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Fußball : Afrika-Cup: Turnier für Wettbetrüger

Unantastbarer Star: „Sie kämen nie auf die Idee, einen Drogba zu fragen, ob er einen Elfmeter verschießt.” Bild: AP

Erst Benin, dann Namibia: Die Bestechungsversuche beim Africa-Cup konzentrieren sich auf schwächere Teams mit Spielern, die längst nicht ausgesorgt haben. Die Betrüger kämen nie auf die Idee, einen Drogba zu fragen, ob er einen Elfmeter verschießt.

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          Oliver Risser sieht auf den ersten Blick aus wie ein lohnendes Ziel. Der Mann aus Namibia, einem Land, in das seine Vorfahren in der Kolonialzeit von „Deutsch-Südwest“ auswanderten, schlägt sich seit sieben, acht Jahren als Amateurkicker in Deutschland durch, zuletzt als Kapitän beim Bonner SC. Man trennte sich allerdings im Streit letzten Sommer, seitdem ist Risser vereinslos.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Der Mittelfeldspieler hält sich als Gast bei den Schalker Amateuren, wo auch sein Bruder spielt, in Form - und als Nationalspieler von Namibia. Beim Afrika-Cup bot der arbeitslose Kicker mit den von manchen als „Wüstenfußballer“ belächelten Landsleuten eine beachtliche Leistung, als sie Gastgeber Ghana einen Schrecken einjagten und beim 0:1 dem Ausgleich mehrfach nahe waren.

          „Man bot ihnen die Hälfte als Vorschuss“

          Vor dem letzten Vorrundenspiel an diesem Montag ist Namibia vom Trainer des Gegners Guinea mit Burundi verwechselt worden. Andere aber haben genauer hingeschaut und offenbar gefunden, dass Namibia, mit einigen Amateuren oder gar arbeitslosen Kickern wie Risser, ihnen nützlich sein könnte. Am Samstag gab der Präsident des namibischen Verbandes, John Muinjo, bekannt, dass Spielern seines Teams jeweils bis zu 30.000 Dollar geboten worden sein sollen, um gegen Guinea ein bestimmtes Resultat zu erzielen. „Man bot ihnen die Hälfte als Vorschuss“, so Muinjo, „sagte ihnen aber, dass sie während des Matches in der Lage sein müssten, das Ergebnis gemäß den Instruktionen des Syndikats zu manipulieren.“

          Benins Trainer Reinhard Fabisch: „Wenn so was passiert, können wir den Laden zumachen”
          Benins Trainer Reinhard Fabisch: „Wenn so was passiert, können wir den Laden zumachen” : Bild: AP

          30.000 Dollar sind für einen Samuel Eto'o oder Didier Drogba nicht einmal ein Tagessalär, für andere Teilnehmer am Afrika-Cup aber ein Vermögen. Die Namibier gingen trotzdem nicht darauf ein - und das, obwohl sie praktisch keine Chance mehr haben, sonst noch etwas mitzunehmen aus diesem Turnier. Sie meldeten das unmoralische Angebot, nun ermittelt der Afrikanische Fußballverband. Risser will über Details nicht reden, nur so viel: „Es wäre schlimm, wenn im Sport auch noch das letzte bisschen Ehrlichkeit vor die Hunde ginge.“

          „Mister Wilkinson“ kam rasch auf den Punkt

          Es ist bereits der zweite Bestechungsversuch bei dem Turnier. Den ersten hatte Reinhard Fabisch gemeldet, der deutsche Trainer von Benin. Ein „Mister Wilkinson“ habe sich ihm im Teamhotel als Mitarbeiter einer Agentur aus Singapur vorgestellt, die in der Lage sei, Fußballspiele in Afrika zu manipulieren. Er kam rasch auf den Punkt - man suche Spieler, am besten Torhüter und Abwehrspieler, die gegen Bezahlung gefällig seien.

          Um zum Beispiel Geld zu verdienen mit Wetten auf den ersten Torschützen. Fabisch machte diesen „direkten Bestechungsversuch zwei Tage vor dem ersten Spiel“ sofort öffentlich (Benin verlor tags darauf gegen Mali 0:1) und erklärte sich bereit, gegenüber dem Verband „Ross und Reiter zu nennen“, auch mit einer eidesstattlichen Erklärung.

          Berti, die Elfenbeinküste und Gott

          „Wenn so was passiert, können wir den Laden zumachen“, sagte Fabisch nach dem 1:4 gegen die Elfenbeinküste - mit dem sich der Favorit als erstes Team fürs Viertelfinale qualifizierte, während Nigeria mit Trainer Berti Vogts nach dem 0:0 gegen Mali bangen muss. Sollte die Elfenbeinküste nun Mali mit einer zweiten Auswahl einen Punkt schenken, wäre Nigeria ausgeschieden. „Ich habe nur eine Hoffnung“, sagte Vogts und verzählte sich: „Die Elfenbeinküste und Gott.“

          Andere, denen es nicht um Sport, sondern um Geld geht, verlassen sich offenbar nicht auf Hoffnung, sondern auf Kaufkraft. Nach Fabischs Einschätzung hätten die Betrüger „hier drei, vier Teams auf dem Kieker, sie suchen sich Mannschaften, die nicht reich sind. Sie kämen nie auf die Idee, einen Drogba zu fragen, ob er einen Elfmeter verschießt.“ Anders als etwa bei einer Europameisterschaft gibt es bei der Afrikameisterschaft immer noch Spieler, die nicht mindestens hohe sechsstellige Euro-Beträge im Jahr verdienen.

          Rätselhafte Häufung von haarsträubenden Missverständnissen

          Die Niederlage eines Favoriten brächte zwar Wettbetrügern bessere Quoten, wäre aber teurer und riskanter. Bei den Niederlagen der Außenseiter wird versucht, präzise auf bestimmte, das heißt: vorbestimmte Ereignisse zu wetten, Elfmeter etwa oder die Zahl der Gegentore. Vor diesem Hintergrund ließ auch die rätselhafte Häufung von haarsträubenden Missverständnissen zwischen dem Torwart und den Abwehrspielern Sambias beim 1:5 gegen Kamerun am Samstag manchen ins Grübeln geraten, auch Sambias Trainer Patrik Phiri: „Kamerun hatte Glück, wir haben alle Tore für sie vorbereitet“, sagte er. „Dafür habe ich keine Erklärung.“

          Hoffentlich findet er auch keine, jedenfalls keine unsportliche. „Im Sport“, glaubt Fabisch, „passieren schon genug Schweinereien.“ Laut Anthony Yeboah passieren sie schon lange. Bei den Afrika-Cups, die der frühere Bundesliga-Torschützenkönig als Nationalspieler Ghanas erlebte, seien die Avancen aus Südostasien an der Tagesordnung gewesen, bis hinunter zu Testspielen mit der Juniorenauswahl (dem damaligen B-Team). „Diese Leute schmeichelten sich ein, machten den Spielern Geschenke, und später wollten sie etwas dafür.“

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