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Frauenfußball : Im Geheimdienst Ihrer Nationalmannschaft

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Internationale Nationalmannschaft: Annike Krahn (vorne) spielt bei Paris Saint-Germain, Lena Goeßling (l.) könnte eines Tages folgen Bild: Reuters

Zum WM-Qualifikationsspiel in Russland (Samstag, 14.45 Uhr) reist die deutsche Frauenfußball-Nationalteam mit so vielen „Legionärinnen“ wie noch nie: Das tut der Entwicklung der Spielerinnen gut – und bringt Erkenntnisse für die WM im kommenden Jahr.

          Wenn man Lena Goeßling glauben darf, dann dürften Reisen des Frauenfußball-Nationalteams wie zum WM-Qualifikationsspiel in Russland an diesem Samstag (14.45 Uhr/ live in der ARD) mit angeregteren Unterhaltungen einhergehen als bisher. „Wir haben ganz neue Gesprächsthemen, das ist echt spannend, was die Mitspielerinnen erzählen“, sagt die Wolfsburger Mittelfeldspielerin, die mit ihrem seit 1997 in Qualifikationsspielen ungeschlagenen Team noch einen Punkt aus den ausstehenden Spielen gegen Russland und Island (Donnerstag, 18 Uhr) für die QM-Qualifikation einspielen muss.

          Statt in der Not über Shoppingmöglichkeiten oder gar eine sportgeeignete Schminke sprechen zu müssen, geht es nun um Auslandserfahrungen: Die Wurzel von Goeßlings Begeisterung sind die ungewöhnlich vielen Legionärinnen im deutschen Team. Fünf der 20 Nominierten für das Spiel in Moskau spielen derzeit im Ausland: Nadine Angerer pendelt zwischen Portland und Brisbane, wo sie bis zum Beginn der nächsten Spielzeit amerikanischen Profiliga wie schon im vergangenen Winter drei Monate in der australischen Liga spielen wird. Annike Krahn, Lira Alushi und Josephine Henning bilden den prominentesten Teil eines noch größeren deutschen Blocks bei Paris Saint-Germain. Anja Mittag hat ihre dritte Spielzeit in Schweden hinter sich. „Das bereichert unser tagelanges Zusammensein beim Nationalteam, weil man natürlich neue Dinge hört“, sagt Goeßling.

          Für die Auslandsspielerinnen selbst scheint der Kick in der Fremde ebenfalls befruchtend zu sein: Annike Krahn ging vor zwei Jahren als Vorreiterin nach Paris, die Welt- und Europameisterin hat sich gut eingelebt und die Sprache gelernt. „Wenn man so eine Möglichkeit für einen Auslandsaufenthalt hat, dann muss man diese Chance ergreifen“, sagt die heute 29 Jahre alte Innenverteidigerin. „Ich hatte gerade mein Studium fertig und suchte eine neue Herausforderung. Da passte das Ganze gut, weil es ein sportlich interessantes Projekt war, das sich bislang von Jahr zu Jahr verbessert hat.“ Die Zeit in der Fremde mit den unvermeidlichen Sprachproblemen zu Beginn, dem Gewöhnungsprozess an ein neues sportliches Umfeld habe sie geprägt und als Persönlichkeit weitergebracht. „Frankreich ist nun mal eine andere Kultur, beispielsweise bezüglich der Organisation einer Mannschaft gibt es schon Riesenunterschiede. Da habe ich gemerkt, dass ich typisch deutsch bin.“

          Begeisterte Pendlerin: Nadine Angerer spielt für Brisbane und Portland

          Annike Krahn verdient in Paris auch den ein oder anderen Euro mehr als zuvor bei ihrem mittlerweile aus Finanznot im MSV Duisburg aufgegangenen Heimatklub FCR Duisburg. Aber das Geld habe bei ihrem Wechsel nie im Vordergrund gestanden, beteuert sie. Stattdessen biete die Professionalisierung des Frauenfußballs auch in den europäischen Nachbarstaaten einfach neue sportliche Möglichkeiten. „Wir profitieren natürlich vom Engagement aus Katar. Aber es ist jetzt trotzdem nicht so, dass wir Massen an Geld verdienen. Aber die Strukturen sind professionell, die Trainingsbedingungen sehr gut“, sagt sie.

          Angerers Volltreffer Brisbane und Portland

          Ähnlich äußert sich auch Nadine Angerer. Die aktuelle Weltfußballerin hat in Brisbane und Portland hochprofessionelle Trainingsbedingungen. Auch das habe der 35 Jahre alten Torhüterin den nötigen Schub gegeben, um sich sportlich auf ihre alten Tage noch einmal weiterzuentwickeln. „Die Entscheidungen für Brisbane und Portland waren für mich zwei Volltreffer“, sagt Angerer. „Das bringt mich als Persönlichkeit einfach noch mal weiter.“

          Davon will auch Silvia Neid profitieren. Die 50 Jahre alte Bundestrainerin verfolgt die Auslandswechsel einiger ihrer Topspielerinnen mit Zufriedenheit. „Das kann nur gut sein für unsere Nationalmannschaft, wenn die Spielerinnen Erfahrungen sammeln“, sagt Neid. „Und gerade Paris ist für mich annähernd genauso schnell zu erreichen wie beispielsweise Wolfsburg. Ich kann die Spielerinnen also auch vor Ort beobachten.“ Den Termin fürs Topspiel gegen Lyon hat sich Neid schon im Kalender angestrichen - die anschließende Sightseeing- und Shoppingtour indes noch nicht geplant, wie Neid augenzwinkernd sagt.

          Erkenntnisse über die WM-Konkurrenz

          Die Bundestrainerin kann aber auch noch auf andere Weise ihren Nutzen ziehen aus den Erfahrungen ihrer Spielerinnen. Nadine Angerer beschreibt ihre Rolle in Amerika und Australien auch wie die einer Spionin im Geheimdienst Ihrer Nationalmannschaft, die Erkenntnisse sammelt über die härteste WM-Konkurrenz. „Ich lerne die Gegnerinnen in Australien oder Amerika viel besser kennen. Wir haben im deutschen Team beispielsweise in den vergangenen Jahren nie gegen die Amerikanerinnen gewonnen, weil wir viel zu viel Respekt gezeigt haben vor deren Auftreten“, sagt sie. „Ich weiß jetzt, wie wenig fußballerische Substanz die Amerikanerinnen hinter ihrer herausragenden Fitness haben. Und ich habe gelernt, wie zerbrechlich selbst eine Top-Stürmerin wie Alex in Wahrheit ist. Das kann ich meinen Mitspielerinnen im kommenden Jahr bei der WM vermitteln.“

          Lena Goeßling wird dabei sicher eine aufmerksame Zuhörerin sein. Ihr Vertrag in Wolfsburg läuft nach der Saison aus. Und auch wenn sie das Projekt in Niedersachsen noch immer sportlich reizt, so könnte sie nach der Weltmeisterschaft mit 28 Jahren ein Alter erreicht haben für eine Zwischenstation im Ausland.

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