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Nationalmannschaft : Für Löw ist alles in Ordnung

Wozu die ganze Aufregung: Bundestrainer Joachim Löw lacht in sich hinein. Bild: dpa

Der Allerallerpünktlichste ist der Bundestrainer nicht: Bei seiner Pressekonferenz erklärt er seine Personalentscheidungen und die Pläne für die Zukunft.

          Joachim Löw kam in Eile. Eine Verspätung der Bahn hatte seinen Zeit- und Reiseplan am Freitagmorgen durcheinandergebracht, weshalb der Bundestrainer von der Schiene auf die Straße umgestiegen war, um halbwegs pünktlich aus Freiburg nach Frankfurt zu kommen. Aber auch so traf er erst rund 40 Minuten nach der für 12.30 Uhr anberaumten Pressekonferenz in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ein. Auf dem Weg zum Podium schenkte sich Löw noch schnell einen Schluck Kaffee in ein Wasserglas, Tassen oder gar ein Espresso waren gerade nicht greifbar, dann legte er los.

          Es gab einiges für die Öffentlichkeit zu sortieren, die jüngere Vergangenheit mit der plötzlichen Außerdienststellung der drei Weltmeister Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller am Dienstag vergangener Woche, aber auch die Zukunft, den „neuen Zyklus“, der in der kommenden Woche mit dem Testspiel am Mittwoch (20.45 Uhr/ live im F.A.Z.-Länderspiel-Liveticker) in Wolfsburg gegen Serbien und dann am Sonntag mit dem Auftakt in die EM-Qualifikation in Amsterdam gegen die Niederlande (20.45 Uhr/ live im F.A.Z.-Länderspiel-Liveticker) beginnt.

          Ruhe und Richtlinienkompetenz

          Fast alles, was Löw zu diesen Themen zu sagen hatte, geschah auf eine Art und Weise, die in völligem Gegensatz zu der Hektik stand, in der er eingetroffen war – und genau das gewiss auch sollte. Der Bundestrainer versuchte Ruhe und Richtlinienkompetenz zu demonstrieren und sich von den Stürmen, die er selbst heraufbeschworen hatte, gänzlich unbeeindruckt zu zeigen. Beim Blick nach vorn war all das keine große Herausforderung.

          Für die beiden kommenden Spiele finden sich drei Neulinge in Löws 23-köpfigem Aufgebot, die Verteidiger Lukas Klostermann (RB Leipzig) und Niklas Stark (Hertha BSC) sowie der Mittelfeldspieler Maximilian Eggestein (Werder Bremen). Sie sollen – mit 22, 23 und noch einmal 22 Jahren – nicht nur für weitere Verjüngung stehen, wie Löw erläuterte, sondern mit ihren Qualitäten auch beitragen zur Verwirklichung eines modifizierten Spielstils: „Wir brauchen Spieler, die handlungsschnell und handlungssicher sind. Die schnelle Lösungen unter Druck finden können.“ Wobei er auch betonte, dass Ballbesitzfußball nicht tot, sondern beispielsweise in Manchester und Barcelona sehr lebendig und erfolgreich sei.

          Löw sieht keine Probleme mit Boateng, Hummels und Müller

          Um Fragen des Stils ging es am Freitag aber auch noch in anderer Hinsicht. Sie nahmen den überwiegenden Teil der rund vierzigminütigen Pressekonferenz in Anspruch. Und auch was das anging, vermittelte Löw den Eindruck, dass zumindest in seiner Fußballwelt alles in allerbester Ordnung sei – und ging dabei selbst mit der einen oder anderen kleinen Spitze in die Offensive. Die ganze Aufregung um Inhalt und Form seines Münchner Verabschiedungsbesuchs? Die verletzten Reaktionen der Spieler, insbesondere Müller? Die gepfefferte Reaktion der Bayern? Die Unruhe beim DFB, weil Löw noch nicht einmal Reinhard Grindel, seinen Präsidenten, persönlich informiert hatte?

