https://www.faz.net/-gtl-7p804

FSV Mainz 05 : Tuchel reißt Gräben auf

Lange Zeit ein Team in Mainz: Nikolce Noveski und Thomas Tuchel (r.) Bild: REUTERS

Trainer Tuchel will schon seit Herbst nicht mehr. Der Verein steht noch im Mai verlassen da. Manager Heidel sagt: „Verträge werden bei Mainz immer eingehalten“, muss aber erkennen: „Die Zusammenarbeit ist beendet.“

          3 Min.

          Als Thomas Tuchel am Samstagabend das wohl letzte Mal als Trainer von Mainz 05 die Arena in den Äckern vor den Stadttoren verließ, fragte ihn ein Fan fassungslos: „Machen Sie jetzt etwa ein Jahr Urlaub?“ Tuchel antwortete: „Ja, genau!“ Dann lächelte er und verabschiedete sich in Richtung der Saisonabschlussfeier des Fußball-Bundesligaklubs. Das Fest in einem Restaurant mit Blick auf den Rhein verlief in einer anderen Stimmung, als es dem Anlass einer Europapokalqualifikation angemessen gewesen wäre. Die Gräben, die Tuchels überraschende Bitte um Freistellung von seiner eigentlich bis Juni 2015 vertraglich befristeten Aufgabe aufgerissen haben, sollen auch dort sichtbar gewesen sein.

          Um den 40 Jahre alten Coach sammelten sich seine treuen Weggefährten aus dem Trainerteam wie Assistent Arno Michels und Konditionstrainer Rainer Schrey, die wie Tuchel ihre Arbeit nicht mehr fortsetzen wollen. Der Vorstand saß für sich, und lediglich die Spieler gingen recht unbefangen mit der Situation um. Und so endete die Beziehung zwischen Mainz 05 und dem Trainer, der den Klub nach seiner Beförderung vom A-Juniorentrainer zum Chefcoach in den vergangenen fünf Jahren unter anderem zu einem Bundesliga-Startrekord mit sieben Auftaktsiegen und zwei Europapokal-Qualifikationen geführt hat, in höchst merkwürdiger Atmosphäre.

          Schon während des 3:2-Sieges gegen den HSV nach Toren von Elkin Soto (6. Minute), Yunus Malli (65.) und Shinji Okazaki (77.) sowie Gegentreffern von Pierre-Michel Lasogga (12.) und Ivo Ilicevic (85.) war das einzige Gesprächsthema im Pressebereich der bevorstehende Abschied des Trainers, kurz nach dem Abpfiff verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer auch unter den Fans, so dass die Qualifikation des Klubs für die Europa League zur Nebensache wurde. „Das tut mir am meisten leid, dass der außerordentliche Erfolg unserer Mannschaft völlig in den Hintergrund tritt“, sagte Manager Christian Heidel am Sonntag.

          Tuchel sah kein Weiterkommen

          Dann führte Heidel aus, wie es zu der überraschenden und erstaunlicherweise bis zuletzt im kleinsten Kreis geheim gehaltenen Entwicklung gekommen war. Tuchel habe ihn im Januar am Tag vor dem ersten Rückrundenspiel beim VfB Stuttgart von seinem Empfinden unterrichtet, seine Tätigkeit zum Saisonende beenden zu müssen. Wie Tuchel in einem später per Email versendeten Statement bestätigte, hatte der Trainer seit einer Negativserie im vergangenen Herbst das Gefühl, dass er die Mannschaft nur noch bis Saisonende weiterbringen könne. „Die Entscheidung, dass dies meine letzte Saison für Mainz 05 sein wird, war ein für mich persönlich notwendiger Schritt, um meine Spieler und mein Mitarbeiterteam weiter anzuführen“, schrieb Tuchel.

          Christian Heidel: „Stand heute ist die Zusammenarbeit beendet“ Bilderstrecke

          Heidel erteilte Tuchels Wunsch dennoch eine Absage mit Verweis darauf, dass der Klub die Kaderplanungen stets vor dem Hintergrund einer Zusammenarbeit mit Tuchel bis 2015 vorangetrieben habe. So hatte sich Mainz 05 im Januar dazu durchgerungen, den Südkoreaner Ja-Cheol Koo für eine Rekordablösesumme von rund fünf Millionen Euro zu verpflichten, weil Tuchel den Spieler unbedingt im Team haben wollte. Der Trainer sah darin aber offenkundig keinen hinreichenden Grund für eine Neubesinnung. „Meinem Wunsch nach einer einvernehmlichen Lösung ist seit Januar nicht entsprochen worden. Das bedauere ich sehr. Ich hoffe nach wie vor auf eine zeitnahe Lösung“, schrieb er am Sonntag.

          Ein strittiger Punkt zwischen den Klubs ist wohl, dass der Verein von Tuchel gerne einen Teil des branchenüblich bei der Vertragsunterzeichnung überwiesen Geldes zurückerhielte. „Die rechtliche Lage kann ich heute nicht abschließend bewerten. Wir werden das in aller Ruhe bereden“, sagte Heidel. „Wichtig ist, dass wir uns nachher in die Augen schauen können und nicht nur die letzten zwei Tage in Erinnerung bleiben.“

          Nachfolger gesucht

          Für dieses Ziel verzichtete Heidel, Tuchels Kontaktaufnahme mit Schalke 04 und Bayer Leverkusen moralisch zu bewerten, die der Fußballlehrer zeitgleich zu seinen Bitten um eine vorzeitige Beendigung der Zusammenarbeit ohne Wissen seines Arbeitgebers betrieben hatte. „Man kann sagen, dass das im modernen Fußball eben so ist. Wir waren aber trotzdem überrascht, was da so alles gelaufen ist“, sagte Heidel, der schon in Kürze einen Nachfolger präsentieren will.

