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Frauenfußball : Ungleiches Duell um den europäischen Thron

  • -Aktualisiert am

Zum Greifen nah und doch unerreichbar: Popp und der Pokal Bild: Reuters

Sportlich und wirtschaftlich sind die Wolfsburger Fußballfrauen dem überragenden Champions-League-Sieger Olympique Lyon unterlegen. Deshalb wird nun wohl eine ganz grundlegende Frage gestellt.

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          Ihr Blick ging ins Leere. Die Art und Weise, mit der Alexandra Popp auf ihren Lippen herumkaute, signalisierte tiefen Frust. „Wir haben zu spät angefangen“, sagte die Führungskraft des VfL Wolfsburg bei einer Pressekonferenz, die ihr keinen Spaß machen konnte. Am späten Sonntagabend darüber referieren zu müssen, wie die 1:3-Niederlage im Finale der Champions League zu erklären sei, war für Alexandra Popp bitter. Wieder sind die Wolfsburgerinnen an Olympique Lyon gescheitert. Wieder stellt sich die Frage, wie die Dominanz des französischen Meisters durchbrochen werden kann. Die Wolfsburgerinnen hatten in der Tat zu spät angefangen, mutig und entschlossen ihre Chance zu suchen. Und sie plagen sich mit der Sorge herum, ob eine solche Chance so schnell wieder in Sicht kommt.

          Es waren die üblichen Jubelarien, die die Mannschaft des VfL Wolfsburg tapfer ertragen musste. Viel Konfetti, laute Musik, singende Konkurrentinnen: Seit 2016 findet sich niemand mehr, dem es gelingen will, die Fußballfrauen von Olympique Lyon vom europäischen Thron zu stoßen. Eugénie Le Sommer (25. Minute), Saki Kumagai (42.) und die ehemalige Wolfsburgerin Sara Björk Gunnarsdottir (88.) schossen die Tore für den verdienten Sieger. Nach dem zwischenzeitlichen Anschlusstreffer von Alexandra Popp (57.) war der Eindruck entstanden, als könne es doch noch spannend werden. „Wir haben es nicht geschafft, unser Spiel nach vorne durchzudrücken“, sagte Alexandra Popp. Sie war nach der Finalniederlage nicht zum Spaßen aufgelegt. Und es bleibt ihr Geheimnis, wie es gelingen kann, sich bis zum Saisonstart der Bundesliga am Freitag wieder auf das Alltägliche zu freuen.

          Siegerin entschuldigt sich

          Unter die artigen Gratulationen, die nach dem Endspiel in San Sebastián ausgetauscht wurden, hatte sich etwas Merkwürdiges gemogelt. „Entschuldigung“ – das soll mit Gunnarsdottir jene Siegerin gesagt haben, die bis vor kurzem noch für den VfL gespielt hat, ihm auf dem Weg in das Finalturnier der Champions League helfen konnte, bevor sie dann als Gegenspielerin in Erscheinung trat. Ausgerechnet die nach Lyon gewechselte Isländerin hatte für die Entscheidung gesorgt. Es bleibt dem allgemeinen Corona-Durcheinander anzulasten, dass eine solche Personalie mit einer sonderbaren Spielberechtigung ins Spiel gekommen war. Gunnarsdottir ist während des Wettbewerbs gewechselt und war trotzdem für Lyon spielberechtigt. „Ich finde es ziemlich traurig. Aber wir müssen das so hinnehmen“, sagte VfL-Kapitänin Popp. Sie war aber ehrlich genug, einzuräumen, dass nicht nur Gunnarsdottir den Unterschied ausgemacht hatte.

          Für die spieltaktische Analyse der nächsten Niederlage gegen Lyon ist beim VfL Wolfsburg Stephan Lerch zuständig. Der Cheftrainer zeigte sich stolz auf sein Team. Er attestierte Fußball mit Herz und legte den Finger nicht zu tief in die eigenen Wunden. Den ersten beiden Treffern für Lyon waren Fehler in jener Defensive vorausgegangen, die Lerch für das Finale noch umgestellt hatte. Seine Idee, die Vierer-Abwehrkette mit Lena Goeßling und Anna Blässe zu bestücken, wurde nicht belohnt. Seine Vorgabe, dem hohen Favoriten zunächst eher mit einer kontrollierten Offensive zu begegnen, hatte nicht zum gewünschten Ergebnis geführt.

          Mit der Rückkehr aus dem Baskenland und in den Liga-Alltag bleibt die Frage verbunden, wie sich die Wolfsburger Frauenmannschaft künftig aufstellen will. Die führenden Vereine aus Spanien, England und Frankreich investieren immer mehr Geld in ihre Frauenteams, während in Wolfsburg ein Einschnitt ansteht. Lerch hat angekündigt, nach der Saison 2020/21 nicht mehr als Trainer zur Verfügung zu stehen. Nach dem Verlust von Gunnarsdottir gilt auch der Wechsel der starken Dänin Pernille Harder zum FC Chelsea als beschlossen.

          In Wolfsburg wird es in den kommenden Tagen auch um die grundlegende Frage gehen, wie das VfL-Team so aufgestellt werden kann, dass es eine internationale Größe mit Ambitionen auf einen Champions-League-Titel bleibt. Das Fernduell mit dem Branchenprimus Lyon wird angesichts der enormen Qualität des französischen Meisters immer ungleicher. Deshalb die eigene Strategie zu überdenken oder mehr Geld und Mühe in das eigene Team zu investieren, bleibt ein sensibles Thema. Dass der VfL Wolfsburg deutscher Meister und DFB-Pokalsieger wird, gilt als normal. Dass er gegen Lyon verliert, dummerweise auch.

          Frauen-Elf in Wiesbaden

          Die Frauen-Nationalmannschaft bestreitet ihr zweites Heim-Länderspiel nach dem Restart am Dienstag, 27. Oktober (16 Uhr in der ARD) in der Brita-Arena in Wiesbaden. Das beschloss das Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes. Gegner des Teams von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg wird die Frauen-Nationalmannschaft Englands sein. In der hessischen Landeshauptstadt kommt es damit zum Rückspiel einer besonderen Partie. Ende vergangenen Jahres hatte die Frauen-Nationalmannschaft im Wembley-Stadion 2:1 gegen England gewonnen. „Wir freuen uns auf das Spiel gegen einen starken Gegner, der uns fordern und die Möglichkeit geben wird, uns als Mannschaft auf einem Top-Niveau weiterzuentwickeln“, sagte Martina Voss-Tecklenburg. „Schon das Hinspiel in Wembley hat gezeigt, wie sehr unser junges Team von diesen Herausforderungen profitiert. Unsere Spielerinnen benötigen diese Erfahrungen, um zu wachsen.“

          Auf den Standort Wiesbaden fiel die Wahl unter anderem, weil das Stadion optimale Bedingungen zur Umsetzung des Hygienekonzeptes bietet, das Grundlage für die Austragung von Länderspielen ist. Die DFB-Auswahl setzt die aufgrund der Corona-Pandemie unterbrochene Saison mit den beiden EM-Qualifikationsspielen gegen Irland in Essen am 19. September (14 Uhr im ZDF) und Montenegro am 22. September (16 Uhr in der ARD) fort. Die Europameisterschaft findet 2022 in England statt. (F.A.Z.)

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