          Es fiel auf, wie Löw gerade bei diesem letzten Punkt betonte, dass er in sportlichen Fragen „völlig autark“ entscheide und Grindel ja über Oliver Bierhoff informiert worden sei, wenn auch erst am Morgen seiner München-Reise. Diese schilderte Löw ansonsten als etwas, was in allerbester Absicht geschehen und noch nicht einmal schiefgelaufen sei – sondern allenfalls schief interpretiert. Von der Öffentlichkeit und den Medien wohlgemerkt, mit den Spielern, er nannte Boateng und Müller, habe er sich noch einmal telefonisch ausgetauscht – und das offenbar zur Zufriedenheit, zumindest seiner. „Grundsätzlich gibt es überhaupt keine Probleme, die unser Verhältnis belasten“, behauptete Löw.

          Warum dann gerade Müller selbst mit einer Nacht Abstand noch mit einem deftigen Videoreplik reagiert hatte, in der er beklagte, dass das „mit Wertschätzung nichts zu tun“ habe? Was das anging, sprach Löw von „Interpretationsjournalismus“, er hingegen wisse, worauf sich Müllers Aussagen bezögen und legte nahe: auf die Form der vermeintlich vorbereiteten Pressemitteilung, aber nicht auf Form und Inhalt des Gesprächs – was dann eher an Grindels als an Löws Adresse ging. Das klang angesichts der Deutlichkeit von Müllers Worten wenig überzeugend – es wird spannend sein, ob aus Sicht der Spieler noch einmal Näheres zu hören sein wird.

          Löw rechtfertigt sein Vorgehen

          Am Freitag musste man sich mit Löws Sicht begnügen, die er zum ersten Mal persönlich und im Detail schilderte. Ihm sei es „das Allerallerwichtigste“ gewesen, „ein persönliches, offenes, ehrliches Gespräch zu führen“, sagte der Bundestrainer. Diese Spieler hätten „Einmaliges geleistet“ und genössen seine „allerallergrößte Wertschätzung und Dankbarkeit“. Weshalb er auf keinen Fall habe riskieren wollen, dass die Nachricht von seiner Entscheidung, die erst vor zwei Wochen „endgültig“ gefallen sei, vorzeitig an die Öffentlichkeit gerate. „Ich hätte mich geschämt, wenn vorher etwas durchgedrungen wäre“, sagte er und man konnte sich fragen, ob der Hinweis auf den kleinen Kreis der Eingeweihten sich womöglich auch auf befürchtete Indiskretionen aus dem eigenen Haus bezog.

          An der Deutlichkeit seiner Aussagen in den Gesprächen mit Boateng, Hummels und Müller ließ er indes keinen Zweifel. Er habe „keinen Eiertanz“ gewollt und den Spielern gesagt, dass er „für die Qualifikation und die EM ohne sie plane“. Als Trainer, sagte Löw, habe er auch „harte Entscheidungen“ zu treffen, dies sei auch im Sinne der jungen Spieler geschehen: Um ihnen die Gelegenheit zu geben, sich in Ruhe zu entwickeln.

          Im Laufe des Vormittags war spekuliert worden, Löw könne die Endgültigkeit seiner Entscheidung relativieren. Das aber klang dann doch ganz anders, konsequenter: „Ich habe die Spieler nicht verbannt, aber ich plane ohne sie“, so seine Sprachregelung. Darin mochte man zwar streng genommen die Existenz eines Hintertürchens erkennen.  Löw machte aber überhaupt nicht den Eindruck, als habe er vor, dieses auch zu öffnen.

          Mehr Spielraum enthielten Löws Aussagen in einer anderen Frage: Wie es sich denn nun mit der Position im Tor verhalte. „Manuel Neuer ist aktuell unsere Nummer eins, unser Kapitän“, sagte Löw. Aber auch der müsse „bei uns Leistungen bringen“, fügte der Bundestrainer hinzu. „Marc-André ter Stegen, der mittlerweile genauso auf Weltklasseniveau agiert, wird seine Chancen bekommen. Die werde ich ihm einräumen, dann wird man sehen.“ Das klang zumindest nach Konkurrenz. Ob daraus im Fall der Fälle auch eine unbequeme Konsequenz folgt – das darf man sich nicht nur in München fragen.

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