converso, Karlsruhe 2022, 192 S., Abb., geb., 20 Euro.
          Valerio Curcio: „Der Torschützenkönig ist unter die Dichter gegangen. Fußball nach Pier Paolo Pasolini.“ Mit einem Vorwort von Moritz Rinke. Edition Converso, Karlsruhe 2022, 192 S., Abb., geb., 20 Euro. : Bild: Edition Converso

          Doch Pasolini ist nicht nur ein leidenschaftlicher Tifoso, seine Verbindungen mit dem Fußball sind vielseitig. Der 1992 geborene Journalist Valerio Curcio zeichnet sie in seinem Buch „Der Torschützenkönig ist unter die Dichter gegangen“, das nun zu Pasolinis hundertstem Geburtstag erscheint, akribisch nach. Neben dem Fußballfan stellt er den Fußballspieler, den Fußballerzähler, den Fußballreporter und den Fußballphilosophen Pasolini vor: ein Mosaik aus fünf Kapiteln, das nicht in der Vergangenheit stehen bleibt, sondern auch reflektiert, wie der scharfe Kritiker der Konsumgesellschaft heute, fast fünfzig Jahre nach seiner (nicht abschließend aufgeklärten) Ermordung 1975 in Ostia, wohl zur totalen Kommerzialisierung des Fußballs stehe würde.

          Pasolinis Karriere als Spieler führt ihn nach den Bologneser Anfängen in eine Jugendmannschaft nach Casarsa, wo er einen Verein für Kunst und Sport gründen will, und weiter nach Rom, wo er mit den Halbwüchsigen auf den Schotterplätzen der Barackensiedlungen am Stadtrand kickt. Mit der „Nazionale dello spettacolo“, der Nationalmannschaft der Film- und Theaterleute, für die er mit der Nummer elf auf dem Rücken als Linksaußen aufläuft, ist der virtuose Dribbler in ganz Italien unterwegs und spielt 1971 im Stadio Flaminio gegen eine Altherrenauswahl von AS Rom und Lazio. Sein Filmteam von „Die 120 Tage von Sodom“ führt er 1975 gegen den Cast von Bernardo Bertoluccis „1900“.

          Verachtung vieler Intellektueller

          So intensiv der Fußball Pasolinis Leben begleitet, in seinem literarischen und filmischen Werk kommt er nur am Rande vor. In den Romanen „Ragazzi di vita“ und „Una vita violenta“ gehört er zum Alltag der Vorstadtjungs, deren Spiel der Körper auch eine Demonstration und Ausdruck von Erotik ist, „ein“, so Dacia Maraini, die eng mit ihm befreundet war, „symbolisches Liebesspiel mit den Jungen, die einen Zauber auf ihn ausübten“. Als Sportreporter tritt Pasolini nur zweimal in Erscheinung: 1957 berichtet er für die „L’Unità“ über das Derby AS gegen Lazio, 1960 sind die Olympischen Spiele (und wie sie von der Gesellschaft aufgenommen werden) Thema seiner Kolumne in einer Wochenzeitung.

          Vehement wendet sich Pasolini gegen die Verachtung vieler Intellektueller, die den Fußball als flüchtige Unterhaltung abtun, die die Massen verdummt und ihre revolutionären Energien fehllenkt: „Die zwei Stunden Mitfiebern (Aggression und Verbrüderung) im Stadion sind befreiend: auch wenn darin aus Sicht einer politischen Moral oder moralistischen Politik eine Verweigerungshaltung oder Weltflucht zum Ausdruck kommt.“ In einem der Interviews antwortet Pasolini auf die Frage, was ihn „unterm Strich am Fußball fasziniert“: „Der Fußball ist das letzte sakrale Schauspiel unserer Zeit. Er mag der Zerstreuung dienen, doch im Kern handelt es sich um einen Ritus. Während andere sakrale Schauspiele, selbst der Gottesdienst, bereits im Niedergang begriffen sind, ist uns der Fußball als einziges geblieben. Er hat den Platz des Theaters eingenommen.“

          Die Literatur über Pasolini füllt Regale, allein in Deutschland kommt zum hundertsten Geburtstag ein knapper Meter hinzu. Dieses kleine Buch zeigt ihn von einer neuen Seite.

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