          U23-Trainer Martin Schmidt, eine Option in Heidels Gedankenspielen, wird nach Informationen dieser Zeitung nicht befördert. Der ehemalige 05-Spieler und heutige Braunschweiger Trainer Torsten Lieberknecht dürfte nach seinen Treuebekenntnissen zum Absteiger nicht verfügbar sein.

          Das sagt Thomas Tuchel

          „Im Herbst vergangenen Jahres habe ich die Entscheidung getroffen, dass die Saison 2013/2014 meine letzte Saison als Trainer von Mainz 05 sein wird. In der damaligen, sportlich schwierigen Phase, stand ich für mich zum ersten Mal in meiner Trainerkarriere vor der Frage, ob ich zurücktrete um der Mannschaft einen neuen sportlichen Impuls von außen zu ermöglichen. Oder ob ich mir selber zutraue, als Trainer noch einmal alle Mittel auszuschöpfen um die Mannschaft zurück zum Erfolg zu führen.

          Bei der Beantwortung dieser Frage kam ich zu der Gewissheit, dass ich diesen Weg, mit dem hohen Anspruch den ich an mich selber stelle, in der laufenden Saison gehen kann, nicht jedoch über die Saison hinaus. Diese Entscheidung , dass dies meine letzte Saison für Mainz 05 sein wird, war ein für mich persönlich notwendiger Schritt, um meine Spieler und mein Mitarbeiterteam wieder positiv beeinflussen zu können, sie vorwärtsgerichtet zu coachen und auf unserem gemeinsamen Weg weiter anzuführen.

          Ich habe meine Entscheidung dem Verein im Januar vor dem Beginn der Rückrunde mitgeteilt. In keinem Gespräch mit einem Verantwortlichen von Mainz 05 habe ich um eine Freigabe für einen anderen Verein oder um die Auflösung meines Vertrages gebeten.

          Stattdessen habe ich immer eine einvernehmliche Lösung mit dem Verein angestrebt, mit dem Wissen, dass in jedem Fall eine vertragliche Bindung bis zum Sommer 2015 bestehen bleiben würde. Meinem Wunsch nach einer einvernehmlichen Lösung ist seit Januar ebenso wenig entsprochen worden, wie die Möglichkeit einer gemeinsamen öffentlichen Erklärung. Beides bedauere ich sehr. Ich hoffe nach wie vor auf eine zeitnahe Lösung.

          Auch in der vergangenen Saison wurde ich immer wieder von anderen Vereinen kontaktiert. Gespräche führten, entgegen anders lautender Spekulationen, niemals soweit, dass ich Verantwortliche von Mainz 05 um eine Freigabe oder gar um eine Auflösung meines Vertrages gebeten hätte. Auch habe ich niemals dem Verein gegenüber Wechselabsichten geäußert.

          Aufgrund des erfolgreichen Saisonverlaufs konnte ich die Entscheidung meiner Mannschaft erst nach dem gestrigen Spiel mitteilen. Ich hätte das gerne früher getan, wollte aber das Erreichen unserer sportlichen Ziele durch diesen Schritt nicht gefährden.

          Es fällt mir aufgrund der außergewöhnlichen Charaktere meiner Spieler, ihrer unglaublichen Hingabe für Training und Spiel wahnsinnig schwer bei meinem gefassten Entschluss zu bleiben. Trotzdem vertraue ich meiner Überzeugung und meinem Bauchgefühl als Trainer, dass ich den nächsten Entwicklungsschritt meiner Mannschaft nicht begleiten kann.

          Vor 5 Jahren bin ich mit der Vision angetreten, Mainz 05 mit einem wiedererkennbaren Spielstil nachhaltig in der Bundesliga zu etablieren und den Verein zu einer Top-Adresse für deutsche U21-Spieler zu entwickeln. Dieses ehrgeizige Ziel haben wir auch dank der teamorientierten Führungskultur im Verein und den gelebten sozialen Werten erreicht. Ich bedanke mich für das Vertrauen in meiner Zeit als U19 Trainer und Bundesligatrainer von Mainz 05 insbesondere bei allen Verantwortlichen und Fans des Clubs. Während dieser 6 Jahre habe ich jeden Tag versucht, dieses Vertrauen durch meine Arbeit zurückzuzahlen. Für die Zukunft wünsche ich dem Verein nur das Allerbeste.“

          Weitere Themen

          Gigantische Olympische Ringe Video-Seite öffnen

          Sommerspiele in Japan : Gigantische Olympische Ringe

          Die Installation ist 32,6 Meter breit und 15,3 Meter hoch. Sie soll in der Bucht von Tokio vor Anker gehen, in der Schwimm- und Triathlonwettbewerbe stattfinden. Die Olympischen Sommerspiele beginnen am 24. Juli.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.