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Fritz Becker : Ein Fußlümmel ohne Fehl und Tadel

DFB-Auswahl vor der Länderspiel-Premiere gegen die Schweiz mit dem Frankfurter Fritz Becker (2.v.l.) Bild:

Fritz Becker gelang vor hundert Jahren eine historische Tat: Der Frankfurter Fußballer schoss das erste Länderspieltor für den DFB gegen die Eidgenossen aus der Schweiz.

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          Fritz Becker wartete am Bahnsteig in Frankfurt und dachte nicht daran, welch eine historische Reise ihm bevorstand. Dass er für das erste offizielle Länderspiel des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) berufen wurde, hatte der Neunzehnjährige zunächst aus der Zeitung erfahren; erst drei Tage vor dem Spieltermin am 5. April 1908 erreichte ihn per Post die Einladung des DFB. Seine Mitspieler kannte Becker nicht, eine Fahrkarte für die Bahnreise nach Basel besaß er bis kurz vor der Abfahrt ebenfalls nicht. Er sei immer unruhiger geworden, bis schließlich ein älterer Herr schnaufend am Gleis erschien, „sind Sie das Beckerchen?“ fragte und ihm daraufhin ein Ticket in die Hand drückte, meinte sich der Spieler der Frankfurter Kickers, eines Vorgängerklubs der Eintracht, Jahrzehnte später zu erinnern.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Fritz Becker, der Oberprimaner aus Frankfurt, reiste daraufhin alleine zum Länderspiel gegen die Schweiz, lernte im Basler Hotel Metropol seine Mannschaftskollegen kennen und lief mit ihnen auf den Tag genau vor hundert Jahren am Sportplatz Landhof auf. Nach fünf Spielminuten drückte Becker einen abgefälschten des Karlsruher Mittelstürmers Fritz Förderer aus spitzem Winkel über die Linie und erzielte damit das erste offizielle Länderspieltor in der DFB-Historie. Der 1963 verstorbene Becker beschrieb seine historische Tat später so: „Der Schweizer Torwächter glaubte, nicht eingreifen zu müssen, unterschätzte dabei aber meine Geschwindigkeit, und ich konnte den Ball gerade noch ins Tor lenken.“ In der zweiten Halbzeit ließ der Frankfurter einen weiteren Treffer folgen. Am Ende, so heißt es in allen Annalen, verlor die DFB-Elf gegen die Schweiz 3:5.

          Hervorragender Leichtathlet und Hundert-Meter-Sprinter

          Nur der zweifache Torschütze Becker behauptete, dass das korrekte Ergebnis 2:5 hätte lauten müssen. Der dritte deutsche Treffer durch den Stürmer Förderer sei nämlich ein Lattenschuss gewesen, sagte Becker dreißig Jahre nach dem DFB-Debüt gegenüber dem Journalisten Richard Kirn. Völlig abwegig fand Kirn diese Darstellung nicht. Schließlich war 1908 kaum ein deutscher Berichterstatter unter den 4000 Zuschauern in Basel, weil der aus England importierte Sport hierzulande noch als „Fußlümmelei“ galt; zudem zweifelte Kirn nicht „an der persönlichen Überzeugtheit und Klarheit des Ehrenmannes“ Fritz Becker, der nach seiner aktiven Fußballkarriere als Amtsrat arbeitete und zudem im Spielausschuss der Frankfurter Eintracht aktiv war.

          Die Fußballhistoriker von heute halten Beckers Angaben allerdings nicht für glaubwürdig und sehen es als erwiesen an, dass Förderer zu Recht das Tor zum zwischenzeitlichen 2:3 zugeschrieben wird. Sicher verbürgt ist, dass Beckers Kicker-Karriere steil nach oben verlief in der Gründerzeit des deutschen Fußballs. Erst drei Jahre vor seinem ersten und einzigen Länderspiel hatte der Oberprimaner unter dem Namen „Penne“ mit dem damals abschätzig beurteilten Fußballspielen begonnen. Kurz vor der Abreise nach Basel war er vom Schuldirektor noch getadelt worden, weil er „inmitten eines Haufens von Rohlingen mit den Beinen gegen einen Ball“ getreten habe. Dass der 1,68 Meter große Becker, zugleich ein hervorragender Leichtathlet und Hundert-Meter-Sprinter, überhaupt für das Länderspiel nominiert wurde, hatte er seinem Landesverband zu verdanken. Der Premiere in der Schweiz waren nicht nur jahrelange Vorbereitungen innerhalb des 1900 gegründeten DFB vorausgegangen, sondern auch eine umständliche Auswahl der Spieler durch die Landesverbände. Erst kurz vor der Abreise nach Basel erfuhren die elf Akteure aus verschiedenen Regionen Deutschlands von ihrer Berufung; nur Bayern und die Gebiete östlich Berlins entsandten keinen Mann.

          Ein Spiel, zwei Tore, 60 Mark Kosten

          Eifrig improvisiert wurde bis kurz vor der Begegnung. Becker und die anderen zehn Kicker bekamen vom DFB nur die vornehmlich schwarze Spielkleidung gestellt; ihre Fußballschuhe hatten sie selbst mitbringen müssen. Einen gemeinsamen Lehrgang gab es nicht, die Taktik wurde kurzerhand vom deutschen Kapitän, Arthur Hiller vom 1. FC Pforzheim, festgelegt. Fritz Becker, von seinen Frankfurter Mitspielern „Knäuel“ genannt, weil er so quirlig war, nahm die Position des linken Halbstürmers ein.

          Die mitgereisten DFB-Offiziellen sorgten sich mehr um Drumherum. Der Delegationsleiter Max Dettinger und der Spielausschussvoritzende Hugo Kubaseck hielten Ansprachen, in denen es weniger um das Auftreten in den folgenden neunzig Spielminuten ging als vielmehr um das Benehmen beim anschließenden Bankett. Wiewohl das Verhalten der deutschen Spieler offenbar ohne Fehl und Tadel war, kam es doch zu einem kleinen Eklat; daran beteiligt war Fritz Becker als Leidtragender. Weil der schweizerische Nationaltorhüter Dr. Dreyfuss in den frühen Morgenstunden eine seiner Paraden wiederholt und dabei ein Tablett umgestoßsen hatte, flogen Soße, Essig und Senf umher und landeten in Beckers Schoß.

          Ein teures Vergnügen für den Hessen, der ein Jahre später erster Ehrenspielführer der Frankfurter Eintracht wurde: Die Reinigung des festlichen Anzugs, den sich Fritz Becker zuvor in Frankfurt für zwölf Mark ausgeliehen hatte, kostete ihn weitere 48 Mark. Beckers Länderspielbilanz lautet also bis heute: ein Spiel, zwei Tore, 60 Mark Kosten.

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