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Fußball-Aktionäre : Alle Macht den Fans

  • -Aktualisiert am

Fans oder Aktionäre oder beides? Bild: AFP

Per Mausklick führen Fußball-Begeisterte den englischen Klub Ebbsfleet United. Fortuna Köln ist die bescheidenere deutsche Variante. Während die Fortuna-Aktionäre nur über Vereinslied und Maskottchen abstimmen, kann der Teilhaber in England über die Aufstellung entscheiden.

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          Mit einem Mausklick segnet Andreas Lautsch den Spielertransfer ab. Der Stürmer kann für 175.000 Euro Ablöse den Verein verlassen. Der Frankfurter spielt kein billiges Fußball-Managerspiel am Computer, sondern führt zusammen mit 30.000 anderen Fußball-Begeisterten den englischen Verein Ebbsfleet United. Ganz real.

          Milliardäre wie Roman Abramowitsch beim FC Chelsea und Sulaiman El Fahim bei Manchester City bestimmen den englischen Fußball. Fans, die Klubs managen, besitzen dagegen einen Verein wie Ebbsfleet aus der fünften Liga - und sie ticken auch anders.

          Für 44 Euro ist man dabei

          Vor knapp einem Jahr wurde Ebbsfleet United zum Verein für alle: Für 44 Euro kann jeder dabei sein. Seit April gibt es ein ähnliches Projekt in Deutschland. Der Regisseur Sönke Wortmann hat die deutsche Variante initiiert und Fortuna Köln als Partner gewonnen. Etwa 9000 Personen wollen bisher mitmachen. „Ich bin überzeugt, dass solche Modelle immer mehr aufkommen“, sagt Klaus Ulonska, Präsident der Fortuna. Die Projekte greifen die Sehnsucht der Fans nach Mitbestimmung auf.

          Fortuna-Vorstand Ulonska
          Fortuna-Vorstand Ulonska :

          Die Manager bei Ebbsfleet kommen aus 112 Ländern, etwa 400 Deutsche machen mit. Sie können sich mit einem Passwort auf der Internetseite des Vereins einloggen und über Transfers, Stadion-Eintrittspreise und sogar über die Aufstellung des Teams abstimmen. Als ein Spielzeug betrachten die wenigsten den Verein, der rund 100 Kilometer östlich von London beheimatet ist. „Es ist cool, seinen eigenen Klub zu haben, aber jetzt sind wir für die Menschen dort auch verantwortlich“, sagt Andreas Lautsch. Die fünfte Liga ist in England eine landesweite Profiliga, Ebbsfleet liegt auf Rang sechs, es läuft sportlich gut. Im Mai gewann „The Fleet“ die FA-Trophy, den Pokalwettbewerb der fünft- bis achtklassigen Teams - Lautsch war beim 1:0-Finalerfolg im Wembleystadion.

          Aufstellen sollten nur die, die vor Ort sind

          Der 25 Jahre alte Software-Entwickler macht nicht bei allen Online-Abstimmungen mit. Aufstellen sollten nur die, die vor Ort seien, findet er. „Wenn ein Spieler private Probleme hat und deshalb schlecht spielt, krieg' ich das nicht mit.“ Nur vier Prozent der Besitzer machen bei der Aufstellung ihren Einfluss geltend.

          Zehnmal so viele beteiligten sich, als es um ermäßigte Eintrittspreise für Jugendliche ging oder eben beim Verkauf des 19 Jahre alten Stürmers John Akinde. Im Vereinsforum wurde heftig diskutiert, am Ende gab es aber eine breite Mehrheit: 82,3 Prozent stimmten dafür, den besten Torschützen zum Zweitliga-Klub Bristol City ziehen zu lassen. „Wir wollten einem so talentierten Spieler nicht den Weg nach oben verbauen“, sagt Lautsch. Kein Zweifel: Das Modell hat Charme.

          United of Manchester als Gegenversuch

          Aktiv wurden Fans auch in Manchester. Als der amerikanische Geschäftsmann Malcolm Glazer Manchester United übernahm, gründeten Fans im Sommer 2005 den FC United of Manchester. „Aus Protest, weil wir Fans nur noch als Geldquelle angesehen werden“, sagt Charlie Clark. Der 39 Jahre alte Brite lebt seit 10 Jahren in Düsseldorf, ist aber in Manchester geboren und hat sich gleich zu Beginn „Little United“ angeschlossen.

          In der untersten Liga gestartet, hat sich der FC United durch drei Aufstiege in Serie in die siebte Liga hochgearbeitet. Der Gründung des Vereins durch Fans folgte aber keine generelle Fanmitbestimmung. „Wir wollen nicht regieren“, sagt Clark. Etwa 2500 Zuschauer kommen zu den Spielen, die Fans genießen ihre kleine, heile Welt - mehr wollen sie nicht. „Das Rad des großen Fußballs können wir nicht mehr grundlegend zurückdrehen“, sagt Clark. (siehe auch: Video: Der Volksaktien-Fussballclub und 20.000 Fans übernehmen FC Ebbsfleet United - ein Interview)

          In Köln wird online nur über Vereinshymne oder Maskottchen abgestimmt

          Die Übernahme eines Klubs durch Fans ist in Deutschland unmöglich. Die „50+1-Regel“ besagt, dass private Investoren einen Verein nicht mehrheitlich besitzen dürfen. Andreas Lautsch hat daher kein Interesse an Fünftliga-Klub Fortuna Köln: „Richtige Entscheidungsmacht kann es für uns dort nicht geben.“ Die traditionelle Mitgliederversammlung hat das letzte Wort. „Wenn die Internetgemeinschaft unsere Vereinsfarben ändern wollte, würde es Stress geben“, sagt Matthias Langer vom Fortuna-Fanklub „SchängGäng“. Er ist Vereinsmitglied, hat aber für 39,95 Euro auch seine Internetmitbestimmung beantragt.

          Zurzeit wird online nur über Dinge wie die Vereinshymne, das Maskottchen oder den Namen der Vereinszeitung abgestimmt. Im Sommer stockte das Projekt. Erst seit Ferienende steigt die Zahl der angemeldeten Personen wieder kontinuierlich. „Die Geschichte wird zum Erfolg führen“, sagt Ulonska.

          (siehe auch: „Managerspiel“ bei Fortuna Köln: Per Mausklick gegen Inter Mailand)

          „Wir werden also ein schönes Nischenprojekt bleiben“

          Der Fortuna-Präsident will die Teilnehmer nun überzeugen, dass das Geld schon an den Verein fließt, wenn sich 15.000 angemeldet haben und nicht erst wie geplant bei 30.000. „Denn wir wollen schnell rauf bis in die dritte Liga“, sagt Ulonska. Dazu braucht er Geld für neue Spieler. Bisher hat das Projekt dem Verein zumindest Aufmerksamkeit beschert. Statt einigen hundert kommen zwischen 1000 und 3500 Zuschauer.

          Während Ulonska die Vereinsführung durch Fans sogar in der ersten oder zweiten Liga für denkbar hält, ist Lautsch skeptisch. Ganz oben auf der Wunschliste der Fangruppe, die schließlich Ebbsfleet übernahm, stand der Premier-League-Klub FC Everton. Aber wenn es um solche Vereine gehe, bestehe die Gefahr, dass sich Gegner einkaufen und schädliche Entscheidungen treffen würden, sagt Lautsch. „Wir werden also ein schönes Nischenprojekt bleiben.“

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